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Navid Kermani: "Wer ist Wir?"
Plädoyer für kulturelle Pluralität



Der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani hat ein erfrischend unaufgeregtes Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft verfasst. Ulrich von Schwerin hat sein neues Buch gelesen.

Buch-Cover 'Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime' (C.H. Beck)
Bild vergrössern Kermanis Buch zeichnet sich durch einen in der aktuellen Debatte zum Islam erfrischend unverkrampften und unaufgeregten Stil aus, der bisweilen sogar überaus humorvoll ist, meint Ulrich von Schwerin.
Die Szene, die Navid Kermani in seinem Buch "Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime" schildert, kann wohl als stellvertretend für das Verständnis vom und das Verhältnis zum Islam in Deutschland gelten:

Bei einer Podiumsdiskussion über eine vom Zentralrat der Muslime geplante Charta, die als Bekenntnis zu den Grundsätzen der Verfassung gedacht ist, werfen zwei deutsche Islamexperten dem Vertreter der Muslime vor, ein solches Bekenntnis sei gar nicht möglich, da der Islam per se mit der Verfassung unvereinbar sei.

Schließlich, so argumentieren sie, kenne der Islam nicht die Trennung von Politik und Religion und fordere zudem die gewaltsame Verbreitung des Glaubens. Der Muslim widerspricht.

Zwei konkurrierende Religionsauslegungen

In dieser Szene treffen zwei Interpretationsweisen des Islams aufeinander: Auf der einen Seite die orthodoxe, konservative Auslegung des Islam, die die heilige Schrift wörtlich auslegt und ein rückwärtsgewandtes und geradezu archaisches Islambild vertritt (islamische Fundamentalisten und westliche Islamkritiker scheinen hier in ihrem Islamverständnis nah beieinander zu liegen).

Auf der anderen Seite die Sicht der breiten Masse der Muslime und ihrer Vertreter, die ein viel komplexeres Verständnis des Islam haben, welches auch die theologischen Widersprüche mit einschließt. Diese Religionsauslegung gründet sich zwar ebenso auf dem Koran, nutzt ihn aber nicht als eindimensionalen Maßstab für den einen religiös geführten Alltag.

Viele Islamkritiker stimmten mit den Islamisten darin überein, schreibt Kermani – selber habilitierter Islamwissenschaftler – dass Muslime ganz auf ihre islamische Identität zu reduzieren seien. Dies widerspreche aber der Realität in seiner, wie in den meisten anderen muslimischen Familien in Europa oder dem Nahen Osten.

Schließlich hätten die Muslime, wie alle Menschen, mehrere Identitäten, wobei neben der religiösen je nach Kontext die soziale, kulturelle oder ökonomische Identität in den Vordergrund trete.

Soziale Differenzen – keine religiösen

Türken in einer Berliner Koranschule; Foto: AP
Bild vergrössern Genau wie alle Menschen zeichnen sich Muslime durch mehrere Identitäten aus, wobei neben der religiösen je nach Kontext die soziale, kulturelle oder ökonomische Identität in den Vordergrund tritt, so Kermani.
Zu Beginn seines teils essayistischen, teils autobiographischen Buchs, das aus einer Reihe Artikel und Reden hervorgegangen ist, schildert der 1967 in Siegen geborene Schriftsteller wie er sich als Kind im Sauerland nie wegen seiner iranischen Herkunft oder islamischen Religion fremd gefühlt habe. Erst im Fußballverein sei er sich seines Andersseins bewusst geworden – allerdings nur deshalb, weil die Teammitglieder nicht wie er aus einem bildungsbürgerlichen Milieu stammten und anders sprachen, als er es gewöhnt war.

Ebenso verliefen bei seinen Besuchen im Iran die kulturellen Bruchlinien nicht zwischen ihm und seinen Cousins, da ihre Lebensweise der eigenen ganz ähnlich war, sondern zwischen diesen Cousins und den einfachen Handwerkern. "Ich behaupte nicht", schreibt er, "dass es keine kulturellen Konflikte gibt, aber ich meine, dass die größte Bruchstelle in einer Gesellschaft und zwischen verschiedenen Gesellschaften weiterhin die ökonomische ist – selbst wenn soziale Konflikte immer häufiger in einem kulturellen oder religiösen Vokabular ausgedrückt werden."

Eindimensionale Identität als Illusion

Kermani betont, nicht seine doppelte Identität als Deutscher und Iraner zu vereinbaren, habe ihm Probleme bereitet. Probleme würde es ihm dagegen bereiten, wenn er gezwungen wäre, sich ganz auf eine Identität festzulegen, wie deutsche Politiker dies immer wieder fordern. Integration, so Kermani, bedeute nicht, dass alle Muslime wie Deutsche werden. Denn, einmal abgesehen davon, dass es den Deutschen ebenso wenig wie den Islam gebe, wäre dies ein kultureller Verlust für das Land, ist er überzeugt.

Kermani stimmt nicht in den verbreiteten Abgesang auf den Multikulturalismus ein, sondern plädiert dafür, dieses Gesellschaftsmodell, das er nicht nur als richtig, sondern auch als das einzig praktikable ansieht, besser und aktiv zu gestalten. Und dies sei gar nicht so schwierig, glaubt er. Denn in der Islamkonferenz, deren Mitglied Kermani ist, sei vielfach über die Ursachen und das Ausmaß der Probleme gestritten worden. Über die zur Lösung der Probleme notwendigen Maßnahmen habe aber zwischen allen Parteien weitgehend Einigkeit geherrscht.

"Gott weiß es besser"

Navid Kermani; Foto: dpa
Bild vergrössern Der Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani, der auch Mitglied der Deutschen Islamkonferenz des Bundesinnenministers ist, hält die Integrationsdebatte für zu sehr auf die Religion verengt.
Kermanis Buch zeichnet sich durch einen in der aktuellen Debatte zum Islam erfrischend unverkrampften und unaufgeregten Stil aus, der bisweilen sogar überaus humorvoll ist – empfohlen sei hier besonders das Nachwort. Mal ganz Schriftsteller, mal ganz Wissenschaftler vereint der Kölner Stilsicherheit mit Fachkenntnis.

Die sonst gern diskutierte Frage nach der Vereinbarkeit des Islam mit der Demokratie weist er als falsch zurück, da es, wie er schreibt, zum einen den Islam nicht gibt, zum anderen selbst wenn es ihn gebe, die Demokratie nur eine seiner Möglichkeiten wäre. Schließlich erlaube der Koran mehrere Auslegungen. Jeder klassische Korankommentar enthalte mehr als eine Deutung und ende stets mit der Floskel "Und Gott weiß es besser", die ausdrücken solle, dass jede Interpretation menschlich und damit fehlbar ist.

Kermani hält es hier mit dem iranischen Philosophen Abdolkarim Sorush, der zwischen der Religion an sich und der menschlichen Kenntnis von der Religion unterscheidet. Anders als die Religion selbst verändere sich diese mit der Zeit. Da der Islam also letztlich das ist, was die Gläubigen daraus machen, ist der Islam prinzipiell mit der Demokratie und der Moderne vereinbar, ist Kermani überzeugt. Ob sich die deutschen Muslime deshalb aber integrieren werden, sei offen und hänge von den politischen Entscheidungen ab, macht Kermani klar.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2009

Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime. Verlag C.H. Beck München. 173 Seiten. 16,90 Euro.



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