Ein Jahr Wartezeit für einen Therapieplatz - Für psychisch kranke Flüchtlinge gibt es viel zu wenig Angebote

21.05.2018

Sie wurden ausgebombt, gefoltert oder vergewaltigt, erlebten den gewaltsamen Tod ihrer Familie und haben eine oft jahrelange Flucht hinter sich. Im Therapiezentrum für Folteropfer in Köln wird ihnen bei der Bewältigung ihrer Traumata geholfen. Von Barbara Driessen

Ali hat in seinem jungen Leben so viel Furchtbares erlebt, dass seine Therapeutin von «unterschiedlichsten Traumata» spricht: In Afghanistan geboren, verliert Ali schon früh seine Mutter, sein psychisch kranker Vater schlägt ihn. Sie fliehen vor den Taliban in den Iran, wo Ali keinen Zugang zu Schulen hat. Die Behörden stellen den Jugendlichen vor die Wahl, entweder dem Militär beizutreten oder nach Afghanistan zurückgeschickt zu werden. Er entschließt sich zur Flucht, besteigt in der Türkei ein völlig überfülltes Boot nach Griechenland und erlebt mit, wie die Schlepper kleine Kinder unterwegs einfach über Bord werfen.

«Als er hier ankam, war er volljährig», sagt die Psychologin Susanne Nießen, die das Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas in Köln leitet, wo traumatisierte Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten Hilfe finden. «Jetzt wartet Ali seit Monaten auf die Entscheidung, ob er in Deutschland bleiben darf.» Ein Trauma, erläutert die Psychotherapeutin, sei die maximale Form des Kontrollverlustes. «Dass die Leute hier so lange in Unsicherheit gehalten werden, untergräbt jegliche Therapieerfolge.»

Es gibt bundesweit 37 Psychosoziale Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Die Wartelisten sind lang. Die Zentren mussten nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer im Jahr 2015 rund 40 Prozent mehr Geflüchtete ablehnen, als sie zur Behandlung aufnahmen.

Im Kölner Therapiezentrum beträgt die Wartezeit für Erwachsene laut Nießen bis zu einem Jahr. Allein 2017 hatten Nießen und ihre Kollegen 400 neue Anfragen: «Aber mit nur fünf Therapeuten und einer durchschnittlichen Therapiedauer von zwei Jahren ist das völlig unmöglich», sagt Nießen. Die Nachfrage ist enorm: Nach Schätzungen sind 40 bis 50 Prozent aller Flüchtlinge traumatisiert. Viele von ihnen sind nach Erkenntnissen der Bundespsychotherapeutenkammer suizidal gefährdet.

Besser sehe es dagegen bei Kindern und Jugendlichen aus, wo die Wartezeiten deutlich kürzer seien, sagt die Heilpädagogin Hannah Plum, die im Caritaszentrum als Jugendtherapeutin arbeitet: «Das liegt wahrscheinlich daran, dass Jugendliche schneller Deutsch lernen als Erwachsene und besser an niedergelassene Therapeuten vermittelbar sind, weil kein Dolmetscher nötig ist.»

Zu Plums Klienten gehört der 18-jährige Yusif aus dem Irak, der sich seit seinem neunten Lebensjahr als Straßenkind in der Türkei durchschlug. Mit 13 bestieg er ein überfülltes Flüchtlingsboot nach Griechenland und trieb tagelang ohne Treibstoff auf dem Meer. Auf seiner jahrelangen Flucht musste er immer wieder miterleben, dass Freunde und Reisegefährten starben. «Jetzt kann er sich schlecht in Strukturen einfinden», sagt Plum.

Bei schwer traumatisierten Menschen träten bestimmte Symptome sehr häufig auf, erläutert Psychologin Nießen: «Schlafstörungen und Alpträume, körperliche Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen, Depressionen, unkontrollierbare Flashbacks sowie ein Zustand der Übererregung und Anspannung.»

Viele zögen sich aber auch innerlich zurück und vereinsamten völlig. «Oft mischen sich unterschiedliche Ängste und Traumata: ein schon früh zerstörtes Urvertrauen, Dinge, die ihnen selbst widerfahren sind, Dinge, die sie bei anderen miterleben mussten, und auch die Erkenntnis, zu was Menschen fähig sind.» Ein erster Schritt sei es oft, am Selbstwertgefühl zu arbeiten, sagt Therapeutin Plum. Eine gute und vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten sei da sehr wichtig.

Nießen und Plum appellieren dringend an niedergelassene Therapeuten, in ihren Praxen auch Flüchtlinge aufzunehmen: «Es müssen ja nicht gleich ganz viele sein, aber einen oder zwei, das würde schon helfen.» Das Zentrum selbst läuft über eine Mischfinanzierung, die gemeinsam von Kirche, Kommune, Land und Bund getragen wird. «Aber alle finanziellen Zusagen sind immer zeitlich begrenzt. Wir können nie sicher sein, dass es so auch weitergeht.» Die Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren fordert, die Kapazitäten bundesweit umgehend zu erweitern und finanziell abzusichern. (epd)

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