Christen in Syrien: Bruder Dschihad wartet auf den Krieg

14.07.2017

In der syrischen Wüste hält eine Hand voll Mönche die Stellung in einem Jahrhunderte alten Kloster. Der Gründer der kleinen Gemeinschaft wird entführt, die Mönche geraten zwischen die Fronten. Die Erfahrung des Krieges verändert auch ihren Glauben. Von Simon Kremer

Das erste Mal kommt der Krieg von hinten, er schleicht sich durch das enge Tal zwischen den Felsen, öffnet die Gatter und nimmt etwa einhundert Ziegen mit, dazu noch ein paar Ackergeräte. Dann überlässt er die Mönche wieder der Stille der Wüste. Das nächste Mal bleibt der Krieg für 25 Tage und reibt eine kleine Stadt in der Nähe auf. Dann entführt er zwei ihrer Brüder.

«Wir haben uns immer gefragt, wann es uns trifft», sagt Bruder Dschihad. Der Mönch mit den kurz geschorenen Haaren sitzt auf der breiten Terrasse des Klosters und blickt hinunter auf die Ebene, die sich fast vierhundert Stufen tiefer in der Wüste ausbreitet. Im Hintergrund klappert Mitbruder Budrus in der Küche und bereitet sämige Linsensuppe und selbst gemachten Käse für das Mittagessen vor.

Drei Mönche und zwei Nonnen leben noch in Dar Mar Musa al-Habaschi (Kloster des Heiligen Moses von Abessinien), rund 80 Kilometer nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Wie ein Schwalbennest klebt das steinerne Kloster am Fels der Al-Kalamun-Berge. Die nächste Ortschaft ist mehr als 15 Kilometer entfernt.

«Die Menschen haben die Stille hier geliebt», erzählt Dschihad. Die Stille der Wüste, der unendliche Sternenhimmel und die Kargheit des Ortes machten Mar Musa zu einem Pilgerort für Christen und Muslime aus der ganzen Welt. Als der italienische Jesuit Paolo dall Oglio 1982 auf die Ruinen aus dem 6. Jahrhundert stößt, ist er fasziniert von dem Ort und gründet 1991 eine eigene Ordensgemeinschaft.

Fast 30.000 Menschen pilgerten zwischenzeitlich jedes Jahr nach Mar Musa. Gerade bei Rucksackreisenden und Studenten war das Kloster beliebt. Mar Musa galt als «Taizé des Orients». Statt Geld zu geben, halfen die Gäste in der Küche, in den Feldern oder schleppten Steine durch das Wadi hinter dem Kloster, um in der Einsamkeit einen Altar zu bauen. Inzwischen kommt nur noch ab und an jemand aus dem Nachbarort vorbei.

Als das Kloster zwischen die Fronten von Rebellen und syrischer Armee gerät, fürchtet die Gemeinschaft um ihr Leben. «Als wir hier in Angst gelebt haben, haben wir uns gefragt, ob es Gott wirklich gibt oder nicht», sagt Dschihad. Der 39-jährige Mönch verbringt einsame Tage in der Klosterkapelle, in der der Kerzenschein über die ausgekratzten Gesichter von jahrhundertealten Fresken flackert. «Wenn man selbst solche Erfahrungen gemacht hat, dann kann man die Menschen besser verstehen, die in Not sind.»

Im Gegensatz zu vielen Kirchenoberen, die in Syrien häufig die Linie von Staatspräsident Baschar al-Assad unterstützten, könne er auch verstehen, wenn zahlreiche Christen Syrien verlassen würden. «Vor dem Krieg haben wir dieses Bild überschätzt, dass wir alle ein Volk sind», sagt Dschihad. «Der Krieg hat offen gelegt, dass dieses Idealbild nicht stimmt und dass Christen und Muslime in Syrien eigentlich nur wenig miteinander zu tun hatten.» Wegen Aussagen wie dieser wird die syrisch-katholische Gemeinschaft kritisch von den anderen Kirchen betrachtet. 

Eine kleine Glocke durchbricht die Stille und ruft zum Gebet. Dschihad zieht die Schuhe aus und schlüpft gebückt durch eine niedrige Tür in die Kapelle. Ein Lichtstrahl fällt durch ein schmales Fenster im Gemäuer, Teppiche liegen auf dem Boden wie in einer Moschee. «Wir merken, dass wir im Gebet auch viel Zuspruch aus der ganzen Welt bekommen», erzählt Dschihad.

Und auch finanziell wird die Gemeinschaft unter anderem aus Europa unterstützt. Auch wenn man für fünf Menschen ja nicht viel brauche, sagt Dschihad und lächelt. Aber es sei gut zu wissen, dass man nicht vergessen sei. Auch im benachbarten Al-Nabek sprechen sie von «unseren Mönchen», obwohl in dem 50.000-Einwohner-Städtchen gerade noch 300 Christen leben. Als der Ort zerstört wird, helfen die Mönche dabei, 70 Häuser wieder aufzubauen.

Im Kloster überlegten die Mönche und Nonnen immer wieder, ob sie bleiben sollten oder nicht: Als ihr Gründer Pater Paolo vom Islamischen Staat (IS) in Al-Rakka entführt wird, als die Dschihadisten das zweite Kloster der Gemeinschaft in der Nähe von Homs mit Bulldozern zerstören, als 13 Nonnen aus dem Christendorf Maalula entführt werden. «Aber jeden Abend haben wir uns neu entschieden, zu bleiben.»

In Mar Musa wollen sie den Gedanken der Verständigung zwischen den Religionen nicht aufgeben. «Gerade nach dem Krieg müssen wir eine Brücke zwischen den Menschen bauen», sagt Bruder Dschihad. «Da ist viel kaputt gegangen.» Er wartet auf das Ende des Krieges, aktuell ist die Front weit entfernt. Unten im Tal nähert sich ein Auto. Eine syrische Familie parkt und packt einen Picknickkorb aus. 398 Stufen trennen sie vom Kloster. (dpa)

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