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Interview mit Nasr Hamid Abu Zaid
"Ich bin Zeuge des Wandels im Islam"



Nach Ansicht des ägyptischen Literaturwissenschaftlers und führenden islamischen Reformdenkers Nasr Hamid Abu Zaid stellt die Freiheit des Individuums die Voraussetzung des Glaubens dar. Deshalb habe auch jeder das Recht, zu konvertieren. Erhard Brunn hat sich mit ihm unterhalten.

Nasr Abu Zaid; Foto: Erhard Brunn
Bild vergrössern Das Verhältnis zwischen muslimischer und nichtmuslimischen Welt ist tiefer und historischer als wir denken, meint Abu Zaid. Das Konzept zweier voneinander geteilter Welten sei dagegen völlig falsch.
Die Frage nach dem Verhältnis der Muslime zur Gewalt beschäftigt den Westen noch immer sehr stark. Sie haben jüngst darauf hingewiesen, dass diesbezüglich der Rekurs auf Koran-Suren im heutigen Zusammenhang völlig irreführend sei…

Abu Zaid: Natürlich benutzt der Koran teilweise eine scheinbar sehr starke Sprache, was die Aufforderung zum Kampf angeht. Da müssen sich die Forscher natürlich fragen, warum im Koran in diesem Fall eine so starke, persuasive Sprache gebraucht wird. Hier ist der Kontext entscheidend: Die Araber, die an Mohammed glaubten, sollten ja überzeugt werden, gegen ihre eigenen Familien zu kämpfen und somit der vorislamischen Tradition zu widersprechen.

Demnach war es einem Individuum verboten, gegen seinen eigenen Stamm zu kämpfen. Aber das Erscheinen von Mohammed als Prophet hatte so viele Angehörige verschiedener Stämmen an sich gezogen. Als die Zeit kam, als sie ihre neue Gemeinschaft verteidigen mussten, kam die Drohung von ihren eigenen Stämmen. Hier können wir doch den entschlossenen Ton des Korans verstehen.

Der Islam wurde nicht inmitten eines Weltreiches geboren, sondern inmitten von Traditionen von Stämmen, von Stammesgesetzen, heidnischen Regeln. Die neue Gemeinschaft war nicht durch Blutsbande verbunden, nicht durch tribale Bande. Sie kamen ja von verschiedenen Stämmen. Sie formten eine neue Art von Stamm, der sich von Anfang an im Konflikt mit anderen Stämmen befand. Sie mussten sich verteidigen. All dies formte den Koran. Der Koran hielt wirklich fest, was sich an der Basis abspielte.

Ausgabe des Korans auf Albanisch; Foto: DW
Bild vergrössern Nasr Hamid Abu Zeid: "Wir können die Aussagen des Korans nicht verstehen, ohne den historischen Hintergrund zu kennen."
Daher können wir die Aussagen des Korans nicht verstehen, ohne den historischen Hintergrund zu kennen. Diese Leute folgten nicht einem neuen spirituellen Führer, um zu kämpfen. Sie waren irgendwie aus dem Stammessystem rausgefallen. Aber am Ende mussten sie kämpfen.

Sie haben mehrmals auf Johannes von Damaskus und dessen Analyse des Korans hingewiesen. Dieser wichtige Kirchenmann in der Frühzeit des Islam wies auf eine Reihe von Punkten hin, die er als widersprüchlich im Koran empfand. Was hat dieser christliche Theologe des 8. Jahrhunderts in Bezug auf die Koranexegese heute zu sagen?

Abu Zaid: Die erste Lektion, die ich nach dem ersten Lesen seiner provokanten Analyse des Koran empfand war: Hier handelt es sich um eine polemische Auseinandersetzung im 8. Jahrhundert, die jedoch durchaus produktiv war, da die frühen islamischen Theologen die von Johann aufgeworfenen Fragen als Herausforderung und nicht als Bedrohung begriffen.

Die Relevanz all dieser provokativen Herausforderungen im anti-islamischen Diskurs wie die Mohamed-Karikaturen oder Filme wie "Fitna" oder "Submission" heute, ist für mich, dass ich immer versuche, Muslime zu ermutigen, dies ebenfalls als Herausforderung zu sehen. Denn nichts kann große Zivilisationen wirklich bedrohen, die über Jahrhunderte hinweg überlebt haben und dabei ganz verschiedene politische Systeme entwickelten – vom Stamm zum Imperium, vom Nationalstaat zur globalen Ordnung.

Johannes von Damaskus hatte ja nicht vor, islamische Theologen zu besseren Leistungen anzuspornen. Es zeigte lediglich das Verhältnis zwischen der muslimischen und der nichtmuslimischen Welt auf, das tiefer und historischer war als wir denken. Das Konzept zweier von einander geteilter Welten ist ein falsches Konzept. Solche Welten haben nie existiert.

Was machte den Islam zu einer großen Zivilisation?

Abu Zaid: Die Art der Interaktion und des Austauschs mit den Kulturen überall auf der Welt – ein Austausch, der bereits Ende des 7. Jahrhunderts und zu Beginn des 8. Jahrhunderts existierte und sich über Spanien und Sizilien fortsetzte. Denken Sie an die islamische Philosophie und Wissenschaft, die ins Lateinische übersetzt wurden.

Statue Averroës im spanischen Córdoba; Foto: Wikimedia Commons
Bild vergrössern Verbreitung und Austausch von Wissen über Jahrhunderte und Kontinente hinweg - Statue des berühmten spanisch-arabischen Philosophen und Mediziners Averroës in Córdoba
Mit den Zivilisationen verhält es sich genau wie mit Wellen – sie sind ständig in Bewegung: Von Afrika kommend oder auch vom alten Irak, nach Griechenland und von dort zum Mittleren Osten. Die hellenistische Ära, als Alexander der Große versuchte, seine Autorität in der ganzen Region durchzusetzen. Darauf folgte die islamische Zivilisation. Und schließlich die Renaissance und die moderne westliche Zivilisation. Ausgehend vom 7. Jahrhundert fand diese Art des Austauschs statt, der den Dialog der Zivilisationen und den interreligiösen Dialog unterstreicht.

Damit widersprechen Sie gängigen Behauptungen von Islamkritikern, dass es keinen ernsthaften Austausch oder Dialog gegeben habe und dass Islam und Individualismus nicht miteinander vereinbar seien...

Abu Zaid: Genau. Das ist auch ein wichtiges Argument gegen die Ansicht, dass es aus muslimischer Sicht nicht möglich sei, zu konvertieren. Wenn Du einmal Muslim bist, kannst Du - laut vorherrschender Meinung der Islamgelehrten - den islamischen Glauben nicht wechseln. Oder Du musst verschwinden.

Ich meine, dass die Einladung des Propheten an die Menschen, ihm im Glauben zu folgen auf der Annahme der Freiwilligkeit beruhte. Denn es können ja keine Leute eingeladen werden, die keine freie Wahl haben. Die grundsätzliche Freiheit eines jeden Individuums, einem neuen spirituellen Führer zu folgen, sollte damit abgesichert werden, dass er auch die Möglichkeit hatte, seine Meinung wieder zu ändern.

Sie erwähnten die Wellenbewegungen im globalen historischen Prozess, die mitunter sehr kreative und dynamische Phase in der muslimischen Welt. Doch irgendwann ab dem 14. und 15. Jahrhundert scheint diese Dynamik verloren gegangen zu sein. Worauf führen Sie das zurück?

Abu Zaid: Da stimme ich Ihnen nicht ganz zu. Wenn Sie beispielsweise das islamische Denken im 15., 16. oder 17. Jahrhundert mit der Entwicklung des islamischen Denkens im 18. und 19. Jahrhunderts vergleichen, werden Sie eine große Gedankenvielfalt entdecken. Das Problem ist, dass einige Leute dazu tendieren, ein starres Bild von den Arabern zu pflegen. Sie können noch nicht einmal die vielen Unterschiede zwischen Tunesien und Saudi-Arabien ausmachen. Für sie ist der Islam eine feste Größe, was nicht der Realität entspricht. Es ist eine Entwicklung in der muslimischen Welt im Gang, eine Reformation. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts und hält im 20. Jahrhundert an. Und sie hat bereits Höhen und Tiefen erfahren.

Aber Sie selbst betrachten sich als Opfer dieser Entwicklungen?

Abu Zaid: Ja, ich bin ein Opfer. Aber ich bin auch ein Zeuge des Wandels, der vonstatten geht, allen Grausamkeiten – wie in meinem Fall – zum Trotz. Der berühmte arabisch-spanische Philosoph Averroës wurde verurteilt. Doch seine Ideen haben sich trotzdem im Westen ausgebreitet, sie gingen nach Syrien, wurden ins Lateinische übersetzt und formten die Grundlage der damaligen Kirche. Wir müssen also immer auf den Kontext achten – lokal wie international. Man darf nicht vergessen, dass auch die christliche Welt viele Denker verurteilt hat. Und dennoch wurde dort eine interne Dynamik ausgelöst.

Interview: Erhard Brunn

© Qantara.de 2008

Prof. Abu Zaid wurde 1943 in der Nähe von Tanta, in Ägypten geboren. Nach dem Studium der Arabistik an der Universität Kairo wurde er 1987 außerordentlicher Professor am Institut für Arabische Sprache und Literatur. Seine Analysen des Korans, in denen er diesen auf dem Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte analysierte, entzündeten sich heftige Kontroversen. In deren Folge wurde er von religiösen Hardlinern der Apostasie beschuldigt, eine Zwangsscheidung wurde gegen ihn durchgesetzt, so dass er Ägypten schließlich verließ. Seit 2004 lehrt Abu Zaid im niederländischen Leiden.



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Kommentare

1. Prof. Abu Zaid irrt
Prof. Abu Zaid sagt in seinem Interview: „All dies formte den Koran“. Nach Ansicht der Muslime ist der Koran jedoch nicht von äußeren, historisch und gesellschaftlich bedingten Umständen „geformt“, sondern Gottes in Seinem ewigen und allumfassenden Wissen wörtlich geoffenbartes Wort. Auch wenn viele Stellen in Gottes Buch offensichtlich historischen Bezug erkennen lassen, so sind sie doch gleichzeitig universell und besitzen außer für die Zeit und den Ort ihrer Offenbarung vor 1400 Jahren auch Gültigkeit für vergleichbare, zu anderer Zeit und an anderem Ort auftretende Umstände. Der historische Hintergrund, ohne den wir laut Abu Zaid den Koran angeblich nicht verstehen können, gibt uns somit Hinweise auf ähnliche Situationen, für die die Aussagen oder Anweisungen zutreffen können. Was er in seinem Beispiel der ersten Konvertiten zur Zeit des Propheten Muhammad – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – erwähnt, kann auch in der heutigen Zeit für in anderen Ländern lebende Konvertiten Gültigkeit besitzen. Mit seinem Übertritt zum Islam findet sich der im Abendland lebende Muslim immer häufiger den Anfeindungen seiner nichtmuslimischen Umwelt ausgesetzt und wird sowohl von der Gesellschaft als auch von Vertretern des Staates, dessen Bürger er ist, zunehmend diskriminiert. Angesichts der sich seit Beginn des 21. Jhs. abzeichnenden verhängnisvollen Entwicklung, in deren Verlauf die unter Pauschalverdacht gestellten Muslime und ihre Religion kriminalisiert und dämonisiert werden, ist nicht auszuschließen, daß die Muslime in der einstmals „freien“ Welt ihre Religion und Identität, wie heute bereits mit Worten, eines Tages auch mit der Waffe werden verteidigen müssen. Jedenfalls macht der „entschlossene Ton“ des Korans auch in dieser Situation Sinn, um im Kampf mit den Waffen der Medien den unablässigen Bemühungen ihrer Feinde widerstehen zu können, sie zu assimilieren und damit ihre Identität als Muslime auszulöschen. Doch solche Zusammenhänge vermag Prof. Abu Zaid anscheinend nicht zu erkennen, da er sich in seinem Heimatland Ägypten wegen seiner von der von den Muslimen mehrheitlich vertretenen abweichenden Meinung verfolgt sieht und ihm im Westen von den dortigen Medien überhöhte Aufmerksamkeit zuteil wird. Offensichtlich ist ihm nicht bewußt, daß er sich dadurch im Medienkrieg zu einem Werkzeug der Feinde des Islams macht.
Abdullah Bubenheim | 25.09.2008 | 16:24
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