Arte zeigt Dokumentation "Der Islam der Frauen"

31.03.2020

Sie sind Modedesignerinnen und Architektinnen, Dozentinnen und Autorinnen, stammen aus Tunesien, dem Libanon, Marokko oder dem Oman. So unterschiedlich die Protagonistinnen in Nadja Frenz' Dokumentation sind, sie alle setzen sich mit dem religiösen Erbe ihrer Heimats- oder Herkunftsländer auseinander: der Botschaft des Propheten Mohammed. Mit "Der Islam der Frauen", zu sehen am Mittwoch ab 21.45 Uhr auf Arte, gibt Frenz jenen Stimme und Gesicht, die in der Berichterstattung meist hinter Klischeebildern von bärtigen Mullahs oder vollverschleierten Musliminnen verschwinden.

Und so lernt der Fernsehzuschauer Frauen wie Asya Ali Mazard al Riyami aus dem Gesundheitsministerium von Oman kennen. Sie beruft sich auf Khadidscha als Vorbild, die erste Gattin Mohammeds. Die Erbin einer Karawanserei sei eine erfolgreiche Geschäftsfrau gewesen, sagt al Riyami, sozusagen ein Musterexemplar einer selbstbestimmten Frau. Wenig später erläutert die Tunesierin Olfa Youssef, Direktorin des Institut des Beaux-Arts in Sousse, warum sie auch gegen massiven Druck von Extremisten für eine historisch-kritische Lektüre des Koran eintritt.

Die aus dem Senegal stammende "Afrofeministin" Ndella Paye trägt, ebenso wie andere Gesprächspartnerinnen von Regisseurin Frenz, ihren Lieblingsvers aus dem Koran vor. Neben dem imposanten Klang der meist arabischen Rezitationen ist auch Platz für Misstöne. Warum wird Frauen in der islamischen Welt nur ein deutlich kleinerer Teil des Erbes zugestanden? Was hat es mit dem Verhüllungsgebot auf sich? Und ist dem Mann laut Sure 4, Vers 34 tatsächlich gestattet, seine Frau zu schlagen, wenn sie ihm nicht gehorcht?

Auf der einen Seite zeigt die einstündige Dokumentation Musliminnen, die darum ringen, die rund 1.500 Jahre alten Korantexte in die heutige Zeit zu übersetzen. Auf der anderen Seite präsentiert Nadja Frenz Frauen wie die französische Journalistin und ehemalige Mitarbeiterin des Satiremagazins "Charlie Hebdo", Zineb el Rhazoui, die Emanzipation und Islam für unvereinbar miteinander halten. Denn: "Für den Islam ist die Frau weniger wert als der Mann", sagt sie. Die Angst vor "Schande" und "Sünde" begleite muslimische Frauen zudem ein Leben lang.

Vielleicht liegt das Problem aber auch ganz woanders. Manche der Frauen, die Frenz porträtiert, sprechen von einem doppelten Druck, unter dem sie leiden: den der eigenen Gesellschaft und den von außen, der Musliminnen vorschreibt, wie Geschlechtergerechtigkeit und Emanzipation auszusehen haben. Dabei gibt es in der islamischen Welt durchaus Vordenkerinnen und Vordenker, an denen sich Musliminnen zwischen Marokko und Indonesien orientieren könnten. Die ägyptische Frauenrechtlerin Huda Scha'rawi (1879-1947) beispielsweise oder der Tunesier At-Tahir al-Haddad (1899-1935), der sich für die Teilhabe von Frauen im öffentlichen Leben stark machte.

Allerdings hat sich seither einiges geändert. Seit dem Aufstieg Saudi-Arabiens und anderer Erdöl exportierender Staaten auf der Arabischen Halbinsel verbreiten sich sehr konservative Lesarten des Islam. Fern scheinen mitunter die Zeiten, in denen ein Politiker wie der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser (1918-1970) mit einem Schmunzeln von einem Treffen mit dem Anführer der Muslimbrüder berichtete. "Sie müssen das Tragen des Kopftuchs in Ägypten anordnen!", habe der Religionsvertreter befohlen. Und fern scheinen die Zeiten, in denen ein Zwischenrufer unter Gelächter diese Forderung quittierte mit: "Er soll selber eines tragen."

Darin liegt vielleicht eine kleine Schwäche der Dokumentation von Frenz: Dass sie keine konservativen Stimmen zu Wort kommen lässt, einflussreiche Player wie Saudi-Arabien oder Iran damit so gut wie außen vor bleiben. Zu gern hätte man gewusst, ob die Menschen dort etwas anfangen können mit einer kritischen Lektüre des Koran. Aber warum nicht stattdessen vor der eigenen Haustüre kehren? Wenn sie sich die Bilder von EU-Gipfeln anschaue, wo außer Bundeskanzlerin Angela Merkel kaum Frauen zu sehen seien, dann, sagt die Libanesin Joumana Haddad, wisse sie, dass die Europäer in Sachen Gleichberechtigung auch noch eine Menge zu tun hätten. (KNA)

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