EU-Parlamentsvizepräsidentin: Dialog mit Muslimen braucht tieferes Islam-Verständnis

23.06.2017

Seit März ist die irische Vizepräsidentin des EU-Parlaments Mairead McGuinness (58) für den Dialog mit Vertretern von Kirchen, religiösen Vereinigungen und weltanschaulichen Gemeinschaften zuständig. Der regelmäßige Austausch zwischen den Institutionen und religiösen Gruppen ist in Artikel 17 des Vertrags von Lissabon festgelegt. Mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sprach McGuinness über Herausforderungen und Pläne für ihre neuen Aufgaben.

Frau McGuinness, warum ist der Dialog zwischen den Institutionen und religiösen Gemeinschaften wichtig?

McGuinness: Religiöse Gemeinschaften sind in den Gemeinden gut vernetzt und haben einen direkten Zugang zu den Menschen vor Ort. Es ist ein wichtiger Teil der Arbeit des Parlaments, die Ansichten, Interessen und Sorgen religiöser Führer zu respektieren. Denn die Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, sind gleichzeitig Bürger Europas. Wir müssen ihnen zuhören. Die Kirchen sind wichtige Partner.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei Ihren neuen Aufgaben?

Mairead McGuinness: Wir müssen den Dialog mit den Muslimen vertiefen. Und ich glaube, dass sie das auch wollen. Radikalisierung darf nicht automatisch mit Muslimen verknüpft werden. Nur ein Bruchteil der Muslime radikalisiert sich. Nicht die Muslime in Europa sind das Problem, sondern die Radikalisierung. Ich kann nicht verstehen, wie junge Männer, die in Europa geboren wurden und hier aufgewachsen sind, sich so radikalisieren, dass sie sich selbst und andere opfern - und ihre Religion als Grund nehmen.

Wie könnte der Austausch mit den Muslimen in Europa aussehen?

McGuinness: Um in einen wirklichen Dialog eintreten zu können, müssen wir versuchen, den Islam besser zu verstehen. Deshalb liegen auf meinem Tisch so viele Bücher über den Islam. Ich habe keine Zweifel, dass sie mit uns zusammenarbeiten wollen, da Frieden und Liebe das Herzstück des muslimischen Glaubens sind. Anders als die katholische Kirche haben die Muslime allerdings keinen weltweiten Ansprechpartner wie den Papst. Diese andere Struktur müssen wir begreifen und neue Lösungen für einen Dialog suchen.

Am Dienstag findet die erste Veranstaltung zu Artikel 17 im EU-Parlament statt. Thema ist die Zukunft Europas. Was erwarten sie?

McGuinness: Im März hat die EU-Kommission das Weißbuch zur Zukunft Europas vorgelegt. Darin gibt es fünf Optionen; sie reichen von mehr bis weniger Europa. Ich erwarte nicht, dass die Kirchen sich da eine Option herauspicken - aber ich bin gespannt auf ihre Ideen zur Zukunft Europas. Und hoffe, dass sie auch die Vorschläge der Menschen einbringen, mit denen sie täglich in Kontakt sind.

Immer weniger junge Menschen gehören einer Religion an. Wird das Auswirkungen auf die künftige Rolle der Kirchen in Europa haben?

McGuinness: Auch wenn junge Menschen vielleicht nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen, habe ich das Gefühl, dass sie sehr starke christliche Werte haben. Es ist einfach ein anderer Weg des Glaubens. Kirche wird deshalb nicht von der Bildfläche verschwinden.

Welche Rolle spielt Glauben für Sie persönlich?

McGuinness: Ich bin in einem katholischen Haushalt geboren, was für Irland nicht ungewöhnlich ist. Wir waren zu acht; ich habe vier Schwestern und drei Brüder. Religion war immer ein Teil von uns. Meine Mutter hatte einen großen inneren Glauben, den habe ich von ihr geerbt. Ich gehe immer noch regelmäßig zur Messe. Das ist ein Ort, an dem man das Handy ausschalten kann. Für viele ist Kirche heutzutage einfach ein Zufluchtsort.

Gibt es einen Moment, in denen Sie Ihr Glaube besonders begleitet hat?

McGuinness: Als ich 17 Jahre alt war und von Zuhause auszog, um in Dublin zu studieren, habe ich mich sehr auf meinen Glauben verlassen. Ich war noch sehr jung an der Universität, und so fand ich Halt in der Kirche des University College. Der Glaube war auch wichtig für mich, als ich mein erstes Kind erwartete und dann herausfand, dass es Zwillinge sein werden. (KNA)

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