Historisch-kritische Ausgabe rückt den Koran in ein neues Licht

Dieses Buch birgt Sprengstoff

Progressive islamische Denker fordern seit langem, den Koran im Kontext seiner Entstehungszeit zu lesen und zu verstehen. Erstmals legt nun der tunesische Islamwissenschafter Abdelmajid Charfi eine historisch-kritische Koranausgabe vor. Von Annette Steinich

Abdelmajid Charfi hat einen paradiesischen Arbeitsort. Die Akademie der Wissenschaften Beit al-Hikma, deren Präsident Charfi seit drei Jahren ist, liegt in Karthago direkt am Golf von Tunis. Ein prachtvoller Palast in türkisch-andalusischem Stil aus dem 19. Jahrhundert. Erst kommt der Tee, dann der Koran auf den Tisch, fünf dicke Bände in Großem Format. Der Titel ist Programm: „Der Koran-Text und seine Varianten“.

Charfi, emeritierter Professor für Islamwissenschaften der Universität Tunis, blättert durch die feinen Papierseiten und erklärt den Aufbau seiner Edition: „Oben steht der jeweilige Vers in der Kalligrafie des koranischen Textkorpus. Darunter folgt in Rot die Übersetzung in die arabische Schrift, wie wir sie heute verwenden. Und im dritten, hellgrauen Teil“, der Herausgeber macht eine kurze Pause, „sind zu jedem Vers die Varianten mit Autor und Quelle verzeichnet.“ Die Ausgabe ist ein absolutes Novum in der muslimischen Welt.

Vom Kalifen begradigt

In der Tradition der Muslime spricht Gott seinem letzten Propheten Mohammed seine Botschaft direkt ins Ohr. Der Prophet – er war Analphabet, und der Koran gilt allein schon deshalb wie auch seiner sprachlichen Schönheit wegen frommen Muslimen als Wunder – gibt seinen Begleitern den ihm von Gott eingegebenen Text mündlich weiter. Seine Sekretäre schreiben auf, was sie hören. Von Beginn an entstehen Kopien mit Varianten – für Mohammed selbst kein Problem, lebt seine Botschaft doch vom Gespräch mit der Gemeinde.

Die Ausgabe ist ein absolutes Novum in der muslimischen Welt

Bereits zwanzig Jahre nach Mohammeds Tod beendet der dritte Kalif Othman den Streit um die Schrift. Er entscheidet, welche Verse aus dem Mund des Propheten stammen und damit gültig sind. Alle nicht zu seinem Kanon passenden Fassungen werden verboten und verbrannt.

In dieser bis heute im größten Teil der arabischen Welt als allein verbindlich geltenden Textgestalt wird der Koran erstmals 1924 von der Al-Azhar-Universität in Kairo gedruckt. Doch die Varianten überleben, werden zum Gegenstand literarischer Interpretationen und theologischer Diskussionen. In der neuen Edition von Charfi stehen sie nun neben der kanonisierten Fassung und rücken den bekannten Text in ein neues Licht.

Der tunesische Islamwissenschafter Abdelmajid Charfi: Foto Wiki Commons
Zurück zu den Quellen: „Wir müssen aufhören, den Koran wortwörtlich zu nehmen“, mahnt Der tunesische Islamwissenschafter Abdelmajid Charfi. Die Folgen einer solchen neuen Lesart des heiligen Buches sind enorm: „Es gibt eine subversive prophetische Botschaft des Koran. Und es gibt auch im Islam institutionalisierte Religion, die Dogmen, Rituale und Konfessionen erschafft.“ Für den gläubigen Muslim heute heißt das: „Zurück zu den Quellen: Es gibt nichts Größeres als Gott.“

Vier Schichten

Charfi hat biblische und jüdische Studien ausgewertet, aramäische und syrische Literatur, verbotene Manuskripte von Freunden des Propheten.

Weil Textkritiker wie Archäologen in die Tiefe graben, bringt Charfi vier Schichten im Koran zum Vorschein: christliche Urtexte, muslimische Interpretationen dieses als unislamisch gebrandmarkten Erbes, Texte, die direkt Mohammed zugeschrieben werden, und schließlich die nach seinem Tod 633 ergänzten Teile. Der Widerhall jüdischer und christlicher Ideengeschichte im Koran ist unüberhörbar.

Zu fast allen Versen der 114 Suren gibt es Varianten. Nur die kurzen, leicht zu merkenden Suren aus der Zeit des Propheten in Mekka, also etwa fünf Prozent des gesamten Textes, sind in allen Überlieferungen identisch. Das ist das wesentliche Ergebnis von Charfis mehr als zehnjähriger Forschungsarbeit mit einem Team von zehn ehrenamtlich tätigen Wissenschaftlern: Es gibt nicht die eine eindeutige heilige Schrift, sondern ein vielschichtiges Geflecht von Texten, die die Spuren ihrer eigenen Geschichte und des jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umfelds der Autoren in sich tragen.

„Die Varianten können rein formal sein oder inhaltlich bedeutsam“, sagt der 76-Jährige vorsichtig. Dann wird er diplomatisch: „Wer sich mit den Varianten beschäftigt, erkennt, wie gefährlich die rein wörtliche Lektüre sein kann.“ Die koranischen Verse könnten nicht auf alle Situationen unserer Gegenwart angewandt werden. Charfi sagt: „Die Offenbarung an den Propheten fand unter bestimmten historischen Bedingungen statt.“

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Leserkommentare zum Artikel: Dieses Buch birgt Sprengstoff

Das Rad neu erfunden!
Mit Interesse verfolge ich als Forscher zum koranischen Text und insbesondere der Lesarten "neue Erkenntnisse" aus den Brauküchen der wissenschafltichen Institute. Das Buch habe ich bereits in einem Buchladen mit Interesse durchgeblättert, allerdings entschied ich mich gegen den Kauf. Es gibt andere derartige Ausgaben zum koranischen Text mit allen kanonischen und außerkanonischen /und vermeintlichen) Lesarten, die wesentlich besser recherchiert sind.
Das Buch ist tatsächlich keine Neuheit. Vor allem inhaltlich. Wie bereits in anderen Kommentaren genannt, sind diese Lesarten in allen klassischen Werken bekannt und anerkannt. Irgendwoher muss Herr Charif diese "Varianten" auch haben. Und wenn nicht aus den klassischen Werken, woher dann? Die reißerischen "Geheimquellen" sind nichts als die bekannten Zitate klassischer Werke.
Außerdem würde ich gerne Herrn Charif fragen, ob er das hier Zitierte tatsächlich so gemeint hat, oder ob hier journalistische Freiheit am Werk war.
Doch nun zum Inhalt des Artikels:
Nicht alle Texte, die in der klassischen Literatur als Lesvarianten eingetragen wurden, sind auch solche. Zu einer textkritischen Ausgabe gehört auch die Überprüfung von irrtümlichen Zuschreibungen, Schreibfehlern und Missverständnissen.
Ein Beispiel hierfür ist das im Artikel genannte „Die wahre Religion in den Augen Gottes ist der Hanifismus“ zu „Die wahre Religion vor Allah ist der Islam“. Es handelt sich um einen Kommentar eines Prophetengefährten zu diesem Vers, also eine Erklärung, die irrtümlich von einem Schüler als Lesart notiert wurde. Der Kommentar besagt lediglich, dass mit "Islam" im Vers die wörtliche Bedeutung "Hingabe an Gott" und nicht die spezifischen Gebote Mohammeds allein gemeint sind, also das Prinzip des Monotheismus "Hanifiyya" von arab. hanîf 'geneint, abgeneigt'. Als hätte jemand gefragt, wie dies sein könne, da ja die Propheten zuvor nicht nach Mohammeds Geboten lebten, und der Prophetengefährte mit dem Wort Hanifiyya erklärte, dass damit der gemeinsame Nenner der göttlichen Urbotschaft des Monotheismus gemeint ist, der im Arabischen als Islam im Sinne der Gottergebenheit bezeichnet wird.
Es handelt sich also mitnichten um eine "Lesvariante" des Koran, dies ist in der Literatur allgemein bekannt und kein "Geheimnis".
Herr Charfi muss bei seiner Recherche auch die Erklärung zu dieser Art vermeintlicher Varianten gesehen haben, denn dies darf und kann ihm nicht entgangen sein.
Auch das erwähnte "umma" und "a'imma" ist keine Sensation für die Deutung des Texts, denn im Vers geht es um die Prophetengefährten, die als beste "umma" (Generation, Nation, auch Vorbild) und in einer Lesart als beste "a'imma" (Vorbilder) bezeichnet werden. In jedem Standardwerk ist zu lesen, dass "umma" im Koran in vier Bedeutungen vorkommt: "Nation", "Vorbild", "Zeit" und "Tradition", die Variante "a'imma" bestätigt also nur eine der Bedeutungen von "umma" im speziellen Kontext, da es im Vers nicht um die Umma im speziellen Sinn, sondern um die Vorbildfunktion der Prophetengefährten geht. Somit wird im Artikel der Sinn entstellt.

"Kritische Koranlektüre hat Tradition in Tunesien", diese Aussage ist etwas verfehlt. Gemeint ist wohl die Lektüre der Lesarten, die auch in der Azhar, in Marokko, im Irak, der Levante und auch von den Wahhabiten studiert wurde und wird. Für diese kritische Koranlektüre ist Tunesien traditionell weniger bekannt als die im Artikel kritisierte Azhar.

Der historische Kontext, der von vielen als "hermeneutische Methode" bejubelt wird, ist nichts weiter als das Studium der Offenbarungsanlässe, das in wirklich jeder Koranexegese zu finden ist. Das ist bei weitem keine Neuheit. Die Methode der Hermeneutik ist bei weitem unwissenschaftlicher als die Deutungsmethoden der klassichen Werke, zudem ist der Ansatz in allen klassischen Werken zu finden.

Dieses Studium der Lesvarianten hat zudem nichts mit Kritik am Wahhabismus zu tun, da wahhabitische Gelehrte sehr viel Wert auf das Studium der Lesarten legen. Die Auseinandersetzung mit dem Wahhabismus kann nicht auf dieser Ebene stattfinden, weil es hier keine dogmatischen Unterschiede zu anderen Denkschulen im Islam gibt.
Lediglich ein Großteil des Schiitentums und die in Europa oft als "modern" gelobten Muteziliten lehnen die Lesarten und Varianten des Koran als "Unglauben" ab. In dieser Hinsicht wäre das für viele eher "ein Schuss in den Ofen".

Der Grund, aus dem in Tunesien der Islam nicht an religiösen Instituten gelehrt wurde, hinderte auch Herrn Charif an seiner Forschungsarbeit: die Lehre des Islams durch Experten war in Tunesien genauso verboten wie der regelmäßige Moscheegang und das Kopftuch. Es herrschte ein brutales, antireligiöses Regime, in dem islamische Gelehrsamkeit mit Folter und Mord unterbunden wurde.
Wenn das Fortschritt ist, dann gute Nacht.

David Mitterhuber07.04.2018 | 13:40 Uhr

Ihr habt tolle Buchtips. Wo kann man solche Fachbücher erwerben?

WinterNa15.06.2018 | 12:41 Uhr