Warum aber dreht sich diese Kontroverse seit drei Jahren wie eine Spirale weiter, die immer neue Wendungen nimmt? Die Antwort: Weil der Urheber der ihr zugrunde liegenden These Abdolkarim Soroush heißt – und eine Institution ist. Denn für einen schiitischen Gelehrten ist das wer stets wichtiger als das was. Bevor man sich dem Inhalt eines Axioms zuwendet, muss man fragen, wer es geäußert hat. Daher ist die "علم الرجال" ("elm al-redjal", deutsch: Wissenschaft der Männer) Pflichtfach für jeden Geistlichen: erst der Bote, dann die Botschaft.

Eine Autorität schlechthin

Und Soroush ist im gegenwärtigen Schiismus ein Bote, den niemand ignorieren kann. Manche nennen den 72-Jährigen den Martin Luther des Islam, für das Times Magazin gehört er zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Bis zu seinem unvermeidlichen Exil vor 20 Jahren war Soroush der Philosoph der Islamischen Republik. Republikgründer Khomeini lobte seine Bücher und berief  ihn zum Mitglied des "Stabs für die Kulturrevolution". Solange er im Iran war, hielt Soroush nicht nur an den modernen Universitäten des Landes Vorlesungen, sondern auch für die Ajatollahs. Studenten der Orientalistik schreiben über ihn Abschlussarbeiten, er ist Gegenstand der Forschung in der Islamwissenschaft.

Seit seinem erzwungenen Exil hört und liest man in seinen Worten und Texten allerdings so etwas wie das Aufatmen eines Befreiten – physisch und geistig. Die Adressaten seiner aufrüttelnden Thesen sind weniger die Exiliraner als vielmehr die schiitischen Geistlichen in seiner Heimat, deren Sprache und Denkweise er bestens kennt. Soroushs Traumthese ist nicht die einzige Idee, mit der er an den Glaubensgrundsätzen der Mehrheit der Muslime rüttelt.

Der iranische Philosoph Abdulkarim Soroush; Foto: Getty Images/AFP/J. Bairami
Dem schiitischen Klerus ein Dorn im Auge: Nachdem infolge der Veröffentlichung eines kritischen Artikels Soroushs über den Klerus seine Vorlesungen von Schlägern angegriffen worden waren, verließ der Philosoph 1996 den Iran für eine längere Vortragsreise. Seit 2000 lebt er im Exil und lehrt heute an verschiedenen Universitäten in Europa und den USA. Seine Theorien hat er stetig fortentwickelt, wobei er sich nicht mit einer Neuauslegung der Scharia aufhält und auch nicht davor scheut, zentrale Grundsätze des Glaubens in Frage zu stellen. Seine radikalste These betrifft den Koran, der seiner Meinung nach dem Propheten nicht Wort für Wort offenbart wurde, sondern den der Prophet auf Inspiration Gottes schrieb. Ähnlich wie die Bibel sei er ein menschliches Werk, das wie alle menschlichen Werke fehlerhaft sein könne.

Soroush schreibt:"Die Sprache des Koran ist rein menschlich und weltlich. Gott sprach nicht, er schrieb auch kein Buch. Es war ein historischer Mensch, der in Gottes Namen sprach. Und die göttliche Eingebung war nichts anderes als Mohammeds persönliche Erfahrung. Seine Beschreibung von Diesseits und Jenseits fußt ausschließlich auf seiner tribalen Erfahrung in Saudi-Arabien vor 1.400 Jahren."

Nach Soroush ist der Koran ein genaues Spiegelbild von Mohammeds psychischer Verfassung. "Wir begegnen im Koran Höhepunkten und Niedergängen. Wo der Prophet sich wohlfühlt, ist auch der Text erbaulich, erreicht seine bewundernswerte Sprachgewalt und Eloquenz. Und umgekehrt, wo er banal und oberflächlich ist, zeugt er von der Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit seines Autors."

Mohammeds Wissen entspreche genau dem seiner Zeit, schreibt Soroush, und zählt "die sachlichen Fehler des Korans" auf, über die man heute lachen könne: "Niemand glaubt heute noch, Meteoriten seien Teufelssteine, der Himmel besitze sieben Decken oder die Berührung des Teufels verursache Wahnsinn."

"Quellen der Nachahmung"

Der Theologe äußert sich nicht nur zu theoretischen Fragen. Er meldet sich fast wöchentlich auch zu aktuellen Themen zu Wort. Und jedes Mal stellt er direkt und indirekt die Herrschaft der schiitischen Geistlichkeit in Frage. Denn Soroush ist inzwischen für eine strikte Trennung von Politik und Religion.

Soroush ist zwar ein Abwesender, ein Exilierter wie viele andere bekannte iranische Theologen: etwa Mohammed Mojtahed Shabestari, Mohsen Kadivar oder Hassan Yussefi Eshkevari. Dank Internet sind sie jedoch alle auch im Iran präsent und werden dort gelesen und gehört.

Und sie arbeiten emsig. Der in Hamburg lebende Philosoph Shabestari ist 80 Jahre alt, doch hält er regelmäßig Online-Seminare. Und der hoch angesehene Theologe spricht auch über aktuelle Themen mit erstaunlicher Offenheit. Nach den Terrorakten in Paris etwa schrieb er auf seiner Webseite: "Niemand kann behaupten, dass die Anhänger des IS und deren Wortführer nichts mit dem Islam gemein hätten. Sie fasten, sie beten und sie vollziehen alle religiösen Rituale wie du und ich. Auch ihre abscheulichen Praktiken sind tief in der Scharia verwurzelt. Nur eine gründliche Revision aller islamischen Grundsätze kann uns vor weiteren Katastrophen bewahren."

Hassan Yussefi Eshkevari; Foto: DW/J. Talee
Reger Austausch mit der schiitischen Geistlichkeit im Iran: "Vor allem im schiitischen Lehrbetrieb werden wir sehr genau zur Kenntnis genommen, besprochen oder widerlegt, wir sind ihr täglich Brot", sagt der in Bonn weilende Theologe Yussefi Eshkevari. "Man kann uns deshalb nicht ignorieren, weil das Internet inzwischen zu den unverzichtbaren Lehrmitteln der iranischen Geistlichkeit gehört - und zwar ein Internet ohne Filter oder Zensur, denn man wagt nicht, auch die schiitischen Lehrbetriebe zu zensieren", sagt Eshkevari über seinen Meinungsaustausch mit Gelehrten im Iran.

"Ihr täglich Brot"

Die meisten dieser besonderen Exilanten waren im Iran geistliche Turbanträger. Heute nennen sie sich "religiöse Neudenker" oder Erneuerer und haben das übliche Mullah-Gewand längst abgelegt. Trotzdem könnte jeder von ihnen nach herrschender Definition ein Großajatollah sein, eine religiöse "Quelle der Nachahmung". Und das dazu notwendige Wissen haben sie allemal.

"Vor allem im schiitischen Lehrbetrieb werden wir sehr genau zur Kenntnis genommen, besprochen oder widerlegt, wir sind ihr täglich Brot", sagt der in Bonn weilende Theologe Yussefi Eshkevari. "Man kann uns deshalb nicht ignorieren, weil das Internet inzwischen zu den unverzichtbaren Lehrmitteln der iranischen Geistlichkeit gehört – und zwar ein Internet ohne Filter oder Zensur, denn man wagt nicht, auch die schiitischen Lehrbetriebe zu zensieren", sagt Eshkevari über seinen Meinungsaustausch mit Gelehrten im Iran.

Die Vorstellung, dass die Irans Mullahs verschlossen und abseits der Welt lebten, habe mit der Realität nichts zu tun, meint der exilierte Religionsgelehrte – und verweist auf die Stundenpläne der schiitischen Lehrbetriebe im Iran: "Sie studieren Wittgenstein, Freud oder Heidegger ebenso wie Fremdsprachen." Und sie nähmen alles, was die Exilanten schrieben, dank des Internets praktisch ohne Zeitverzögerung zur Kenntnis: "Die islamische Universität Mofid in der Stadt Qom etwa, deren Studenten und Lehrkräfte zum Klerus gehören, hat sich vorgenommen, vor allem unsere Ideen zu thematisieren – oder zu bekämpfen", erklärt Eshkevari und zählt die Namen bekannter Professoren dieser Hochschule auf, mit denen er ständig kommuniziere.

Erneuerung kommt von außen

Woher aber kommen die radikalen und wirkungsvollen Gedankenbrüche der Exilanten? Haben sie mit dem Aufenthalt im Westen und der Bekanntschaft mit westlichen Ideen zu tun? Ja, sagt Eshkevari: Alle, die in den vergangenen 150 Jahren im Schiitentum als Erneuerer aufgetreten seien, hätten eine Zeitlang im westlichen Ausland gelebt. Und er zählt Dutzende Namen auf – etwa Ali Schariati, Mehdi Bazargan oder Djamal Aldin Assadabadi. Sie alle waren Tabubrecher und haben viel bewegt. Er gehöre deshalb zu jenen unerschütterlichen Optimisten, die überzeugt seien, dass das Schiitentum sich von Grund auf erneuern werde, sagt Eshkevari: "Und das wird das Werk der Exilierten sein."

Ali Sadrzadeh

© Iran Journal 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Rütteln an den Grundfesten der Schia

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علی مسکنی08.02.2017 | 16:39 Uhr