Frauen-Taxis in Ägypten

Auf Nummer Sicher

Fast jede Frau in Ägypten wurde in der Öffentlichkeit schon sexuell belästigt. Eine Unternehmerin macht aus dieser Not eine Tugend: Das "Pink Taxi" ist ein Service von Frauen für Frauen. Aus Kairo berichtet Elisabeth Lehmann

Wenn man Reem Fawzy eines wohl nicht nachsagen kann, dann ist es mangelndes Selbstbewusstsein. Das Büro der Geschäftsfrau ist dekoriert mit Fotos - eigentlich alle zeigen sie. Inklusive Kaffeebecher mit ihrem Antlitz und einem Abbild der ägyptischen Königin Kleopatra - mit Reem Fawzys Gesichtszügen.

An der Wand hängt ein vergilbtes Selfie mit Hillary Clinton, darüber Reem Fawzy auf einem Podium mit Präsidententochter Chelsea Clinton. "Ich wurde damals ausgewählt als Beste unter allen - nicht nur als beste Frau -, weil ich mich für soziale Projekte eingesetzt habe", erzählt Fawzy stolz. "Während der Revolution waren Frauenrechte ein großes Thema, aber die meisten haben nur darüber geredet. Ich habe etwas getan."

Sie habe Frauen trainiert und ihnen zu Jobs verholfen. Sie sieht es ein bisschen als ihre Berufung an, Frauen in Ägypten zu fördern, aber sie weiß auch um den Marketingeffekt solcher Projekte.

Frauen - eine "Gefahr im Straßenverkehr"

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass ihr neues Projekt auf dieser Schiene fährt. "Pink Taxi" heißt es - ein Fahrdienst von Frauen für Frauen. "Nach der Revolution ist es sehr unsicher für uns Frauen geworden, Taxi zu fahren", erzählt die 44-Jährige. Sie hat sich der Firmenfarbe angepasst. Pinkfarbene Bluse, pinkfarbener Lippenstift und Nagellack. Kopftuch, Jacke und Augenbrauen sind tiefschwarz. Übergriffe auf Frauen in der Öffentlichkeit waren nach 2011 plötzlich Alltag. Sie habe, wenn sie in ein Taxi gestiegen sei, immer erst einmal den Namen des Fahrers und die Ziffern des Nummernschilds an ihre Familie geschickt. Für den Fall der Fälle.

Und so kam die Idee, sich 20 pinkfarbene Autos anzuschaffen, dazu 50 Frauen einzustellen, sie auszubilden und sie in pinkfarbenen Uniformen in Kairos Verkehrschaos zu jagen.

Heba legt ihren Sicherheitsgurt an, stellt den Rückspiegel richtig ein, legt ihr Handy in die Mittelkonsole, richtet noch einmal das Kopftuch - und dann macht sie sich auf in Kairos Rushhour. Eigentlich ist in Kairo immer Rushhour. Als Heba ausparkt, fällt dem Fahrer eines weißen, normalen Taxis nebenan die Kinnlade herunter. "Was ist das denn?", schreit er und fuchtelt wild mit den Armen. "Das ist doch gefährlich! Für das Mädchen und alle, die mit ihr mitfahren!"

Pink Taxi in Kairo; Foto: DW/E. Lehmann
Schutz vor Übergriffen und sexueller Gewalt: Die Unternehmerin Reem Fawzy hat einen Fahrdienst von Frauen für Frauen geschaffen. Sie will Ägypterinnen damit ein Stück Sicherheit im Straßenverkehr geben, denn sexuelle Belästigungen von Frauen sind Alltag in Ägypten.

Heba lässt sich von solchen Kommentaren gar nicht beeindrucken. Ihr eigener Mann hat schließlich genauso reagiert, als sie vor ein paar Monaten beschlossen hat, Taxi-Fahrerin zu werden. "Er meinte, es ist nicht sicher für mich. Und ich kann keinen Reifen wechseln, sagt er." Doch, kann sie. Immerhin hat sie zwei Monate Training bekommen, bevor sie zum ersten Mal auf die Straße gelassen wurde.

Trennung der Geschlechter

Heba fährt schon lange Auto. Doch bevor die 36-Jährige einen Führerschein hatte, musste sie selbst oft mit den weißen Taxis fahren. Es war furchtbar für sie. "Viele Taxifahrer installieren so kleine Spiegel überall, damit sie die Kundin hinten beobachten können." Private Gespräche und anzügliche Sprüche waren dann meist die nächste Stufe. Das "Pink Taxi" ist eine wunderbare Erfindung, meint sie. "Die Männer betrachten uns als Puppen. Und da müssen wir uns doch wehren."

Tatsächlich haben laut einer Studie der Vereinten Nationen 99 Prozent der Ägypterinnen Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Aber Kritiker warnen auch davor, die Gesellschaft noch weiter zu teilen, indem Frauen in einem Bereich leben, zu dem Männer keinen Zutritt haben.

Nein, das Problem löse das "Pink Taxi" sicher nicht, gibt Chefin Reem Fawzy zu, aber den Anspruch habe sie auch gar nicht. "Wir sind ein Privatunternehmen, nicht die Polizei. Sexuelle Belästigung in den Griff zu bekommen, das ist Aufgabe des Staates."

Proteste gegen männliche Übergriffe in Ägypten, Foto: DW
Proteste gegen männliche Übergriffe in Ägypten: "Belästigung hat nichts mit Klamotten zu tun". Laut einer Studie der Vereinten Nationen 99 Prozent der Ägypterinnen Erfahrungen mit sexueller Belästigung.

Außerdem erweise sie ihrem Land mit ihrem Projekt einen großen Dienst: "Das mit der sexuellen Belästigung hat sich leider herumgesprochen. Touristinnen trauen sich schon nicht mehr in unser Land. Ich biete ihnen nun eine sichere Möglichkeit, sich fortzubewegen." Sie werde ihre Mädchen, wie sie die Fahrerinnen nennt, am Flughafen postieren. Dort können sie ausländische Kundinnen sofort in Empfang nehmen.

Alle Fahrerinnen brauchen einen Uni-Abschluss

"Ihre Mädchen" sind alle zwischen 25 und 45 Jahre alt, haben alle einen Uni-Abschluss, sprechen alle Englisch. Das ist der Chefin wichtig. Sie nennt es "Attitude" - eine Frage der Haltung. "Ich habe in meinem anderen Unternehmen sehr viele männliche, ungebildete Fahrer. Die wissen nicht, wie man sich Kunden gegenüber benimmt." In einer Ständegesellschaft wie der ägyptischen entscheidet "Attitude" schon einmal über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens.

Reem Fawzy lässt - wie zum Beweis - fünf ihrer Fahrerinnen in ihrem Büro auflaufen. Die jungen Frauen stehen kerzengerade neben ihrer Chefin, die in einem schwarzen Ledersessel thront, und lächeln. Auch das hat sie ihnen beigebracht. Sie hat sie mit dem Versprechen gelockt, dass sie bei diesem Job ins Fernsehen kommen, gibt Reem Fawzy freimütig zu. Außerdem bezahlt sie recht gut. Knapp 350 Euro bekommen die Frauen im Monat.

Am Anfang sei es schwer gewesen, Frauen zu finden, die den Job machen wollten. Taxi-Fahrer stehen im gesellschaftlichen Ansehen auf einer der untersten Stufen. "Und manchmal hatten wir dann welche, haben sie ausgebildet und dann haben sie geheiratet und ihr Mann hat ihnen verboten, zu arbeiten." Ihr eigener Mann habe das übrigens auch versucht. Doch darüber kann sie heute nur herzhaft lachen: "Mittlerweile winkt er nur noch ab und sagt, 'Mach, was du willst'."

Elisabeth Lehmann

© Deutsche Welle 2015

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