Ein ultrakonservativer Geistlicher auf dem Weg ins Präsidentenamt in Teheran

17.06.2021

Teheran. Schwarzer Turban, schwarzer Mantel: Schon an der Kleidung ist zu erkennen, dass Ebrahim Raisi nicht nur Politiker, sondern auch Geistlicher ist. Ein Ultrakonservativer mit besten Aussichten auf das Präsidentenamt bei der Wahl am Freitag im Iran.

Der 60-Jährige sieht sich als Nachfahre des Propheten Mohammed, im schiitischen Klerus hat er den zweithöchsten Rang eines Hodschatoleslam inne. Als Politiker präsentiert er sich als Kämpfer gegen Armut und Korruption. "Unerbittlich" werde er gegen beide Übel vorgehen, kündigte er an.

Mit demselben Versprechen war er auch bei der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren angetreten, unterlag damals aber dem moderateren Amtsinhaber Hassan Ruhani deutlich. Mangels ernsthafter Gegner - Rivalen wie der moderat-konservative Parlamentspräsident Ali Laridschani wurden zu der Wahl nicht zugelassen - und wegen der erwarteten niedrigen Wahlbeteiligung ist Raisi diesmal aber der klare Favorit. Dabei verfügt er weder über Charisma noch breite Unterstützung in der Bevölkerung.

Raisi wurde im November 1960 in der heiligen Stadt Maschhad im Nordosten Irans geboren. Er war gerade einmal 20 Jahre alt, als er nach der Islamischen Revolution zum Generalstaatsanwalt von Karadsch, der Nachbarstadt Teherans, ernannt wurde.

Für die Exil-Opposition ist sein Name unauslöschlich mit den Massenhinrichtungen von Marxisten und anderen Linken 1988 verbunden, als Raisi stellvertretender Staatsanwalt des Revolutionsgerichts in Teheran war. Raisi bestreitet jegliche Verantwortung dafür.

Nach den Hinrichtungen stieg er zum Generalstaatsanwalt in der Hauptstadt auf, später wurde er Vize der nationalen Justiz, dann iranischer Generalstaatsanwalt und seit drei Jahren ist er Justizchef. Beim angekündigten Kampf gegen die Korruption könnte er als Präsident auf seine Arbeit in der Justiz aufbauen. Unter seiner Führung wurde hohen Beamten und auch Richtern wegen Bestechlichkeit der Prozess gemacht.

2016 ernannte das geistliche Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, Raisi zum Leiter der mächtigen Astan Kods Rasawi-Stiftung, zu der ein Imperium aus Firmen, Banken und vielen weiteren Einrichtungen sowie ein enormer Grundbesitz gehören.

Raisi studierte Theologie und islamisches Recht und lehrt laut seiner offiziellen Biografie seit 2018 an einem schiitischen Seminar in Maschhad. Er gehört dem Expertenrat an, der den geistlichen Führer bestimmt. In iranischen Medien wird Raisi selbst als möglicher Nachfolger des 81 Jahre alten Chamenei gehandelt.

Raisi ist mit Dschamileh Alamolhoda verheiratet, die an einer Teheraner Universität Pädagogik unterrichtet. Auch die beiden Töchter haben Hochschulabschlüsse.

Im Rennen um die Präsidentschaft kann Raisi auf die Unterstützung der wichtigsten konservativen und ultrakonservativen Parteien zählen. Wähler außerhalb dieses Spektrums versucht er zu erreichen, wenn er verspricht, die "Grundrechte aller iranischen Bürger", vor allem Meinungsfreiheit, zu wahren. Bei den Reformern stößt er dennoch auf Ablehnung.

Sie haben Raisis Reaktion auf die Massenproteste nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 nicht vergessen. "Wir werden diesen Aufstand bis an die Wurzeln bekämpfen", sagte er damals und verteidigte das brutale Vorgehen der Regierung, durch das dutzende Oppositionelle getötet wurden. (AFP)

 

Lesen Sie auch:

Das Bild des Iran in der arabischen Welt: Konservatives Regime und aufgeschlossene Gesellschaft

Amerikanisch-iranisches Verhältnis: Das Ende der Islamischen Revolution

Sunnitisch-schiitische Beziehungen: Ein Schlüssel für die Stabilität 

Sunniten im Iran: Netzwerk Zahedan

Sunniten im Iran: Muslime zweiter Klasse

Saudisch-iranische Rivalität am Golf: Der lange Schatten von 1979

Die Revolution von 1979: „Der Islam ist die Lösung“

 

Die Redaktion empfiehlt