Frankfurter Archäologen im Nordirak: Gebiet jahrelang unzugänglich

06.11.2017

In Teilen Vorderasiens herrscht nach wie vor Krieg. Für Archäologen sind die Gebiete ein schwieriges Pflaster. Ein Team aus Hessen hat sich trotz der Risiken dorthin gewagt.

Während der Herrschaft von Saddam Hussein waren die Kurdengebiete im Nordirak für Wissenschaftler unzugänglich. Nun helfen auch Frankfurter Archäologen, die weißen Flecken auf der wissenschaftlichen Landkarte zu füllen. Ein Grabungsteam von Studenten und Doktoranden der Vorderasiatischen Archäologie der Goethe-Universität ist erst kürzlich von einem Aufenthalt in der Provinz Sulaymaniyah zurückgekehrt.

Die Region sei noch «extrem unerforscht», sagte Grabungsleiter Dirk Wicke. Zu den überraschenden Funden gehörten die verkohlten Überreste eines Webstuhls aus dem frühen 1. Jahrtausend nach Christus. Zudem ließen Keramikfunde auf teils eigene Töpferei-Techniken der Region in einer Randebene des antiken Mesopotamien schließen.

Mittlerweile seien die Kurdengebiete im Nordirak die letzten Regionen, in denen Spezialisten für Vorderasiatische Archäologie angesichts der politischen Krisen in der Region noch ausgraben können, sagte Wicke. «Syrien liegt archäologisch brach.» Auch in der Türkei werde die Arbeit zunehmend schwierig.

Die Unabhängigkeitsbestrebungen der irakischen Kurden überschatteten auch die Arbeit der Frankfurter Archäologen. Zwar sei es während des Referendums ruhig gewesen. Aufgrund des erlassenen Verbots für internationale Flüge in den Nordirak musste der Archäologieprofessor mit seinem Team aber den Umweg über Bagdad in Kauf nehmen und zwei Tage früher als geplant abreisen.

Die derzeitige Entwicklung in der Grabungsregion sieht Wicke, der seit fünf Jahren in das Gebiet reist, mit Sorge. «Aktuell würde ich nicht dorthin reisen», räumte er ein. Das gebiete schon die Verantwortung für seine Studenten. Um abenteuerlustige «Indiana Jones-Typen» handele es sich bei den Wissenschaftlern nämlich nicht.

Wicke hofft auch aus wissenschaftlichem Interesse auf eine friedliche Lösung zwischen der Zentralregierung in Bagdad und den Behörden in Erbil. Für den Fall, dass die politische Situation wieder so stabil wird wie vor dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum, und eine ausreichende Finanzierung vorausgesetzt, plant er bereits die nächste Grabungskampagne im Spätsommer 2018. Der Fundplatz Gird-î Qalrakh mit seiner über 3.000-jährigen Siedlungsgeschichte dürfte jedenfalls noch einige Überraschungen bergen, davon ist er überzeugt. (dpa)

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