Gegen IS-Terror und Salafismus - Junge Muslime werben in Fußgängerzonen für gemäßigten Islam

08.09.2015

Mit einer inszenierten öffentlichen Hinrichtung machte die Gruppe «12thMemoRise» von sich reden. Damit wollten die jungen Muslime gegen den IS-Terror und Salafismus protestieren. Ihre Botschaft, so betonen sie, ist aber nicht Gewalt, sondern Liebe. Von Andreas Gorzewski

«Du, jugendlicher Muslim und Muslima, ist das eure Ehre?» fragt ein junger Mann mit kurz getrimmtem Bart in die Kamera. «Seid ihr zufrieden mit dem Bild, das von euch verbreitet wird?» In einem Youtube-Video versucht der Mann, junge Muslime zum Protest gegen radikale Salafisten zu bewegen: Die Extremisten missbrauchten den Islam. Ein Mitstreiter sagt: «Mit welchem Recht meckern wir als Muslime, dass wir in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden, wenn wir nichts tun?»

Das Video stammt von der Gruppe «12thMemoRise». Sie will den Terror der Miliz «Islamischer Staat» (IS) und die Propaganda von Salafisten nicht hinnehmen und wendet sich unter anderem mit spektakulären Aktionen in Innenstädten gegen die Islamisten.

Der kaum übersetzbare Name der Gruppe ist als Aufruf zu verstehen, sich gegen ein radikales Religionsverständnis zu erheben. Er betont zudem die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam. «Die Zwölf steht für die zwölf Stämme Israels, die zwölf Apostel und die zwölf Imame», erläutert Gruppenmitglied Hassan Geuad. Er studiert in Düsseldorf Germanistik. Im Alter von zehn Jahren kam der heute 25-Jährige aus dem Irak. Bei «12thMemoRise» machen laut Geuad vor allem Schiiten mit, aber auch Sunniten, ein Alevit, zwei Christen, ein Jeside und ein Buddhist sind dabei.

Ihre Bühne sind die Fußgängerzonen. Dort wollen sie den Infoständen der «Lies!»-Kampagne nicht das Feld überlassen, bei der Salafisten Koranausgaben verteilen und junge Leute anwerben. Geuad und seine Freunde warnen vor einer Radikalisierung von Menschen durch «Lies!». Das salafistische Gedankengut könne dazu führen, dass junge Männer als islamistische Kämpfer zum IS nach Syrien oder in den Irak reisen.

Besonders drastisch war die Aktion von «12thMemoRise» vor einigen Monaten in Essen: Dort zerrten schwarz vermummte Männer zwei Gefesselte in orangefarbener Häftlingskleidung durch die Straße. In einer inszenierten Hinrichtung taten die Vermummten so, als würde sie ihre Opfer mit einem Säbel und einer Pistole umbringen. Auf einem schwarz-weißen Banner, das der IS-Flagge nachempfunden war, stand: «Ausgebildet in Bonn, Solingen, Wuppertal.» In diesen Städten hatten Salafisten mit Gewalt und mit einer selbst ernannten «Scharia-Polizei» Schlagzeilen gemacht.

Die Essener Aktion sollte schockieren und aufrütteln. «Jedoch soll die Botschaft nicht Gewalt, sondern Liebe sein», betont Geuad. «12thMemoRise» wendet sich nach seinen Worten vor allem an die Masse der Muslime. «Sie sollen aufwachen und gegen die radikalen Muslime auf die Straße gehen», sagt er. Zugleich fordert er einen deutschen Islam, der nicht aus dem Ausland gesteuert wird. Dafür sei ein Islam-Gesetz wie in Österreich nötig. Das Gesetz untersagt die Finanzierung islamischer Gemeinden aus dem Ausland.

Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück glaubt, dass die Aktionen eine positive Wirkung haben. «Zum einen richten sie sich direkt gegen die Gräueltaten des IS», sagt der Experte, der an Präventionsprojekten zum Salafismus mitarbeitet. «Zum anderen zeigen sie, dass es in Deutschland eine kritische muslimische Öffentlichkeit gibt, die sich damit auseinandersetzt.»

Dagegen hat der Islamwissenschaftler Bacem Dziri Zweifel an der Wirksamkeit zumindest der schockierenden Elemente. «Je drastischer die Mittel sind, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen, desto aussagekräftiger muss die Pointe im Anschluss sein», sagt der Mitarbeiter der Institute für Islamische Studien in Osnabrück und Frankfurt am Main. «Da reicht es kaum, einfach nur als Muslime einen Protest zu bekunden.»

Nicht überall sind die klaren Botschaften von «12thMemoRise» willkommen. Immer wieder gebe es Morddrohungen, berichtet Geuad. «Ich wurde selber schon in Düsseldorf angegriffen.» Im Internet und von Einzelpersonen erfahren die Aktivisten jedoch viel Zuspruch. Mehr als 2.700 Mal klickten Internetnutzer auf ihrer Facebook-Seite den Button «Gefällt mir». (KNA)

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