Fatih Akins Film "Aus dem Nichts"

Ein Befreiungsschlag

"Aus dem Nichts" schickt eine Frau durch die Hölle. Fatih Akins Film ist eine Verarbeitung der NSU-Mordserie. Damit knüpft der Regisseur an seine stärksten Regieleistungen an. Jochen Kürten hat den Film gesehen.

Für Fatih Akin war es wohl auch ein Befreiungsschlag. "Aus dem Nichts" ist wieder ein Film, der emotional und packend ist, der relativ schnell gedreht und produziert wurde, ein echter Fatih-Akin-Film eben. Man muss ein wenig zurückblenden, um zu verstehen, um was es geht. Im September 2014 präsentierte der Hamburger Filmemacher beim Festival in Venedig seinen Wettbewerbsbeitrag "The Cut". Akins bisher aufwendigster Film scheiterte krachend. Beim Festivalpublikum, bei der Kritik, später auch im Kinoalltag.

"The Cut" beschäftigte sich mit dem Armenien-Drama, jenem Völkermord, der schon zu schweren diplomatischen und politischen Verwerfungen zwischen der Türkei und Deutschland geführt hat. Es war ein historischer Film, weit ausholend in seinem Erzählansatz, mit langer Vorbereitungszeit, detailgenau, ein Epos. Dazu mit einer Botschaft. Aber es war wohl nicht unbedingt Akins Sache. Der Regisseur, der zuvor für seine witzigen und meist hochdramatischen Kiez-Storys bekannt war, hatte sich mit der aufwendigen Produktion offenbar verhoben.

Als er das Drehbuch zu seinem neuen Film "Aus dem Nichts" geschrieben habe, sei er "in einer sehr fatalistischen Phase" gewesen, sagte Akin vor kurzem in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung": "An 'The Cut' habe ich ja wahnsinnig lange gearbeitet, fünf Jahre etwa. Und ich würde mal sagen, ich habe mich unterwegs ein bisschen verzettelt." Er habe wohl einfach zu viel Zeit gehabt, für das Drehbuch und die Produktion, beim Drehen, beim Austüffteln von Ausstattungsdetails: "Wenn man zu sehr auf solche Dinge achtet, vergisst man darüber ein bisschen das Drama, das man erzählen wollte, das Innenleben der Hauptfigur."

"The Cut" und "Tschick" bereiteten den Weg für "Aus dem Nichts"

"Aus dem Nichts" sei dann "der schnellste Film, den ich je gedreht habe". Gelernt habe er das aber auch durch die Arbeiten für die Verfilmung von "Tschick": Das Jugenddrama nach einem Buchbestseller, das Akin im vergangenen Jahr ins Kino gebracht und bei dem er kurzfristig die Regie übernommen hatte, weil der ursprünglich vorgesehene Regisseur hinschmiss, musste schnell realisiert werden.

Erst die lange und offenbar auch frustrierende Produktion von "The Cut", dann der Schnelldurchlauf bei "Tschick" - für die Arbeit zum neuen Film "Aus dem Nichts" waren diese Erfahrungen wichtig. Akin ist ein Spezialist für "kleine" Geschichten einfacher Leute voller Drama und Emotion. Kein Regisseur für episches Kino.

"Aus dem Nichts" ist wieder so ein Film, in dem die Leinwand vor Emotionen praktisch birst - so wie das vor vielen Jahren auch bei "Gegen die Wand" der Fall war - jenem Film, mit dem der Hamburger 2004 das Berlinale-Publikum von den Stühlen riss.

Natürlich kam noch ein zweiter Grund dazu: Fatih Akins Verstörung und Wut über die Morde des NSU und vor allem die Art und Weise, wie Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst mit den Verbrechen umgegangen sind. Zunächst wurden Angehörige und das familiäre Umfeld unter die Lupe genommen. Die Opfer wurden im Frühstadium der Untersuchungen zu Tätern gemacht.

Fatih Akin: "Das hätte auch mich treffen können."

Er habe das als skandalös empfunden, "dass die Ermittler davon ausgingen, dass die Opfer und ihre Familien irgendwie Dreck am Stecken hatten - einfach aufgrund der Herkunft", so Akin gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Für den Regisseur war das auch eine sehr persönliche Sache. Schließlich ist auch Akin ein sogenannter "Deutscher mit Migrationshintergrund": "Als jemand mit türkischem, mit ausländischem Hintergrund hatte ich (...) schon das Gefühl, das mich das persönlich angeht. Das hätte auch mich treffen können."

Ursprünglich hatte Akin "Aus dem Nichts" mehr als Justizdrama geplant. Doch sein Co-Autor, Hark Bohm, habe ihm sein Drehbuch "um die Ohren gehauen", so Akin gegenüber der SZ. Das Buch schrieb er daraufhin um. Jetzt besteht der Film aus drei Teilen. Zunächst erleben die Zuschauer den Anschlag auf den Ehemann der von Diane Kruger gespielten Hauptfigur. Auch deren gemeinsamer Sohn wird getötet. Dann wird "Aus dem Nichts" zu einem Justizdrama. Im finalen Teil entwickelt sich der Film zu einer Rachegeschichte mit starken Thrillerelementen.

Diane Kruger bekam für ihren beherzten Auftritt in Cannes den Preis für die beste Darstellerin. Sie spielt eine zunächst fassungslose Frau, die erkennen muss, dass sie ihren Mann und ihr Kind durch einen feigen Anschlag verloren hat - und die sich dann in einen Menschen verwandelt, der nach Rache sinnt.

So ist "Aus dem Nichts" möglicherweise auch für Diane Kruger ein Befreiungsschlag. Die in Deutschland geborene Schauspielerin, die zuvor nie in ihrer Heimat in einem deutschen Film mitgespielt hatte, war von der Kritik bisher nur als schauspielerisches Leichtgewicht wahrgenommen worden. Mit ihrem furiosen Auftritt in Fatih Akins neuem Film hat sie alle überzeugt - und zudem ihren Regisseur glücklich gemacht.

Jochen Kürten

© Deutsche Welle 2017

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