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Kommentar "Kampf der Kulturen" in den Medien
Sparschweinalarm



In seiner letzten Ausgabe malt DER SPIEGEL den Teufel einer "stillen Islamisierung" an die Wand, in Hamburg tritt demnächst eine "Anti-Islam-Partei" an und mancher Ex-Linke klingt, als wäre er in der NPD. Ein Kommentar von Robert Misik

Titel der Spiegel-Ausgabe Nr. 13/2007
Bild vergrössern Der Spiegel-Aufmacher ist nur das Symptom für eine Tendenz im Geistesleben: Muslime werden als gefährlich angesehen, Angstlust grassiert, so Robert Misik.
Nein, es ist nicht so, dass es im Kampf der Kulturen nur negative Schlagzeilen gibt. Demnächst, so wurde vergangene Woche bekannt, soll "Asterix im Morgenland" zeitgleich auf Hebräisch und auf Arabisch erscheinen. Die Wildschweine werden in den Übersetzungen wie gewohnt rudelweise verspeist, obwohl Schweine jeder Art bei Juden und Moslems als unreine Tiere gelten. Man wolle "Brücken bauen". Das sei, so der Verlag ernsthaft, ein Beitrag zur "Völkerverständigung".

Ein bisschen spinnen sie schon, die Gallier. Aber sie sind da in guter Gesellschaft. Denn wenn es um den Zusammenprall mit dem gefährlichen Islam geht, ist die Stilllegung jeder Vernunft längst Routine geworden. Montag vergangener Woche lieferte Der Spiegel eine neue Blüte: "Mekka Deutschland – die stille Islamisierung" stand da knallig am Cover. Über dem Brandenburger Tor hing bedrohlich ein türkischer Halbmond. Wohlgemerkt: Vier Prozent der deutschen Wohnbevölkerung sind Muslime.

Der Anlass war die bizarre Entscheidung einer Frankfurter Familienrichterin, die das Begehren einer Deutschen marokkanischer Herkunft abwies, von ihrem Ehemann vorzeitig geschieden zu werden. Weil dieser sie geprügelt habe, so argumentierte die Frau, wolle sie das obligate Trennungsjahr nicht einhalten müssen.

Die Richterin entschied mit Verweis auf das männliche "Züchtigungsrecht" des Koran, dass die Schläge keine derart "unzumutbare Härte" für sie seien, die eine vorzeitige Eheauflösung notwendig machten. Kurzum: Die Frau wird erst im Mai geschieden.

Ein haarsträubend dummes Urteil. Doch die Reaktion war einhellig: Politiker von links und rechts verdammten den Spruch, ein Aufschrei ging durch den Blätterwald, der Richterin wurde der Fall entzogen, die doofe Juristin auf Erholung geschickt.

Die Botschaft war ziemlich eindeutig: Die vom Grundgesetz garantierten Freiheits- und Gleichheitsrechte gelten für alle, unabhängig davon, welch abseitigen religiösen oder traditionellen Ehrvorstellungen jemand anhängt. Alles so ziemlich das Gegenteil von "stiller Islamisierung".

Nicht zu vergessen: Die Muslima hat den prügelnden Pascha nicht nur aus der Wohnung geworfen – sie hat ihn auch noch geklagt. Und sie hat, angesichts einer seltsamen Richterin auch noch gewusst, wie man sich medial Hilfe organisiert. Offenbar funktioniert die Integration doch ganz gut.

Die Titelstrecke des Spiegel, ein einziger Panikanfall ("Haben wir schon die Scharia hier"), ist freilich nur das Symptom für eine Tendenz im Geistesleben: Der Moslem wird als gefährlich angesehen. Angstlust grassiert.

Angesichts der internationalen Frontstellung zwischen "dem Islam" und "dem Westen", angesichts von ethnisch segregierter Einwandercommunites in Großstädten, von anatolischen Paschas, türkischen Jugendbanden und Kopftuchträgerinnen wähnt man neuerdings sogar in feingeistigen Schichten das Abendland in Gefahr. Auch mancher einstige Linksliberale klingt da gelegentlich, als wäre er heute in der NPD.

Längst gibt es im Internet eine eingeschworene Gemeinschaft der Kämpfer gegen die "Islamisierung". Da wird vor "Eurabia" gewarnt, markig nach dem starken Staat gerufen ("der Islam gehört verboten"), werden "Risiken und Nebenwirkungen des Mohammedanertums" debattiert, ist von "Hinternhochbetern" und "Migrationsmüll" die Rede.

All das stammt nicht aus obskuren Internetforen betrunkener Skinheads aus der Provinz, sondern aus Kommentaren im populären Weblog "Politically Incorrect", das an Spitzentagen 25.000 Besucher verzeichnet. Dass es sich bei den PI-Machern nicht um Dumpfnazis aus der Eckkneipe handelt, sieht man nur an der programmatischen Kopfzeile: "Pro-amerikanisch – Pro-israelisch – Gegen die Islamisierung Europas."

Jüngst konnten die Abendlandretter frohlocken. "Endlich", war da zu lesen, werde "eine anti-islamische Partei" gegründet. Sachbuchautor Udo Ulfkotte, der obskure Ex-"Geheimdienst-Experte" der FAZ, Autor von "Heiliger Krieg in Europa" will seinen Verein "Pax Europa" in eine Partei umwandeln und bei der Hamburger Bürgerschaftswahl antreten.

Immer wieder wettert Ulfkotte etwa dagegen, dass die Polygamie in Deutschland eingeführt würde. Hintergrund: Ein Oberverwaltungsgericht hatte entschieden, dass ein Flüchtling, der mit zwei Frauen nach Deutschland geflohen war, beide bei der Sozialkasse mitversichern kann.

Ulkig bei all dem: "Ausländer" werden durch den "Islam" ersetzt, was zu Modernisierungstendenzen in der Argumentationslinie führt. Anders als die alten Deutschnationalen sind die Islamophoben keine Antiamerikaner, sondern glauben sich mit den USA in einer Front des "Liberalismus" gegen den islamischen "Totalitarismus".

Den in rechten Kreisen traditionell virulenten Antisemitismus haben sie durch bedingungslose Israelsolidarität ersetzt – klar, schließlich ist Israel von Moslems regelrecht umzingelt. Das öffnet Spielraum für die schrillsten Allianzen.

Schwarz verschleierte Frau vor Fahne der Hamas; Foto: AP
Bild vergrössern "Hamas-Fahne und Schleier" - vor allem in der Boulevardpresse und in reißerischen TV-Sendungen wird zunehmend die Gefahr der Islamisierung beschworen und ein Klima der Angst erzeugt.
Der Radaupolemiker Henryk M. Broder (der in seiner jüngsten Monografie, "Hurra, wir kapitulieren!", die Gleichbehandlung von Christentum, Judentum und Islam mit der Gleichbehandlung von Polizei und Unterwelt vergleicht) traf sich bei seiner jüngsten Wien-Tour mit dem Salzburger Christenayatollah Andreas Laun – der fordert, "christliche Einwanderer ins Land zu holen", weil sonst "die Moslems aus Europa ein durch und durch islamisches Land machen" werden.

FPÖ-Wehrsportler Heinz-Christian Strache wiederum bediente sich jüngst bei der Präsentation seines Antiislam-Vereins "SOS Abendland" bei Broders Publizistiknetzwerk "Achse des Guten".

"Was ist eigentlich los in Europa, im freien Westen?" las Strache von einem Blatt aus der Broder-Schreibstube. "In Großbritannien werden die Sparschweine aus den Banken geräumt, weil sie die religiösen Gefühle der Muslime verletzen könnten, die im Schwein ein unreines Tier sehen."

Blöd nur, dass die Sache völlig frei erfunden war. Die britische Halifax-Bank, um die es dabei ging, stellte dazu fest, "dass wir keine Sparschweine aus unseren Filialen verbannt haben – wir haben sie schon seit Jahren nicht verwendet."

Dass innerhalb der jüdischen Gemeinden in Europa ein zunehmend schärfer ausgetragener Streit zwischen linksliberalen Juden auf der einen, Rechten und Rechtsradikalen auf der anderen Seite tobt, ist einer der traurigeren Nebenaspekte der Causa – Juden, die beim "Moslembashing" nicht mitmachen wollen, werden kurzerhand zu "koscheren Antisemiten" erklärt.

Zu den heiteren Aspekten gehört dagegen, dass die Abendland-Verteidiger ernsthaft überzeugt sind, mit dem Kampf gegen "Multikulti" im Lager eines amerikanisch geprägten Liberalismus zu stehen. Dabei will man selbst im Bush-Amerika von solchen zwielichtigen Freunden nichts wissen.

So warnte unlängst der Unterstaatsekretär im US-Außenamt, Daniel Fried: "In Westeuropa herrscht ein bizarres Klima. Panische Ängste wie 'die Migranten akzeptieren hier nicht unsere Werte, sie stellen eine Bedrohung für unseren Lebensstil dar' beherrschen dort die Atmosphäre."

Die USA wollen dem entgegenwirken. Für Amerikas Bewunderer vom politischen Narrensaum dürfte die Nachricht einem Schock gleichkommen.

Robert Misik

© Robert Misik 2007



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