Forschungsprojekt in Jordanien: Ein Teilchenbeschleuniger als Türöffner für Frieden in Nahost?

11.04.2018

Kann Wissenschaft auch politisch etwas bewirken? Ein Projekt in Jordanien zeigt, dass manches erreicht werden kann, wenn Menschen schlicht miteinander reden - und gemeinsam anpacken. Von Stefan Kruse

Eine seltsame Konstruktion aus roten Metallteilen, in denen Magneten verbaut sind, bildet einen großen Kreis. Ein Gewirr von Kabeln und Leitungen führt hinein und hinaus, flankiert von weiteren elektronischen Anlagen in großen Kästen. Eine graue Betonhülle sorgt für Bunkeratmosphäre und dafür, dass keine radioaktive Strahlung freigesetzt wird.

Sesame heißt der erste Elektronen-Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten, den sich Bundesratspräsident Michael Müller (SPD) bei seinem Jordanien-Besuch anschaut. Sesame befindet sich in einem mächtigen weißen Palast nahe der jordanischen Hauptstadt Amman. Der Begriff bildet die Abkürzung für «Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East». Zudem ist er angelehnt an den Ruf «Sesam öffne Dich», der Ali Baba Zugang zum Schatz der Räuber in verschaffte.

Tatsächlich mutet das internationale Forschungszentrum ein wenig wie ein Märchen aus «Tausendundeine Nacht» an. In einer Region, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten wie keine andere von Konflikten und Kriegen erschüttert wurde, arbeiten Wissenschaftler aus arabischen Ländern, aus Israel und den Palästinensergebieten, aus dem Iran, Pakistan und Europa zusammen. Und das auf einem technologisch anspruchsvollen Feld. «Wir bringen positiven Spirit in die Region», ist sich Generaldirektor Chaled Tukan sicher. «Wir zeigen, dass Wissenschaft auch politisch etwas bewirken kann.»

Das Projekt im kleinen Örtchen Allan, 30 Kilometer Luftlinie vom israelisch besetzten Westjordanland entfernt, hat eine lange Vorgeschichte. Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten hatten Wissenschaftler der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN), die in der Schweiz einen gigantischen Teilchenbeschleuniger betreibt, die Idee einer friedensstiftenden Kooperation im Nahen Osten. Vorbild war das CERN selbst, in dem in den 1950er Jahren erstmals nach dem Holocaust wieder deutsche und jüdische Forscher zusammenwirkten.

Ende der 1990er Jahre begann die Umsetzung - und dabei spielte Berlin eine entscheidende Rolle: Dort hatte der 1980 gebaute Teilchenbeschleuniger Bessy I ausgedient, wurde nach Jordanien gebracht und bildete dort die Basis für Sesame. Noch heute geben alte Schilder in deutsche Sprache («Vorsicht Hochspannung») Hinweise auf die Herkunft. Das Projekt brauchte seine Zeit, es gab auch Rückschläge. Acht Länder bildeten eine Art Trägergesellschaft, nicht alle davon gaben Geld, dafür die EU, Italien auch. Vor einem Jahr schließlich eröffnete Jordaniens König Abdullah II. das Forschungszentrum.

«Man muss gerade im arabischen Raum in sehr langfristigen Zeiträumen denken», sagt der Deutsche Erhard Huttel, der Sesame maßgeblich voranbrachte und bis vor kurzem technischer Leiter war. «Es ist vielleicht ein kleiner Beitrag, damit es in der Region etwas friedlicher zugeht. Allein das Miteinander-Reden ist wichtig.»

So sieht das auch der wissenschaftliche Leiter von Sesame, der Italiener Giorgio Paolucci: «Es ist faszinierend zu sehen, wenn etwa ein Vertreter Irans bei einer unserer Ratssitzungen sagt: «Ich stimme meinem israelischen Kollegen voll zu.»

Und was passiert bei Sesame konkret? Mittels des Teilchenbeschleunigers erzeugen Wissenschaftler dort sogenanntes Synchrotronlicht. Die Röntgen- oder Infrarotstrahlen finden breite Anwendung, können in der Materialforschung helfen, bei der Analyse von Bodenproben oder archäologischer Fundstücke, bei der Erforschung von Krebszellen oder der Analyse chemischer Substanzen.

«Sesame kann ein wichtiger Leuchtturm wissenschaftlicher Exzellenz sein», sagt Frank Lehner vom Helmholtz-Forschungszentrum Desy in Hamburg. Und auch Berlins Regierungschef und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) zeigt sich bei einem Besuch in der Anlage begeistert: Er wolle versuchen, noch mehr deutsche Unterstützung zu organisieren, verspricht er.

Das Projekt, das bisher rund 200 Millionen Euro kostete, gilt auch als Signal in einer Region, in der gut ausgebildete Fachkräfte häufig abwandern, ihr Glück in den USA oder Europa suchen. Gerade Jordanien, ohnehin eine Hort der Stabilität im ansonsten so konfliktbeladenen Nahen Osten, genießt einen guten Ruf bei der Ingenieurausbildung, die Fachleute sind weltweit gefragt. Die Hoffnung ist nun, Ingenieure und Wissenschaftler zu halten, ihnen Perspektiven in der Region zu geben.

Wie stabil das Sesame-Projekt ist, bleibt aber abzuwarten. Den laufenden Betrieb müssen die Trägerländer Ägypten, Israel, Iran, Jordanien, Pakistan, die Palästinenserbehörde, Zypern und die Türkei finanzieren. Doch das funktioniert nicht immer reibungslos. So musste der Betrieb von Teilen der Anlage zuletzt wiederholt unterbrochen werden, wegen hoher Energie-Kosten und der - wie es heißt - unbefriedigenden Zahlungsmoral einiger Mitgliedsländer.

Bis Ende des Jahres soll eine von der EU finanzierte Solar-Anlage in Betrieb gehen und Besserung bringen. «Dies ist entscheidend für den weiteren Fortgang des Projekts», sagt der ehemalige technische Leiter Huttel. (dpa)

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