Die Ärmste und der Reichste - in Ägypten regiert die Abschottung

26.09.2018

Zum glamourösen Filmfestival am Roten Meer strömen die Stars. Der Milliardär feiert, die arme Salma schaut ihm im Fernsehen zu. In Ägypten schottet sich die Elite des Landes immer weiter ab. Ein Besuch an den zwei Enden einer extremen Gesellschaft. Von Benno Schwinghammer

Salmas Palast befindet sich in ihrem düsteren Kabuff mitten in Kairo, auf einem Poster an der Wand, von der die Farbe blättert. In die üppigen Garten auf dem Bild kann sich die mittellose Ägypterin nur träumen. Ihr Landsmann Nagib dagegen sitzt in einer solchen Luxusvilla mit Marmor und Meerblick. Die beiden trennen nicht nur vier Milliarden Dollar Vermögen, sondern auch gesellschaftliche Welten zwischen arm und reich, die in Ägypten immer weiter auseinanderdriften.

Al-Guna ist dieser Tage mal wieder in Feierstimmung. Der rote Teppich in der Stadt am Roten Meer ist hollywoodreif, ebenso der Auftritt des Gründers des Al-Guna Filmfestivals, Nagib Sawiris. Der 64-Jährige flaniert an den Linsen der Fotografen vorbei, die ihn genauso verfolgen wie die Drohne über seinem Kopf.

Frauen mit Diamantschmuck und in bunten Kleidern scharen sich um ihn. Männer quetschen sich durch die Trauben von Smokings und strecken ihre Hände schon aus, lange bevor der Gastgeber sie drücken kann. Für den Small Talk wird Englisch dem Arabischen vorgezogen. Kaum eine Frau trägt ein Kopftuch, obwohl die meisten Besucherinnen muslimisch sind.

Sawiris, Spross einer berühmten Familie von Geschäftsleuten, ist laut Forbes einer der reichsten Menschen Afrikas und holt auch bei der zweiten Ausgabe des El-Guna Filmfestivals wieder große Namen nach Ägypten. Dieses Jahr kamen unter anderem Patrick Dempsey und Clive Owen nach El-Guna, der einzigen Privatstadt Ägyptens.

Nagibs Bruder Samih Sawiris baute sie für die mächtigen Oberschichtfamilien und ihre Jachten. Die traditionellen Kähne der Fischer sind unerwünscht. Auf dem Meer vor dem Luxushotel, in dem Nagib Sawiris heute empfängt, schieben sich Kite-Schirme über den Horizont und hinter die samtenen Gardinen des Salons. Der Weg zum Milliardär führt über den dunklen Holzboden, vorbei an französischen Möbeln, Tischchen mit Orchideen und durch einen marmornen, mit Säulen flankierten Bogen.

Dahinter sitzt ein etwas müde aussehender Mann, der den Maßanzug mit einem Micky-Maus T-Shirt und kurzen Hosen getauscht hat. Als Feierbiest bekannt hat Nagib Sawiris eine raumfüllende Präsenz. Doch eingesunken auf dem goldumrahmten Sofa, vor Ölgemälden, die tosende Meere zeigen, wirkt der 64-Jährige denkbar unprätentiös. Er sagt: «Ich will das einfach nur hinter mich bringen.»

Inmitten der überfüllten ägyptischen Hauptstadt sitzt Salma in ihrem beengten Zimmer im Erdgeschoss des Mietshauses. Durch den Hausflur tönt der Verkehr, das Krach gewordene Sinnbild einer Stadt im Dauerchaos. Salma ist «Bawaba», sie passt auf, dass kein Fremder ins Haus eindringt. Ihr Fenster zur Welt ist der Fernseher, auf dem dieser Tage Nagib Sawiris und sein Festival flimmern.

Salma heißt eigentlich anders, und eigentlich will sie auch nicht reden. Die Polizei sei schließlich um die Ecke und man wisse ja, was im autoritären Ägypten passiere, wenn man etwas Falsches sage. Viele Menschen fühlen sich wie sie: abgehängt, mittellos, machtlos. Trotz einiger Reformen hat eine schwere Wirtschaftskrise Ägypten im Griff. Die Geburtenrate ist enorm, bald wird es 100 Millionen Ägypter geben, für die es nicht genügend Jobs gibt.

Die Massenarmut scheint auf Jahrzehnte betoniert, und die Menschen empfinden die Situation als immer belastender. In allen Bereichen des Lebens steigen die Preise kräftig. «Manchmal ist es so knapp, dass ich keine Medizin für meinen Diabetes kaufen kann», sagt Salma.

Die alte Frau lebt von umgerechnet nicht einmal 80 Euro im Monat. Verwandte unterstützen sie, aber auch das ist nicht genug. Früher sei sie gern zu ihrem Bruder nach Giseh gefahren. Er wohnt nur ein paar Kilometer hinter dem Nil. Doch heute sei der Sprit teuer, eine Fahrt mit dem Taxi kostet die fußkranke Frau 20 Pfund, fast einen Euro.

Nagib Sawiris verzieht das Gesicht. Er wird nicht gerne gefragt, was er jemandem antworten würde, der sagt, er könne sich Al-Guna nicht leisten. «Was ein Pech. Was ein Pech. Das heißt: Arbeite härter, werde reich und dann komm her», spottet er.

Er scheint sich dabei nicht auf die Millionen bitterarmen Ägypter, sondern auf die Vielzahl von Neidern zu beziehen. Diese wollten ihn lieber zerstören, als selbst etwas aufzubauen. «Diese Mentalität nenne ich Verlierer-Mentalität!», schimpft Sawiris, und ist damit nicht fertig.

Es gebe Hotelzimmer in El-Guna, die nur zehn Euro die Nacht kosteten (eigentlich sind es mindestens 50 Euro). «Jeder kann zehn Euro pro Nacht bezahlen!» Und: «Ich hasse Menschen, die so sprechen!». Seine PR-Assistentin sieht aus, als hätte sie nichts gegen mehr Diplomatie. Doch Nagib Sawiris ist für seine direkte Art bekannt.

Für viele ist der koptische Christ nicht nur als Telekommunikations-Tycoon eine Inspiration. Seinen großen Einfluss machte er auch während der arabischen Aufstände 2011 geltend, als er dem sogenannten «Rat der Weisen» angehörend den Druck auf Noch-Präsident Husni Mubarak erhöhte. Sawiris gilt als Charismatiker, der mit seinen Verbindungen in den Machtapparat Dinge durchsetzt, die im militärisch dominierten Ägypten eigentlich unmöglich sind.

Den Erfolg der Geschäftsleute braucht das gesamte Land. Genauso wie die Oberschicht ihren Reichtum auf die Konsumenten gründet, die eher zu den Armen als zur relativ kleinen Mittelschicht des Landes gehören. Offiziellen Angaben zufolge leben 28 Prozent der Menschen in Ägypten unterhalb der Armutsgrenze, die 2016 bei etwa 22 Euro pro Monat lag. Diplomaten gehen davon aus, dass die Zahlen noch wesentlich krasser sind.

Die Reaktion der Reichen: Sie ziehen sich in bewachte Luxus-Ghettos außerhalb Kairos oder am Meer zurück. Der Schriftsteller Asiem el-Difraoui bezeichnet es in seinem Buch «Ein neues Ägypten?» als schockierend, dass die Elite «eine so große Verachtung für die zahlreichen sozial Schwachen ihres eigenen Volkes empfindet, aber gleichzeitig versucht, so viel Macht und Reichtum wie möglich an sich zu reißen.»

Auch Präsident Abdel Fattah al-Sisi schottet sich ab. Seine öffentlichen Auftritte finden fast ausschließlich in geschlossenen Räumen statt. Die Angst vor Anschlägen ist groß, ein Bad in der Menge undenkbar. Dafür sitzt er bei Veranstaltungen - solange er nicht selbst spricht - in der ersten Reihe, auf einem kleinen Thron umgeben von Blumen-Bouquets.

Seine Regierung, so sehen es die Menschen, treibt die Abschottung noch weiter voran. Eine neue Metropole mitten in der Wüste soll Kairo als Hauptstadt ablösen. Auf halbem Weg zum Roten Meer stehen schon etliche Häuserblocks, Moscheen und die größte Kathedrale des Landes.

Trotz einiger Investitionen auch innerhalb Kairos haben viele Angst, dass die alte Hauptstadt sich selbst überlassen wird. «Ich habe die neue Hauptstadt nie gesehen, aber ich habe gehört, dass sie für die Minister und die Reichen gebaut wird, nicht für die Armen wie uns», meint Salma gedämpft. Sie hat ihre ruhigen Augen Richtung Straße gerichtet, hinter ihr erhellt eine nackte Glühbirne den Raum.

«Manchmal kriege ich Angst, wenn ich darüber nachdenke, was passiert, wenn ich hier weggehen muss. Ich habe keinen anderen Ort.» Sorgen, die am anderen Ende der Gesellschaft nicht existieren. Die Villen Al-Gunas sind in Schuss und das Festival erzielt die erhoffte Aufmerksamkeit. Doch es mangelt an etwas anderem: echten Filmfans, wie sie früher noch das Festival in Kairo anzog.

Al-Guna könnte der Hauptstadt auch hier bald den Rang ablaufen. Branchenkenner Joseph Fahim aber sieht Probleme für das neue Festival: Es sei zwar eine gute Plattform für die Filmindustrie, aber nicht für die eigentlichen Fans: «Für ein Filmfestival brauchst du ein Publikum aus der Mittelklasse. Das hast du in Guna nicht.»

Voll sind die Säle und die schicke Open-Air-Bühne tatsächlich nur bei den absoluten Highlights. Eines davon ist «Yomeddine», ein ägyptisches Roadmovie über die Reise eines Leprakranken und eines nubischen Jungen. Milliardär Sawiris ist begeistert: «Es ist das erste Mal, dass sich ein Film mit den vergessenen Menschen und jenen Personen beschäftigt, die wie Abschaum behandelt werden», schwärmt er. «Am Ende habe ich angefangen zu weinen.» (dpa)

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