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"Marionetten" von John le Carré
Eine Gesellschaft des Verdachts



In seinem neuen Roman erzählt John le Carré, Ex-Agent und Großmeister des Spionageromans, von zunehmender Überwachung, Terror-Paranoia und der Macht internationaler Geheimdienste. Ein desillusionierender Roman, so Eren Güvercin.

Bild John le Carré; Foto: dpa
Bild vergrössern John le Carré kritisiert den "Krieg gegen den Terror", unter Präsident Bush seien die USA in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten.
Sein Name lautet David Cornwell. Doch zum weltberühmten Schriftsteller wurde der heute 77-Jährige unter dem Pseudonym John le Carré.

Nach seinem Germanistikstudium in Bern und Oxford wurde er zunächst Anfang der 1960er Jahre vom britischen Secret Service rekrutiert. Noch während seiner Agententätigkeit begann er zu schreiben und prägte das Genre des Spionageromans maßgeblich mit.

Soeben ist sein neuer Roman "Marionetten" erschienen. Dieser handelt von der gesellschaftlichen Angst vor dem islamistischen Terror. Einer der Helden der Geschichte ist der junge Tschetschene Issa, der sich aus Rebellion gegen seinen russischen Vater den tschetschenischen Rebellen anschließt. Der junge Muslim kommt über die Türkei und Dänemark illegal nach Hamburg und bittet eine türkische Familie um Hilfe.

Schnell gerät Issa unter Terrorverdacht und wird zum Spielball der verschiedenen rivalisierenden Geheimdienste. Die deutsche Menschenrechtsanwältin und Idealistin Annabel setzt sich für den gefolterten und verfolgten Issa ein.

"Deutschland steht am Scheideweg"

Mit "Marionetten" liefert John le Carré einen meisterhaft komponierten Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach 9/11. Mit diesem desillusionierenden Roman zeigt John le Carré, wie im "Krieg gegen den Terror" die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Es ist kein Zufall, dass John le Carré die Geschichte in Deutschland und vor allem in Hamburg spielen lässt. Anfang der 1960er Jahre arbeitete der Autor zunächst an der Britischen Botschaft in Bonn, später dann als Konsul in Hamburg, wo er sich schließlich von der Geheimdienstarbeit verabschiedete und sich ganz dem Schreiben widmete.

Murat Kurnaz mit seinem Anwalt vor dem EU Parlament in Brüssel in 2006; Foto: AP
Bild vergrössern John le Carré traf mehrmals Murat Kurnaz. Der Bremer saß mehr als vier Jahr unschuldig im Gefängnis Guantanamo. Später wurde Kurnaz unter anderem vom EU-Parlament angehört.
Deutschland sei auch ein hervorragendes Spiegelbild für die Veränderung, die seine Heimat schon durchlebt habe, meint John le Carré. "Ich hatte das Gefühl, Deutschland würde sich immer noch nachhaltig dagegen wehren, dem amerikanischen Weg zu folgen, den hohen Level von Überwachung zu akzeptieren." Mittlerweile habe er das Gefühl, dass Deutschland am Scheideweg stehe.

"Deutschland hat mehr geschützte Bürgerrechte als jedes andere europäische Land", hebt le Carré hervor. "Die Frage ist nun, wie viel davon aufs Spiel gesetzt wird bei dem, was sich leicht als eine kolonialistische Haltung bezeichnen ließe, die offiziell aber 'Krieg gegen den Terror' genannt wird."

"Die USA sind in einer Phase historischen Wahnsinns"

John le Carré, der sich mehrmals für seine Recherchen mit Murat Kurnaz traf, hat schon lange vor seinem neuem Buch den so genannten "Krieg gegen den Terror" heftig kritisiert. Unter Georg W. Bush sei Amerika in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten.

Die Wahl Obamas bezeichnet er als historischen Moment wie einst den Fall der Berliner Mauer: "Wir wollen jetzt wissen, was Obama wirklich will? Wer er ist?" Le Carré fordert von ihm etwa die Schließung geheimer Gefängnisse.

Cover 'Marionetten' von John le Carré; Foto: Ullsteinbuchverlage
Bild vergrössern John le Carré ist ein Meister des Spionageromans, was er einmal mehr in seinem neuen Roman "Marionetten" beweist.
John le Carré gibt zu, dass er in den letzten Jahren politischer geworden sei und vor allem wütender. Die Täuschung der Gesellschaft durch Politik und Medien habe einen Grad erreicht, der höchst gefährlich sei. In seinem vorletzten Roman "Der ewige Gärtner" geht es um die Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt.

Die Ausbeutung der dritten Welt, die dadurch verursachte Armut und Unterdrückung könne auch zum Terror führen. "Aber wer das behauptet, wird noch wie ein Ketzer behandelt", so le Carré.

Anfang der 1980er Jahre verbrachte le Carré als er an seinem Roman "Die Libelle" schrieb, einige Wochen in einem Palästinenser-Lager. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die amerikanische Ideologie-Maschinerie sofort auf den Islam als neuen Feind umgeschwenkt. Daran könne er sich aber nicht beteiligen. Er habe sich mit dem Islam beschäftigt und habe viele muslimische Freunde.

Wut über die ausbleibende Empörung

"Wenn man mal in die Krisengebiete geht und sich in die Lage eines palästinensischen Kindes versetzt, versteht man vieles besser", so le Carré. Die Ohnmacht und Erniedrigung, die diese Menschen täglich erfahren, führe fast zwangsläufig zu einer Psychose.

In den palästinensischen Flüchtlingscamps habe er Leute getroffen, die alte Papiere hervorgezogen hätten, in denen geschrieben stand, wie ihre alten Grundstücke durch eine britische Verfügung den Israelis überschrieben worden seien. "Diese Leute wurden von uns belogen", so le Carré.

Auch in Iran hätten die amerikanischen und britischen Geheimdienste die liberale islamische Bewegung unter Mossadegh bekämpft, den Schah an die Macht gehievt, was indirekt die schiitische Revolution auslöste: "Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztendlich die Architekten dieser Radikalisierung."

Trotz seiner 77 Jahre ist John le Carré angetrieben von Wut, von der Wut darüber, dass in der Gesellschaft so wenig Empörung darüber herrscht, was mit unserer Gesellschaft passiert.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2008

John le Carré, Marionetten, Ullstein Hc Verlag, November 2008



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Kommentare

1. John le Carree
Wie schön, dass ein international so geachteter Autor den Finger auf die Wunde unseres Nachkriegskolonialismus legt, dem unsere deutschen Regierungen in häufig vorauseilendem Gehorsam die Steigbügel zu halten pflegen - hatten ja auch an der Kalten Kriegsfront Heldenmut zu zeigen, Hilfswillige der Besatzungsmächte, unserer großen Brüder... sind eben meist zu sehr mit uns selber und unserer Wohlstandswahrung beschäftigt. Ich würde mir insbesondere für unsere Jugend größere Möglichkeiten bei Friedensdiensten wünschen, sei es in Afrika oder im Krisenzentrum NahOst zwischen Palästinensern und Israelis (die nicht alle kriegsgeil sind, wie man im jetzigen Wahlkampfgetümmel auch dort wähnen könnte). Dort könnten unsere Jugendlichen wirkliche Nöte sehen und lernen, damit umzugehen.
Ernst-Friedrich Harmsen | 31.12.2008 | 22:22
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