Film-Drama um "Layla M" über den Weg in die Radikalisierung

10.04.2018

Layla ist klug, launisch und von marokkanischer Herkunft. Tagtäglich erlebt sie das Misstrauen der Niederländer gegen den Islam. Nach und nach wird sie in eine Welt gezogen, die sie vor eine unmögliche Wahl stellt.

Trotzig reckt das verschleierte Mädchen die Faust nach oben, während ihre Freundinnen Fotos fürs Internet machen. Die 18-jährige Layla fremdelt noch mit dem Niqab, der nur die Augen ihres Gesichts unverdeckt lässt, doch an ihrer Entschlossenheit ändert das nichts. Sie will ein Zeichen setzen gegen die Diskriminierung des Islam in den Niederlanden.

Was der Rechtspopulist Geert Wilders und seine Anhänger Tag für Tag an Hass verbreiten, spürt die junge Muslimin am eigenen Leib. Beim Fußball etwa, wo sich Layla als echte Niederländerin über Fehlentscheidungen echauffiert, vom Schiedsrichter aber nur eine herablassende Bemerkung erntet und auch von ihrem Vater keine Hilfe bekommt. Der Einwanderer aus Marokko ist wie immer bemüht, die Wogen zu glätten und duckt sich im Zweifel tatenlos weg. Was Layla maßlos enttäuscht, ihren Elan aber nur noch mehr befeuert.

Die niederländische Regisseurin Mijke de Jong stellt die Titelfigur ihres Dramas "Layla M." (ab Donnerstag im Kino) als eine Heranwachsende mit typischen Widersprüchen dar. Auf der einen Seite ist Layla eine aktive junge Frau und hervorragende Schülerin, die ohne weiteres Ärztin werden könnte. Zugleich aber ist sie ein revoltierender Teenager.

Auch Laylas Rebellion folgt gängigen Prinzipien: Der Anschluss an Gleichgesinnte, auf die ihre Eltern nur allergisch reagieren, ein heimlicher Freund, andauernde Widerworte und sich steigernde Provokationen. Nur ist es in ihrem Fall keine Punk- oder Gothic-Attitüde, sondern eine radikale Auslegung des Islam, die Layla zunächst vor allem verbal und durch ihre Kleidung ausdrückt.

Ihr Antrieb, auch das arbeitet der Film heraus, ist nicht der Hass auf Andersgläubige, sondern die Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und vor allem die aufkeimende Liebe zu Abdel. Der dreht bereits islamistische Propagandavideos. Um ihm zu gefallen, lässt sie sich auf gewagte Aktionen ein, die Zusammenstöße mit der Polizei bewirken und sie immer weiter von ihrem Elternhaus entfernen.

Anfangs hatte Layla noch trotzig "We are here to stay" gepostet. Doch vom Bleiben ist bald keine Rede mehr. Ihre Eltern agieren immer hilfloser, der Vater droht, sie nach Marokko zu schicken. Schließlich vollzieht die Tochter einen radikalen Bruch, lässt ihre Abschlussprüfungen platzen und tut sich endgültig mit Abdel zusammen. Rasch verheiratet, begleitet sie ihn zuerst nach Belgien, wo er in einem Dschihadisten-Trainingslager seine Kameraerfahrungen einbringt, und von da weiter in den Nahen Osten.

Es ist absehbar, dass hier, nahe der Grenze zum syrischen Kriegsgebiet, die große Ernüchterung folgen muss. Tatsächlich zerplatzt Laylas Traum vom glücklichen Leben mit ihrem islamistischen Märchenprinzen. Es setzt harte Vorwürfe und das Verbot, ihr Haus ohne seine Begleitung zu verlassen. Andere Männer würdigen sie weder eines Wortes noch eines Blicks.

Doch so klar die Muster auch sind, nach denen "Layla M." aufgebaut ist, hält Mijke de Jong im letzten Teil des Films doch einige Überraschungen bereit. Sie bricht nicht den Stab über ihre Heldin. Sogar unter der argwöhnischen Kontrolle von Abdel und den anderen Männern bewahrt sich Layla ihren Widerspruchsgeist und findet zeitweise einen Weg, andere von ihrer Empathie profitieren zu lassen. Die Inszenierung und die Kamera belassen die Innenräume dabei durchweg im Halbschatten, was Laylas Zerrissenheit auch visuell überzeugend veranschaulicht.

Die Entscheidung, allein aus der Perspektive der Hauptfigur zu erzählen, hebt den Film wohltuend von der Lehrhaftigkeit eines Radikalisierungsdramas wie "Der Himmel wird warten" (2016) ab, entgeht allerdings auch nicht gewissen Tücken. Besonders in der zweiten Hälfte erscheint die Abfolge von kurz angerissenen Stationen zu hastig; auch verwirrt die Vielzahl der oft sofort wieder verschwindenden Figuren. Wirklich Profil gewinnen neben Layla allenfalls ihr Vater und Abdel, was eine denkbare Erweiterung um eine gesellschaftliche Ebene verhindert. Ob und wie Laylas individuelles Schicksal mit der gesamteuropäischen Erscheinung von wachsendem Islamismus wie Islamhass zusammenzubringen wäre, darauf hat der Film keine Antwort zu bieten. (KNA)

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