"Iftar to go" - Wie Moscheegemeinden mit der Corona-Krise umgehen

10.04.2020

In der Corona-Krise sind auch islamische Gebetshäuser bundesweit geschlossen. Mit kreativen Angeboten versuchen Moscheen, ihren Mitgliedern Ersatz zu bieten. Einige stehen jedoch aufgrund fehlender Spenden vor dem Aus.

"Verehrte Geschwister, leider müssen die Gebete aufgrund der Infektionsgefahr durch den Coronavirus ausgesetzt werden. Möge Allah die Situation zum Besseren wenden." Mit solchen oder ähnlichen Hinweisen machen Moscheegemeinden in diesen Tagen auf das geltende Versammlungsverbot bei Gottesdiensten aufmerksam. Auch die arabisch geprägte Al-Nour Moschee, eines der größten islamischen Gotteshäuser in Hamburg, fordert ihre Mitglieder auf, zu Hause zu beten. Die Moschee ist seit Mitte März geschlossen. "Wir halten uns an die gesetzlichen Auflagen", betont Vorsitzender Daniel Abdin. "Viele Gemeindemitglieder trifft das sehr hart." Schließlich sei die Moschee ja nicht nur Gebets-, sondern auch Begegnungsstätte. Neben dem Freitagsgebet fallen auch das anschließende Teetrinken und der regelmäßige Islam-Unterricht aus.

Ähnlich wie die Kirchen versuchen die islamischen Gemeinden, mit Internet-Videos und Livestreams Ersatz zu bieten. Al-Nour stellt die Freitagspredigt von Imam Samir El-Rajab in arabischer Sprache online. Andere Moscheen und Verbände, wie etwa die Schura Hamburg, bieten auch Beiträge auf Deutsch oder in ihrer jeweiligen Gebetssprache an. Das Freitagsgebet aus der Kölner Zentralmoschee verfolgen nach Angaben des deutsch-türkischen Moscheeverbands Ditib derzeit rund 100.000 Gläubige auf digitalen Kanälen.

Viele islamische Theologen betonen, dass die virtuelle Teilnahme das verpflichtende Gemeinschaftsgebet am Freitag nicht ersetzen könne. Der als liberal geltende Abdin dagegen ist überzeugt: "Das Freitagsgebet darf in Krisenzeiten auch zuhause verrichtet werden." Er sieht vielmehr seine Gemeinde in der Pflicht, die Mitglieder nicht zu vergessen und bestmöglich zu unterstützen. So sei der Imam für seelsorgerische Fragen telefonisch erreichbar. "Viele rufen an und berichten von ihren Sorgen um ihre Familien und ihre wirtschaftliche Situation."

Besonders schmerzhaft wird der Verzicht auf den Moscheebesuch für viele Muslime im bevorstehenden Fastenmonat Ramadan, der in diesem Jahr am Abend des 23. April beginnt und bis zum 23. Mai dauert. In der Al Nour Moschee versammeln sich in dieser Zeit normalerweise täglich rund 300 Menschen zum abendlichen Fastenbrechen, dem sogenannten Iftar. Auch wenn die behördlichen Verbote derzeit nur bis zum 19. April gelten, geht Abdin davon aus, dass die Muslime im Ramadan zuhause feiern müssen.

Seine Gemeinde bereitet deshalb ein Projekt "Iftar to go" vor, bei dem Freiwillige sozial Benachteiligten zum Fastenbrechen warme Speisen, Obst und ein Getränk nach Hause liefern. "So können wir wenigstens unserer sozialen Pflicht weiter gerecht werden." Von der Diskussion, den Ramadan wegen der Corona-Pandemie abzusagen, hält Abdin nicht viel. "Wer aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht in der Lage ist, braucht sowieso nicht zu fasten und kann es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen."

Das Gottesdienstverbot stellt die Moscheegemeinden, die meist von den Spenden ihrer Mitglieder leben, auch vor finanzielle Herausforderungen. "Spendenaufrufe während der Freitagsgebete, zum Beispiel für Bauprojekte, bringen in einer Moschee an ein, zwei Freitagen schnell die Gesamtsumme zusammen", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek. Er denkt nicht, dass solche Beträge durch Überweisungen zusammenkommen und fürchtet für viele Moscheen infolge der Corona-Krise das Aus.

"Die Gemeinden sind teilweise existenziell bedroht, weil sie ihre Miete und ihre laufenden Kosten nicht zahlen können", sagt Daniel Abdin, der auch Vorsitzender des ZMD-Landesverbands Hamburg ist. Viele seien in Gesprächen mit ihren Vermietern. Einige rufen auf ihren Internet- und Facebookseiten zu Spenden auf.

Im Islamischen Zentrum Al-Nour könne man sich behelfen. Die Gemeinde hat vor einigen Jahren eine ehemalige evangelische Kirche gekauft, die sie zur Moschee umgebaut hat, und muss keine Miete zahlen. Sie versucht aus der Not eine Tugend zu machen - und nutzt die vorübergehende Schließung für Malerarbeiten. (KNA)

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