Helden in Syrien - die «Weißhelme» retten Menschen unter Lebensgefahr

24.11.2016

In Syrien setzen die Bergungsteams mit den weißen Helmen ihr Leben für andere Menschen aufs Spiel. Mehr als 60.000 Männer, Frauen und Kinder konnten sie bislang vor dem Tod bewahren. Von Jan Dirk Herbermann

Schwanger im achten Monat rannte Abeer al-Thawra auf die Straße, um Hilfe für ihren Mann zu holen. Doch niemand war da. Ihr Mann verblutete. Er wurde Opfer eines heftigen Granatenangriffs auf die syrische Stadt Daraa. Nach dem traumatischen Verlust vor drei Jahren war für die fünffache Mutter klar: «Ich will nicht nur Zuschauerin sein.»

Abeer al-Thawra schloss sich den Weißhelmen an, auch bekannt als Syrischer Zivilschutz. Seitdem riskiert sie zusammen mit etwa 3.000 weiteren Frauen und Männern ihr eigenes Leben, um andere in der Hölle des syrischen Bürgerkriegs zu retten. Nach eigenen Angaben haben die Weißhelme bereits mehr als 60.000 Männer, Frauen und Kinder vor dem sicheren Tod bewahrt. Für ihre Verdienste erhält die Freiwilligen-Organisation am Freitag in Stockholm den Alternativen Nobelpreis der Right-Livelyhood-Stiftung.

Die Weißhelme sind eine humanitäre Feuerwehr: In vielen Teilen Syriens, die in Rebellen-Hand sind, gelten sie als der Inbegriff des selbstlosen Helfers. In den Gebieten, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad beherrscht, dürfen sie nicht operieren. Die Weißhelme warnen die Zivilbevölkerung vor drohenden Angriffen. Nach den Attacken ziehen sie Verletzte und Tote aus den Trümmern, leisten den Überlebenden erste Hilfe und transportieren sie in die wenigen noch funktionstüchtigen Krankenhäuser. Und sie beerdigen die Toten.

Die Weißhelme waren auch nach Angriffen mit Chemiewaffen zur Stelle, leisteten medizinische Hilfe. «Sie sind absolut heldenhaft», sagt die Regisseurin Joanna Natasegara, die einen Film über die Organisation drehte. Dabei riskieren sie ihr Leben, und manche verlieren es. Einrichtungen der Weißhelme wurden von russischen und syrischen Militärjets angegriffen. 142 Weißhelme starben bislang im Einsatz. Viele Helfer erlitten Verletzungen in dem Konflikt, der seit seinem Beginn 2011 insgesamt mehr als 300.000 Menschen das Leben kostete.

«Meine Waffen sind der Weiße Helm, die Schaufel und die medizinische Ausrüstung», sagt der 31-jährige Schahud, der im Osten Aleppos eine Gruppe von Weißhelmen anführt. Schahud wollte weder für das Assad-Regime noch für die Aufständischen der «Freien Syrischen Armee» in den Bürgerkrieg ziehen. Dem arabischen Sender Al-Dschasira sagte er: «Den unschuldigen Opfern zu helfen, ist wichtiger als mit der Waffe zu kämpfen.»

Vor Beginn des Konflikts arbeitete Schahud in einem Geschäft für Hauseinrichtungen. Andere Weißhelme arbeiteten auf dem Bau, als Schneider, als Schmied oder sie studierten. Krieg und Terror aber veränderten alles. Und viele von ihnen entdeckten ihren Mut.

Mit wenigen Freiwilligen fing es zur Jahreswende 2012/2013 an. Damals verschärfte das Assad-Regime die Bombardierung von Wohnvierteln. Aus den versprengten Haufen von Rettern entwickelte sich eine eingespielte Hilfsorganisation, mit über 120 Stützpunkten. Die Helfer geloben, den humanitären Prinzipien wie der Unparteilichkeit treu zu sein und orientieren sich an einem Ausspruch aus dem Koran: «Wer ein einziges Leben rettet, rettet die gesamte Menschheit.»

Doch ohne Hilfe von außen geht es nicht. So können die Weißhelme für ihre gefährlichen Einsätze im Ausland trainieren, etwa in der Türkei. Und die Organisation erhält finanzielle Unterstützung von den Regierungen Großbritanniens, Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, Japans und der USA.

Diese Zahlungen und auch die professionelle Medienarbeit der Weißhelme sind dem Assad-Regime ein Dorn im Auge. Als Machthaber Assad in einem Interview auf die Weißhelme angesprochen wurde, antwortete er mit einer Gegenfrage: «Was haben sie in Syrien erreicht?» Die zahlreichen Auszeichnungen, die die Gruppe erhält, sind Teil der Antwort. (epd)

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