Eklat zwischen Israel und US-Juden im Streit um Klagemauer

30.06.2017

Für Juden aus aller Welt ist die Klagemauer in Jerusalem der heiligste Ort. Doch ein hässlicher Streit um den religiösen Ort in der Altstadt treibt nun einen Keil zwischen Israel und die Diaspora. Von Sara Lemel

Warnungen vor einer wachsenden Entfremdung zwischen den Juden in den USA und in Israel gibt es seit Jahren. Doch der Sturm der Empörung, mit dem führende jüdische US-Repräsentanten auf eine israelische Regierungsentscheidung zu Gebetsrechten an der Klagemauer reagieren, ist wohl beispiellos in der jüngsten Geschichte. Reform-Rabbiner Rick Jacobs spricht von einer «skrupellosen Beleidigung für die Mehrheit des Weltjudentums».

Stein des Anstoßes ist die Entscheidung der Regierung von Benjamin Netanjahu, einen Plan zur Einrichtung einer «gemischten Zone» für Frauen und Männer an der Klagemauer in Jerusalems Altstadt wieder einzufrieren. In Israel wird nun befürchtet, viele wichtige Gönner könnten ihre Spenden an den jüdischen Staat stoppen.

Das Anfang 2016 gebilligte Vorhaben sollte liberaleren jüdischen Strömungen zu Gute kommen, die in den USA deutlich in der Mehrheit sind. Der Druck orthodoxer Repräsentanten, die mit ihrer strengeren Religionsauslegung in Israel den Ton angeben, ließ den Plan jetzt jedoch scheitern. Außerdem soll ein neues Gesetz die Regeln für die Konvertierung zum Judentum weiter verschärfen.

Viele Juden in den USA, die auf mehr Respekt und Rücksichtnahme für ihre liberaleren Bräuche gehofft hatten, empfinden beide Entscheidungen als Schlag ins Gesicht. Rund fünf Millionen Juden leben in den USA, es ist größte Gruppe außerhalb Israels, das rund sechs Millionen jüdische Einwohner hat.

«Die Klagemauer gehört allen Juden weltweit, nicht nur einem selbsternannten Teil», sagt David Harris, Vorsitzender des American Jewish Committee in Washington. «Diese Entscheidung ist ein Rückschlag für die Einheit der Juden und für die wichtigen Verbindungen, die israelische und amerikanische Juden zusammenhalten.»

Die Klagemauer ist ein Überrest des im Jahre 70 von den Römern zerstörten zweiten jüdischen Tempels und gilt als heiligste Stätte der Juden. Männer und Frauen dürfen dort nur in getrennten Abschnitten beten. Daran stören sich seit Jahrzehnten liberalere Juden, die auf gleiche Rechte pochen. Für sie sollte eine dritte Zone eingerichtet werden, damit beide Geschlechter dort gemeinsam beten können. Die Gruppe «Frauen der Mauer» (Neschot Hakotel) kämpft seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung an der Klagemauer.

Die für Zuwanderung nach Israel zuständige Jewish Agency ließ aus Unmut ein geplantes Abendessen mit Netanjahu platzen und will ihre Politik überdenken. Ihr Vorsitzender, der aus Russland stammende Bürgerrechtler Nathan Scharanski, äußerte sich «zutiefst enttäuscht».

«Der Aufschrei quer durch das religiöse und politische Spektrum ist Beleg dafür, wie zutiefst frustrierend die Aufgabe dieses Plans für Millionen Juden in der Diaspora und in Israel ist», sagt Jonathan Greenblatt von der Anti-Diffarmierungsliga (ADL) in New York. Auch Ron Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, äußerte sich «zutiefst besorgt» über die Krise. Viele Juden aus dem Ausland fühlten sich an der Klagemauer einfach «nicht mehr willkommen».

Laut einem Bericht des Diaspora-Ministeriums in Israel belaufen sich Spenden und Investitionen ausländischer Juden in Israel jährlich auf umgerechnet 14 Milliarden Euro. Dies entspreche fast dem Verteidigungshaushalt, sagte der israelische Abgeordnete und ehemalige Botschafter in den USA, Michael Oren, nach Angaben der «Times of Israel».

Der israelische Sicherheitsexperte Eran Lerman sprach von einer «traurigen Regierungsentscheidung, die uns alle noch in Bedrängnis bringen könnte». Langfristig bedrohe sie «einen der Grundpfeiler der nationalen Sicherheit Israels», warnte er in einem Beitrag für das Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien. «Nämlich die Bereitschaft amerikanischer jüdischer Organisationen, Israel in der Stunde der Not beizustehen, wie sie es seit (der Staatsgründung) 1948 immer wieder getan haben.» (dpa)

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