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Yehudit Kirstein Keshet: Checkpoint Watch
Zeugnisse israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina



Etwa 500 jüdisch-israelische Frauen sind Mitglied der Menschenrechtsorganisation Machsom Watch, die regelmäßig den Alltag an israelischen Kontrollposten beobachten. Über ihre Arbeit hat Yehudit Kirstein Keshet, eine der Mitbegründerinnen, ein Buch geschrieben. Beate Hinrichs stellt das Buch und die Organisation vor.

Israelischer Checkpoint; Foto: www.machsomwatch.org
Bild vergrössern Die Frauen von Machsom Watch beobachten und protokollieren einige Stunden lang, wie israelische Soldaten die Palästinenser behandeln, ob sie sie durchlassen oder ihnen die Weiterreise verweigern
Jeden Morgen machen sich in Israel jüdische Frauen auf den Weg in die Westbank, zu den militärischen Kontrollposten, an denen Palästinenser in langen Schlangen darauf warten, passieren zu dürfen.

Die Frauen beobachten und protokollieren einige Stunden lang, wie israelische Soldaten die Palästinenser behandeln, ob sie sie durchlassen oder ihnen die Weiterreise verweigern. Manchmal können sie abgewiesenen oder kranken Menschen helfen. Die Frauen sind Mitglieder der Menschenrechtsorganisation MachsomWatch.

Gestohlene Zeit

"Machsom" heißt auf Hebräisch "Barrikade", "Kontrollposten" und ist der Begriff für die Checkpoints, die überall in der Westbank die Freizügigkeit der Palästinenser massiv einschränken. Die unbemannten oder mit Soldaten besetzten Straßensperren, Kontrollposten und Terminals trennen Nachbardörfer voneinander, Dörfer von Städten und ganzen Landesteilen innerhalb der palästinensischen Gebiete.

Dazu kommen Ausgangssperren, Grenzschließungen und die Mauer, die Israelis von Palästinensern, aber auch Palästinenser untereinander abschottet.

Passieren darf nur, wer nach einer komplizierten Antragsprozedur eine Genehmigung erhalten hat. Menschenrechtsverletzungen und entwürdigende Behandlung sind an der Tagesordnung.

Alles zusammen bildet ein System willkürlicher Kontrollmöglichkeiten der israelischen Armee über die palästinensische Bevölkerung, der durch das tägliche Schlangestehen und Warten eine unwiederbringliche Ressource gestohlen wird: Zeit.

Zeugnis ablegen und das Bewusstsein schärfen

So schildert es Yehudit Kirstein Keshet in ihrem Buch "Checkpoint Watch". Die Autorin ist eine der Mitbegründerinnen von MachsomWatch. Zunächst waren es fünf Frauen, die sich im Februar 2001 gemeinsam zum Kontrollposten von Bethlehem aufmachten, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort vor sich ging: Zum Beispiel, dass schwangere Frauen auf der Straße entbinden, wenn die Soldaten sie nicht passieren lassen.

Cover 'Checkpoint Watch' Mittlerweile sind es rund 500 jüdisch-israelische Frauen, die regelmäßig den Alltag an den Kontrollposten beobachten. Die meisten von ihnen gehören zur links-liberalen, aus Europa stammenden Mittelklasse, sind mittleren Alters, akademisch gebildet und berufstätig.

Viele von ihnen sind durch den Holocaust geprägt; sie sorgen sich um die Menschenwürde der Palästinenser ebenso wie um den moralischen Zustand der israelischen Gesellschaft.

Ihre selbstdefinierte Aufgabe ist es, Zeugnis abzulegen über Erniedrigung und Unterdrückung - auch, schreibt Yehudit Kirstein Keshet, um "bei zukünftigen Kriegsverbrecherprozessen auszusagen und unseren Teil zur Bildung eines kollektiven Gedächtnisses beizutragen".

Das Bewusstsein für die Menschenrechtsverletzungen zu schärfen und sie im kollektiven Gedächtnis der israelischen Gesellschaft zu verankern - das ist das heimliche Leitmotiv in Keshets Buch.

Einladung zum Checkpoint

Die dafür so wichtige Öffentlichkeitsarbeit machen die MachsomWatch-Frauen auch außerhalb Israels. Roni Hammermann, Mitstreiterin der ersten Stunde, hält oft in Deutschland Vorträge über das Checkpointsystem.

"Als wir vor sechs Jahren mit unserer Arbeit begannen", erzählt sie, "wusste keiner außer uns und den Militärs, was dort vor sich geht. Heute wissen alle in Israel, dass ein Checkpoint eine negative Sache ist."

Allerdings glauben die meisten Israelis, die Kontrollposten seien für Israels Sicherheit unerlässlich. "Bei dieser Gelegenheit laden wir immer die Bevölkerung ein, drei Stunden eines Nachmittags mit uns an einen Checkpoint zu gehen und zu sehen, was dort in ihrem Namen geschieht", betont Roni Hammermann. "Und noch niemand ist als gleicher Mensch zurückgekommen."

Reine Frauensache

Von Anfang an war MachsomWatch "reine Frauensache". In der militarisierten israelischen Gesellschaft haben sie es leichter, den Soldaten an den Checkpoints gegenüberzutreten.

Roni Hammermann meint, sie seien auch geduldiger: "Wir haben auch Männer als Gäste an die Checkpoints mitgenommen, und manchmal gab es innerhalb von zwei Minuten eine Schlägerei zwischen ihnen und den Soldaten."

Foto: www.machsomwatch.org
Bild vergrössern Ihre selbstdefinierte Aufgabe ist es, Zeugnis abzulegen über Erniedrigung und Unterdrückung, schreibt Yehudit Kirstein Keshet in ihrem Buch
Ist das, was die MachsomWatch-Frauen tun, humanitäre Hilfe, um die Verhältnisse an den Checkpoints "erträglicher" zu machen und die Besatzung damit zu verniedlichen? Oder ist es politisches, systemkritisches Engagement? Das gehört unter MachsomWatch-Frauen zu den heiß diskutierten Themen.

Manchen geht es in erster Linie um die Moral der Söhne, der jungen Soldaten an den Checkpoints, und sie fühlen sich besonders als Mütter zur Kritik legitimiert.

Für radikale Linke und Feministinnen wie Yehudit Kirstein Keshet und Roni Hammermann stehen Menschenrechte und politische Solidarität mit Palästinensern im Vordergrund. Sie wollen mit ihrer Arbeit "nicht nur ein Schutzschild gegen noch schlimmere Vergehen" errichten, "sondern (...) auch die Brücke für eine Versöhnung in der Zukunft".

Beate Hinrichs

© Qantara.de 2007

Yehudit Kirstein Keshet: Checkpoint Watch. Zeugnisse israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina. Mit einem Vorwort von Amira Hass. Hamburg: Edition Nautilus, August 2007. 256 Seiten. Broschur. 18,00 Euro.



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