Interview mit dem Nahostexperten André Bank

Syrien: "Der Iran kämpft nicht in Idlib"

Noch ist der Syrien-Krieg nicht vorbei. Assad und Russland bombardieren Idlib seit Monaten. Auffällig sei, dass der Iran sich weigert, bei der entscheidenden Schlacht um die letzte Bastion der Aufständischen mitzukämpfen, sagt Nahost-Experte André Bank im Interview mit Diana Hodali.

Seit April bombardieren Assad und Russland die Provinz Idlib, die von Rebellen und Dschihadisten kontrolliert wird. Welches Ziel verfolgen sie damit?

André Bank: Das Assad-Regime hat schon länger den Wunsch, Syrien komplett wiederzuerobern. Nachdem im Jahr 2018 die ehemals von Rebellen gehaltenen Gebiete - Ghouta östlich von Damaskus, Daraa im Süden und das Umland von Homs in Zentralsyrien – sukzessive mithilfe Irans und Russlands wieder vom Assad-Regime eingenommen wurden, war es nur eine Frage der Zeit, wann sie sich der Rebellenhochburg Idlib zuwenden würden.

Im vergangenen Spätsommer stand eine Offensive gegen Idlib bereits unmittelbar bevor. Dann kam es sehr überraschend zu einer Übereinkunft zwischen Russland und der Türkei, die für eine Beruhigung der Lage gesorgt hat.

Können Sie diese Einigung skizzieren?

Bank: Die Einigung über Idlib bestand darin, dass die Türkei mithilfe ihrer militärischen Beobachtungsposten von außen die Kontrolle über die Provinz behalten konnte. Russland verlangte im Gegenzug von der Türkei, gegen Hayat Tahrir Al Scham (HTS) vorzugehen. Die Dschihadistenallianz HTS ist aus der Nusra-Front hervorgegangen. Der frühere syrische Al-Qaida-Ableger ist der mächtigste Gewaltakteur innerhalb der Provinz Idlib. Es gibt dort aber auch Rebellen, die der Türkei näherstehen und etwa der Freien Syrischen Armee angehören. HTS ist nicht Türkei-nah. Dafür würden Russland und Assad nicht angreifen. Aber dieser Deal war von Anfang an relativ brüchig.

Die Provinz Idlib grenzt direkt an die Türkei. Foto: DW
In Idlib und angrenzenden Gebieten leben mehr als drei Millionen Menschen unter Kontrolle der Dschihadistenallianz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) und anderer Rebellengruppen. Ein Großteil davon sind Flüchtlinge aus anderen Landesteilen und Kämpfer, die nach der Rückeroberung einstiger Rebellenbastionen wie Homs, Aleppo und Ost-Ghuta mit ihren Familien dorthin gebracht wurden.

"Iran und Russland ziehen nicht an einem Strang"

Was hat sich die Türkei von dem Deal versprochen?

Bank: Die Türkei kontrolliert seit ihren beiden Militäroffensiven 2016 und 2017 einen ganzen Streifen in Nordsyrien. Das türkische Interesse galt lange weniger Idlib als vielmehr der Eindämmung der kurdisch-kontrollierten Gebiete im Nordosten, im Norden und in Afrin. Es gab einen Landtausch, so dass die Türkei das nordwestliche Afrin kontrolliert und die Kurden sich auf das Gebiet östlich des Euphrat-Flusses zurückgezogen haben.

Idlib und der Nordosten sind die beiden einzigen verbliebenen Gebiete innerhalb Syriens, die momentan nicht von Assad, Russland, Iran und den Pro-Assad-Milizen kontrolliert werden.

Die Türkei hatte aber nie ein Interesse daran, dass Idlib an Assad geht?

Bank: Das stimmt. Es ging ihr immer darum, für die Nachkriegsordnung einen Fuß in Syrien zu behalten. Seit dem Herbst letzten Jahres hat das türkische Militär es nicht geschafft, HTS wirklich einzudämmen. Im Gegenteil: HTS ist eindeutig der stärkste militärische Akteur, vor allem im südlichen und im mittleren Teil der Provinz Idlib. Das Assad-Regime hat fortwährend Druck gemacht, dieses Gebiet wieder einzunehmen, und hat sich diesbezüglich mit Russland koordiniert.

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Leserkommentare zum Artikel: Syrien: "Der Iran kämpft nicht in Idlib"

Schade, dass ein ausgewiesener Experte eine unvollständige Analyse veröffentlichen kann auf Qantara.
Für mich als laienhafte BeobachterIn lässt sich erkennen:
- Die Türkei hat sowohl ein Interesse daran, dass die Provinz Idlib nicht von der Syrischen Regierung zurück erobert wird, als auch daran, die (syrischen) Kurden klein zu halten. Für Russland ist das NATO-Mitglied Türkei langfristig ein strategisch wichtigerer Partner als das geschwächte Syrien, deshalb dürfte Russland hier der Türkei entgegen kommen. Gleichzeitig hat der Syrien-Einsatz in Russland keinen 100%en Rückhalt, Russland hat kein großes Interesse daran, das Assad-Regime bis zum Letzten zu unterstützen (wie auch Herr Bank ausführt).
- Der Deal zwischen der Türkei und Russland dürfte neben dem Waffenstillstand noch andere nicht-veröffentlichte Punkte enthalten, was die Double-bottom-line der türkischen Syrienpolitik (Zurückdrängung der Kurden, Unabhängigkeit der Provinz Idlib vom syrischen Regime) betrifft.
Die derzeitigen russisch-syrischen Angriffe im Nordwesten sind strategisch zu sehen, um den Druck zu erhöhen, HTS zu bekämpfen (siehe auch A. Bank). Bemerkenswerterweise schreiben Präsident Erdogan und die türkischen Regierungsmedien die Angriffe allein dem syrischen Regime zu, ein Indiz, dass das gute Verhältnis zu Russland geschützt werden soll (nicht erwähnt von A. Bank).
Anscheinend bereitet die Türkei Angriffe gegen die nordsyrischen Kurden vor (nicht erwähnt von A. Bank). Eine Absprache mit Russland ist hier wahrscheinlich (Bestandteil des Deals). Es kann vermutet werden, dass im Gegenzug für die syrische Regierung die Highways von Latakia und Damaskus nach Aleppo frei gemacht werden sollen.
- Der Iran war an dem Deal Russland-Türkei nicht beteiligt. Deshalb beteiligen sich iranische Truppen und iranisch kontrollierte Milizen auch nicht an den dortigen Auseinandersetzungen (die von Herrn Bank angeführten Gründe sind -wohlwollend gesprochen- grob vereinfachend).

Benita Schneider10.08.2019 | 12:29 Uhr