Ein Hotel für Flüchtlinge - griechische Hausbesetzer als Krisenhelfer

04.07.2016

Mitten in Athen übernehmen Hausbesetzer ein Hotel. Syrer, Iraker, Iraner und Afghanen ziehen ein. Sie wollen in der Flüchtlingskrise ein Vorbild sein. Von Mey Dudin

Auf der Straße sind Kinder zu hören. «City Plaza, City Plaza, City Plaza», rufen etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen, die gerade um die Ecke kommen, jedes Kind eine Tüte mit dem bunten Logo eines großen Spielzeugladens in der Hand. Eine große, blonde Dänin, die zwei Monate nach Griechenland gekommen ist, um den dort gelandeten Flüchtlingen zu helfen, führt ihre Schützlinge zurück in ihr vorübergehendes Heim.

Das wuchtige Gebäude im Zentrum von Athen, ein ehemaliges Hotel, hatte sieben Jahre leer gestanden, als politische Gruppen und Flüchtlingsinitiative sich im April zusammentaten und es besetzten. Es habe sich bestens für das geplante Vorhaben geeignet, sagt Nassim Lomani, Mitinitiator des Projekts. Die Zimmer seien möbliert gewesen, die Küche zum Kochen für viele Leute ausgerüstet.

Heute leben dort rund 400 Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder dem Iran, die gemeinsam mit den Besetzern ihren Alltag organisieren - völlig unabhängig von staatlichen Behörden. Viele wollen in andere europäische Länder weiterziehen, manche richten sich aber auch darauf ein, in Griechenland zu bleiben.

Als «das beste Hotel Europas» wird das Athener «City Plaza» mit seinen 120 Zimmern derzeit von Flüchtlingsorganisationen auf Spendenaufrufen beworben. Bislang gibt es in Griechenland sieben besetzte Häuser, die nach demselben Prinzip funktionieren - sechs in Athen und eines in Thessaloniki. Es sind vor allem öffentliche Gebäude, darunter auch ehemalige Schulen. Der griechische Staat - wegen der Wirtschaftskrise selbst überfordert mit der Aufgabe, die rund 60.000 Flüchtlinge im Land zu versorgen - duldet es.

Idee sei es gewesen, ein Gegenmodell zu den staatlichen Flüchtlingscamps zu präsentieren, sagt Nassim Lomani, der selbst afghanische Wurzeln hat und vor 16 Jahren nach Athen kam. «Und wir wollen die Flüchtlingskrise sichtbar machen.» Er kritisiert die offiziellen Lager, die oft an abgelegenen Orten seien, ohne ausreichende Waschgelegenheiten, ohne Sicherheit, ohne Privatsphäre. Die Camps würden abgeschottet, freiwillige Helfer müssten sich zunächst registrieren lassen, um dort überhaupt mitarbeiten zu dürfen.

In den besetzten Häusern darf sich jeder engagieren. Wer darin leben will, muss sich aber an einige Regeln halten: Alkohol und Drogen sind nicht erlaubt, Gewalt, Rassismus und Sexismus werden nicht geduldet. Verstößt jemand dagegen, muss er gehen.

Um die Versorgung kümmern sich rund hundert Aktivisten überwiegend aus dem Athener Stadtteil Exarchia, bekannt für seine Künstler und Anarchisten. Hier werden Lebensmittel gesammelt, Medikamente und Dinge für den täglichen Gebrauch. Soziale Zentren bieten in kleinen Klassenräumen Sprachkurse kostenlos an - Griechisch, Englisch und manchmal auch Deutsch.

Es gibt Demonstrationen und Solidaritätskonzerte. Anwälte und Mediziner kommen regelmäßig vorbei, für Beratungsstunden und Untersuchungen. «Wir wollen, dass alle Flüchtlinge Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem haben sowie zum Asylverfahren», sagt Nassim Lomani. In Sachen Bildung erzielten die Flüchtlingshäuser jüngst einen Erfolg: Einige lokale Schulen lassen nun Flüchtlingskinder am Unterricht teilnehmen.

Hinter der Rezeption im Erdgeschoss führt eine Treppe nach oben zum Speisesaal und zum Café des ehemaligen Hotels. Die Aufzüge stehen still. Der angezapfte Strom der städtischen Versorgungsleitungen reicht dafür nicht aus. Im Speisesaal ist gerade nichts los. Es ist früher Nachmittag und die Stühle sind ordentlich auf die Tische gestellt, bis am Abend wieder die Essensausgabe ansteht.

Im Café nebenan steht hinter einem Tresen eine junge Deutsch-Ägypterin mit dunklen Locken und Nasenring, die zwei neue angekommene freiwillige Helfer einweist. Sie selbst will zwei Monate mithelfen und wohnt in der Zeit auch im Hotel. «Die Selbstverwaltung funktioniert gut, eigentlich brauchen die Leute uns hier gar nicht», sagt sie. «Wir sind hier eher aus Gründen der Solidarität.» (epd)

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