50 Jahre Besatzung: Israels Siedlerbewegung aus dem Krieg geboren

09.06.2017

Es ist einer der kürzesten Kriege der Geschichte: In nur sechs Tagen erobert Israel 1967 ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß ist wie der eigene Staat. Die Auswirkungen dauern an. Von Sara Lemel

Daniel Bar-Tal ist junger Offizier in einer israelischen Panzereinheit, als 1967 Spannungen mit dem ägyptischen Nachbarland rasant eskalieren. «Ende Mai gab es eine riesige Mobilisierung von Reservisten und es war klar, dass Krieg unvermeidlich ist», erinnert sich der heute 71-jährige Psychologieprofessor.

Der bis dahin dritte bewaffnete Konflikt zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten bricht am 5. Juni 1967 aus, nachdem Ägypten israelische Seewege blockiert und Truppen auf die Sinai-Halbinsel verlegt hat. In einem überraschenden Präventivschlag zerstört Israel in kürzester Zeit große Teile der Luftwaffen Ägyptens, Jordaniens, und Syriens.

Im Sturm erobern israelische Bodentruppen Westjordanland, Sinai-Halbinsel, Gazastreifen, Ost-Jerusalem und die syrischen Golanhöhen, während die Welt staunend zusieht. Etwa eine Viertelmillion Menschen fliehen aus den Palästinensergebieten. Die arabische Allianz hat mehr als 15.000 Opfer zu beklagen, rund 700 Israelis sterben.

Der Krieg endet am 10. Juni 1967 - doch seine Auswirkungen sind bis heute deutlich zu spüren. Ein Großteil der Palästinensergebiete steht seit 50 Jahren unter Israels Besatzung, eine zum Schutz gegen Selbstmordattentäter gebaute Sperranlage und Kontrollpunkte des Militärs schränken die Bewegungsfreiheit der Menschen im Westjordanland ein. Der von der radikal-islamischen Hamas beherrschte Gazastreifen wird seit zehn Jahren blockiert. Verhandlungen für eine friedliche Lösung des blutigen Konfliktes sind immer wieder gescheitert.

Bar-Tal ist 1967 mit seiner Panzereinheit an den Kämpfen auf der Sinai-Halbinsel beteiligt. Als das ganze Land nach sechs Tagen von einem Siegestaumel erfasst wird, feiert der damals 21-Jährige begeistert mit. «Der Sieg überstieg alle Erwartungen, niemand hätte gedacht, dass Israel in sechs Tagen soviel Gebiet erobert könnte.»

Damals habe das Gefühl geherrscht, «dass wir eine große Katastrophe verhindert und einen großen Sieg errungen haben». Zum Symbol des kämpferischen Israelis wird der damalige Verteidigungsminister Mosche Dajan - der Mann mit der schwarzen Augenklappe.

Der Sieg ist auch die Geburtsstunde der israelischen Siedlerbewegung, die ihren Einfluss auf die Geschicke des Landes bis heute immer weiter vertiefen kann. Die erste Siedlung Kfar Ezion wird noch 1967 im Westjordanland errichtet, etwa zehn Kilometer von Bethlehem entfernt. Sie entsteht auf den Trümmern einer jüdischen Ansiedlung, die während des ersten Nahostkriegs 1948 von der jordanischen Armee zerstört wurde.

Die Besiedlung des Westjordanlands - von Israelis auch Judäa und Samaria genannt - erscheint vielen als Rückkehr ins biblische Land Israel. Der Traum von «Groß-Israel» beginnt. Skeptiker warnen allerdings, die Siedlungen könnten Israel zum Verhängnis werden. Sie drängen darauf, rasch Frieden mit den arabischen Staaten zu schließen, und im Tausch die eroberten Gebiete wieder zurückzugeben.

Eine kleine Gruppe von Intellektuellen habe damals vor einer «Katastrophe» für die israelische Gesellschaft gewarnt, sollte sie ein anderes Volk dauerhaft unter Besatzung halten, erinnert sich Bar-Tal. Auch bei ihm keimen nicht lange nach dem Krieg erste Zweifel auf. Später gründet er eine Organisation, die sich gegen die Besatzung einsetzt.

Die verheerenden Verluste des Jom-Kippur-Kriegs versetzen dem israelischen Hochgefühl 1973 einen schweren Dämpfer. Während der Friedensgespräche mit Ägypten 1978, die letztlich zu einer Rückgabe der Sinai-Halbinsel führen, wird die israelische Organisation Peace Now gegründet. Sie hat sich das Konzept «Land für Frieden» mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn auf die Fahne geschrieben.

Doch erst nach Beginn des ersten Palästinenseraufstands Intifada 1987 habe eine breitere Öffentlichkeit die Besatzung überhaupt erst als Problem wahrgenommen, sagt Bar-Tal. «Das war ein Wendepunkt, man kann sogar sagen, ein politisches Erdbeben.»

Nach längeren geheimen Kontakten einigen sich Israel und die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO 1993 auf ein Friedensabkommen. Ziel ist ein unabhängiger Palästinenserstaat. Erst 2005 zieht Israel aus dem Gazastreifen ab.

Doch die Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Konflikts haben bis heute nicht gefruchtet, im Gegenteil. Die Positionen erscheinen verhärteter denn je und die Zahl der israelischen Siedler im Westjordanland und Ost-Jerusalem ist auf rund 600.000 angeschwollen.

Seit Oktober 2015 kommt es wieder vermehrt zu palästinensischen Anschlägen. Immer weniger Menschen auf beiden Seiten glauben daran, dass eine friedliche Trennung Israels und der Palästinenser noch möglich ist.

Besonders heikel ist die Jerusalem-Frage. Die Eroberung des arabischen Ostteils mit der Altstadt wird 1967 in Israel als Wunder gefeiert. Ein Bild israelischer Fallschirmjäger an der Klagemauer wird zum Symbol des Triumphs. 50 Jahre später feiert Israel die «Vereinigung» Jerusalems, das es als seine ewige, unteilbare Hauptstadt beansprucht. International ist dies nie anerkannt worden.

Was für Israel Grund zum Feiern ist, löst bei den Palästinensern Trauer und Wut aus. «Wie kann man sich vereinigt fühlen, wenn man als Fremder angesehen wird, nicht als Bürger?», fragt die palästinensische Christin Nora Kort. Die 54-Jährige betreibt in Jerusalems Altstadt ein Museum in einem Gebäude, das der griechisch-orthodoxen Kirche gehört.

Palästinenser hätten in Jerusalem nicht dieselben Rechte wie Juden, beklagt die Frau, deren Familie schon im ersten Nahost-Krieg 1948 Besitz in der Stadt verloren hat. Wie die meisten Palästinenser in Ost-Jerusalem hat sie ein Aufenthaltsrecht, aber keine israelische Staatsangehörigkeit. Zwischen den jüdischen und den arabischen Wohnvierteln in Jerusalem bestehen krasse Unterschiede: Im Ostteil gibt es etwa mehr Müll auf den Straßen, weniger Spielplätze, das Bussystem ist schlechter.

«Zwischen dem Westen dem Osten der Stadt besteht immer noch eine tiefe Kluft unerträglicher Unterschiede in Armutsraten und Infrastruktur, das Ergebnis langer Vernachlässigung», sagte Israels Staatspräsident bei den Feiern 50 Jahre nach dem Krieg.

«Ich wünschte, die Regierung würde die Palästinenser gleich behandeln», sagt Kort. «Das würde alles ändern.» Doch Bar-Tal sieht immer weniger Platz für Veränderungen. «Wir haben schon zwei Generationen, die in einer Realität ohne Grenzlinie aufgewachsen sind», sagt er.

«Sie haben eine andere Sicht, sie sehen das Land nicht als besetzt, sondern als ihre Heimat an.» Er sehe auf beiden Seiten auch keine echte Erziehung zum Frieden. Israelische und palästinensische Schulkinder bekämen jeweils eine Landkarte zu sehen, auf der es keine Grenzen gibt. «Jede Seite beansprucht alles für sich, jede Seite klebt an ihrer historischen Sichtweise, es ist wie ein Spiegelbild», sagt Bar-Tal.

Die Folgen machen ihm Angst. «Die Besatzung schadet nicht nur auf brutale Weise den Palästinensern, sondern sie schadet auch der israelischen Gesellschaft», meint Bar-Tal. Die Regierungspolitik habe eine korrumpierende Wirkung auf alle Einrichtungen im Land. Die meisten Israelis verdrängten lieber, was in den Palästinensergebieten passiert. Zu der Aussicht auf eine Friedensregelung unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump sagt Bar-Tal: «Ich bin leider wirklich pessimistisch.» (dpa)

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