Nach der Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug 1099 schrieb ein christlicher Chronist, in den Straßen der Stadt fließe das Blut: "Juden wurden in ihrer Synagoge eingekesselt und mit dem Schwert niedergemacht und zehntausend Muslime wurden brutal massakriert. Man sah ganze Haufen von Köpfen, Händen und Füßen. Wahrlich, es war ein gerechtes, großartiges Gottesgericht, dass dieser Ort mit dem Blut der Ungläubigen angefüllt war. Als sie niemanden mehr fanden, den sie töten konnten, zogen die Kreuzfahrer Hymnen singend zur Grabeskirche. Neben dem Grab Christi feierten sie die Osterliturgie."

Cilly Kugelmann bleibt bei ihrer These. "Alles, was in dieser Stadt passiert, ist mit einer Schicht von Heiligkeit überlagert. Und je weniger es säkulare, konventionelle Lösungen zu geben scheint, desto mehr orientiert man sich an der metaphysischen Wurzel dieser Stadt."

Schatten über der heiligen Stadt: Exponat der Ausstellung Welcome to Jerusalem
Schatten über der heiligen Stadt: Die Ausstellung "Welcome to Jerusalem", und das ist gut gelungen, versucht die Konflikte nicht zu übertünchen, um schöne und erbauliche Bilder fürs Herz zu posten oder gar Reisebüros farbig Konkurrenz zu machen, sondern hält die Widersprüche aus.

Die "neuen Umrisse von Palästina"

Der Dialog unter den Bevölkerungsgruppen aber bleibt schwierig. Als die Berliner Macher von "Welcome to Jerusalem" Palästinenser aufforderten, sich mit Beiträgen und Exponaten an der Ausstellung zu beteiligen, ernteten sie nur Absagen. "Die Palästinenser bestehen auf der Maximallösung, sie wollen nicht in einer Ausstellung vorkommen, die mit und von Juden gemacht ist", sagt Cilly Kugelmann, die bisherige Programmleiterin des Jüdischen Museums.

Immerhin hat die vielleicht wichtigste palästinensische Künstlerin, Mona Hatoum, die für ihre harsche Kritik der israelischen Besatzung bekannt ist, ein Werk geliefert: "Present Tense" zeichnet die "neuen Umrisse von Palästina" auf ein Mosaik kubischer Seifenstücke. Diese erinnern an die Seifenproduktion von Nablus, die bereits seit der Antike berühmt war und die lange zur Identität der Palästinenser gehört. Durch den israelischen Beschuss und Eingriffe in die Altstadt von Nablus wird diese Seife nicht mehr wie früher produziert.

"Welcome to Jerusalem", und das ist gut gelungen, versucht die Konflikte nicht zu übertünchen, um schöne und erbauliche Bilder fürs Herz zu posten oder gar Reisebüros farbig Konkurrenz zu machen, sondern hält die Widersprüche aus.

Der palästinensische Großvater, der mit einem großen Schlüssel nach Jerusalem reist und auf ein Haus deutet, das einmal seiner Familie gehörte, bis zur Vertreibung von 1948 ("Ich dachte, dass sei eine militärische Übung, wir warten bis das vorbei ist und kehren dann zurück") kommt ebenso vor wie der Skandalauftritt der amtierenden israelischen Kulturministerin Miri Regev in Cannes, die hier als Pappkameradin erscheint.

Kleid als politisches Statement

Regev hatte sich für die Festspiele von Cannes ein Kleid schneidern lassen mit der Silhouette Jerusalems, mit den Kuppeln der Al Aksa-Moschee und des Felsendoms. Dieses provokante Kleid manifestiert den Anspruch der derzeitigen israelischen Regierung auf den Ostteil der Stadt. In den Sozialen Medien ging das Kleid in einem digitalen Flammenmeer auf.

Jerusalem of Gold – das ist ein Slogan aus dem Tourismusmarketing. Ja, Jerusalem wird immer wieder mit seiner Besonderheit verkauft, seiner Aura von Heiligkeit, seinem Licht, das Schriftsteller wie Amos Oz beschrieben haben und das den Jerusalem-Fahrer jäh und unmittelbar treffen kann. Man spricht ja vom Jerusalem-Syndrom als einer psychischen Erkrankung, einem plötzlichen göttlichen Größenwahn, der viele Reisende seit Jahrhunderten trifft.

Jerusalem verspricht den Pilgern Rettung – und brütet doch neue Gewalt aus. Eine Gruppe jüdischer Extremisten hat bereits das Tempel-Institut gegründet, das sich schon jetzt für den Bau eines neuen, des Dritten Tempels rüstet. Der soll zwar nach allgemeiner jüdischer Überzeugung erst dann entstehen, wenn der Messias wiederkehrt.

Doch die Extremisten wollen dem offenbar vorgreifen. Viel Geld steckt hinter dieser Bewegung, die bereits die Gerätschaften des Tempels einschließlich der goldenen Menora wieder hergestellt hat, die aber letztlich darauf zielt, das Haram al-Sharif, den Felsendom und die Al Aksa-Moschee abzureißen. Es könnte der Beginn einer Dritten Intifada werden.

Werner Bloch

© Deutsche Welle 2017

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