Frankreich islamisch: Michel Houellebecq spielt in neuem Roman mit Ängsten

07.01.2015

Während die Pegida-Bewegung in Dresden gegen eine Islamisierung des Abendlandes zu Felde zieht, hat der französische Skandal-Autor Michel Houellebecq das Horror-Szenario dieser Demonstranten bereits in allen Einzelheiten zum Leben erweckt: In seinem neuen Roman «Soumission» («Unterwerfung»), der am Mittwoch in Frankreich und nächste Woche in Deutschland in die Buchläden kommt, entwirft Houellebecq ein Bild von Frankreich im Jahr 2022, in dem ein muslimischer Präsident die Macht übernommen hat. Houellebecqs Buch löste bereits eine heftige politische Kontroverse aus.

Das 56-jährige Enfant Terrible der französischen Literatur, das auch im Ausland mit Büchern wie «Elementarteilchen» oder «Plattform» für Furore sorgte, gesteht ein Spiel mit der «Angst» in seinem neuen Werk ein. Aber Houellebecq bestreitet jegliche gegen den Islam gerichtete «Provokation» und ist vielmehr der Ansicht, dass er lediglich einen «wahrscheinlichen» Lauf der Dinge aufzeige.

Die Muslime in Frankreich könnten nicht die Linke wählen, die die Homo-Ehe eingeführt habe, und auch nicht die Rechte, die sie «hinauswerfen» wolle, sagte Houellebecq dem Magazin «L'Obs». Also bleibe als einzige Lösung nur «die Gründung einer muslimischen Partei». Es gebe generell «eine machtvolle Rückkehr des Religiösen», sagte der Preisträger der renommierten französischen Literaturauszeichnung Prix Goncourt 2010 und fügte hinzu: «Der Atheismus ist tot, die Laizität ist tot, die Republik ist tot.»

Frankreichs sozialistischer Präsident François Hollande, der den Roman nach eigener Aussage erst noch lesen will, ging bereits klar auf Distanz zu Houellebecqs Sicht der Welt. Das, was wie eine literarische Kühnheit erscheine, sei letztlich nur eine Wiederholung, sagte der Staatschef am Montag: «Es gab immer über Jahrhunderte diese Verlockung der Dekadenz, des Niedergangs, dieses zwanghaften Pessismus.» Die Franzosen sollten sich nicht «durch die Angst auffressen» lassen.

In den Medien wurde dem Autor unter anderem vorgeworfen, der extremen Rechten mit seinem Werk in die Hände zu spielen. Setzt sich Houellebecqs fiktiver, muslimischer Präsident doch für das Tragen des Schleiers für Frauen oder die Konversion zum Islam ein. Das Buch verleihe «den Ideen der (rechtsextremen) Front National den Ritterschlag», urteilte der Direktor der linken Tageszeitung «Libération», Laurent Joffrin.

Schon im Jahr 2001 hatte Houellebecq einen Skandal ausgelöst, weil er erklärt hatte, der Islam sei «die dümmste Religion». Heute findet er zwar, der Koran - nun da er ihn gelesen habe - sei besser als gedacht. Er betont aber auch, dass «Islamfeindlichkeit keine Art Rassismus ist».

Manche bringt das Szenario in Houellebecqs Roman auch einfach nur zum «lachen», so den Politologen Philippe Braud. Er hält es für «völlig unwahrscheinlich», dass in Frankreich ein muslimischer Präsident gewählt wird. Die drei bis vier Millionen Muslime in Frankreich machten nur zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Houellebecq aber geht von einer Variante aus, bei der in der Stichwahl zur Präsidentschaft eine breite Koalition einen Sieg der Rechtsextremen Marine Le Pen verhindern will: Linke und Konservative unterstützen deshalb den muslimischen Kandidaten. Und so resümiert der Schriftsteller: «Man weiß nicht recht, wovor man Angst hat, ob das die Rechtsextremen sind oder die Muslime.» (AFP)

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