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Buchtipp: Wer hat Angst vor Tariq Ramadan?
Epochaler Reformator oder Wolf im Schafspelz?



Tariq Ramadan ist wohl einer der schillerndsten muslimischen Intellektuellen Europas. Nina zu Fürstenberg hat den vielfach auch als "Softcore-Islamisten" gescholtenen Ramadan in ihrem Buch unter die Lupen genommen. Katajun Amirpur hat es gelesen.

Tariq Ramadan; Foto: AP
Bild vergrössern Wolf im Schafspelz oder als "Soft-Core Islamist"? Tariq Ramadan gilt als die umstrittene Persönlichkeit im europäisch-islamischen Kontext.
Der Mann ist ein Politikum: Das Time Magazine nennt ihn den "islamischen Superstar" und zählt ihn zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt; den anderen gilt er jedoch als Wolf im Schafspelz oder als "Soft-Core Islamist".

Eines ist klar: Tariq Ramadan ist sicher der schillerndste muslimische Intellektuelle Europas – einer, der intellektuelles Niveau mit Charisma verbindet und die Menschen anspricht, ja mitreißt.

Wenn er öffentlich auftritt, liegt ihm sein Publikum zu Füßen und vor allem Jugendliche sehen in dem gutaussehenden, selbstbewussten und vor allem redegewandten Mittvierziger einen Hoffnungsträger.

Neuer Zugang zum Islam

Ihnen verschaffen sein Auftreten und seine Interpretation des Islams einen neuen Zugang zu ihrer Religion – ein Zugang, der ihnen erlaubt, sowohl gläubig als auch modern zu sein.

Um ihn näher vorzustellen, kommt deshalb das Buch von Nina zu Fürstenberg so gelegen. Die Autorin, eine in Rom und Zürich lebende Journalistin, ist Direktorin der in Rom ansässigen "reset-Stiftung für den Dialog der Zivilisationen".

Diese Stiftung hat in den letzten Jahren zahlreiche Konferenzen und Symposien veranstaltet, auf denen namhafte Denker aus der westlichen und der islamischen Welt sich gemeinsam Gedanken über die Zukunft des Islams in der modernen Welt gemacht haben.

Junge Muslime in Europa vor einem Computer-Bildschirm; Foto: AP
Bild vergrössern Ein Vorbild für viele junge und zeitgemäß denkende Muslime in Europa: Tariq Ramadan
Und durch diese Zusammenkünfte ist die Nina zu Fürstenberg blendend mit der Materie vertraut – und mit Tariq Ramadan, der ein gern gehörter Diskussionspartner ist, wo immer es um das Thema Islam in Europa geht.

Nina zu Fürstenberg sagt, sie habe keine Biographie schreiben wollen. Aber es werde sichan dem Beispiel wie Europa mit Tariq Ramadan umgeht, zeigen, "wie wir in Europa mit dieser Herausforderung, den Islam in Europa zu integrieren, umgehen".

Vielen, die kaum mehr als seinen Namen kennen, gilt Tariq Ramadan als Bedrohung, weil er nämlich der Enkel Hassan al-Bannas ist, also des Gründers der Muslimbrüder in Ägypten.

Diese Gruppierung ist dort bis heute verboten, denn sie hat es sich auf die Fahnen geschrieben, einen islamischen Staat zu errichten. Einen Staat also, in dem das islamische Recht, die Scharia, gelten soll.

Tariq Ramadans Vater Said war ins Exil in die Schweiz geflohen und hatte in Genf ein "Islamisches Zentrum" gegründet. Tariq wurde 1962 in der Schweiz geboren. Er studierte Islamwissenschaften und promovierte in diesem Fach und ist in den letzten Jahren durch zahllose Vorträge, Debatten und Bücher zu einer führenden Stimme des französischen Islams geworden.

Dabei spricht er nur für sich selber und gehört nicht etwa den Muslimbrüdern an. Auch vertritt er nicht ihre Agenda in Europa, wie ihm Kritiker immer wieder unterstellen.

Angst vor dem Islam

Zum internationalen Medienstar wurde Ramadan nach einer von ihm angezettelten Kontroverse mit jüdischen Intellektuellen in Frankreich, denen er "Kommunitarismus", also Parteilichkeit – nämlich für Israel - vorwarf, und schließlich im November 2003 nach einer Fernsehdebatte mit dem damaligen französischen Innenminister Nicolas Sarkozy über das Kopftuch. Aber warum sollte man deshalb Angst haben vor Tariq Ramadan wie der Titel des Buches von Nina zu Fürstenberg suggeriert?

Nina zu Fürstenberg erläutert, die Angst vor dem Islam lähme offenbar unsere Vernunft Buchcover: 'Wer hat Angst vor Tariq Ramadan?' im Herder-Verlag
Bild vergrössern Ramadan will einerseits die verweltlichte muslimische Jugend in den europäischen Vorstädten ansprechen, andererseits linke Globalisierungsgegner und die Menschen in der arabischen Welt.
und bringe Überreaktionen hervor. Nur so kann sie sich erklären, warum Ramadan immer sofort abgestempelt wird und ihm niemand richtig zuhört.

Nina zu Fürstenberg ist eine gute Einführung in die Ideen und die Argumente dieses schillernden Intellektuellen gelungen. An vielen Stellen hätte die Darstellung der Argumentation Ramadans sicherlich ins Detail gehen können.

Andererseits wäre dies zu Lasten der Lesbarkeit gegangen. Und dann wäre dieses Buch an seinem Publikum vorbeigeschrieben worden und hätte seinen ursprünglichen Ansatz verfehlt, eine leicht zugängliche Einführung zu sein.

Fürstenberg stellt uns grundsätzliche Ansichten Ramadans vor und erläutert seinen Standpunkt zu verschiedenen Themen: der Neuinterpretation koranischer Aussagen beispielsweise, aber auch zu jenen, wegen der Ramadan so viel Aufmerksamkeit gewonnen hat: seinen Ansichten zur Israel-Palästinafrage etwa oder zur Steinigung.

Politischer Spagat

Ramadan spricht im Gegensatz zu vielen Radikalen-Reformern, die die Scharia zur bloßen moralischen Richtschnur herabstufen, nicht von der notwendigen Abschaffung der Steinigung, sondern plädiert für ein Moratorium, d.h. für eine Aussetzung der Strafe.

Dafür hatte er sich den Vorwurf zugezogen, kein wirklich grundlegender Reformer zu sein.

Doch Ramadan will einerseits die verweltlichte muslimische Jugend in den Vorstädten von Lyon, Paris und Marseille ansprechen, andererseits linke Globalisierungsgegner, aber nicht zuletzt auch die Menschen in der arabischen Welt.

Dieser Spagat lässt ihn oft doppelzüngig erscheinen. Tariq Ramadan ist wohl einfach kein liberaler Reformer. Er ist aber genau so wenig der reaktionäre Islamist, als den ihn viele jetzt abstempeln, sondern einfach ein Konservativer.

Doch was bleibt? Sowohl nach der Lektüre als auch für Nina zu Fürstenberg nach der jahrelangen Beschäftigung mit Tariq Ramadan? Kann man ihm denn nun trauen? Da möchte sich auch Nina zu Fürstenberg nicht festlegen: "Was sein Endgedanke ist, kann ich nicht wissen."

Ihre Lektüre seiner Schriften lässt sie jedoch zu dem Schluss kommen, dass seine Ansichten "von unseren liberalen, demokratischen nicht so weit entfernt sind." Doch selbst wenn Ramadan Europa islamisieren wollte, schließt zu Fürstenberg selbstsicher, dann hätten eben die anderen, und zwar wir, auch noch etwas was mitzureden.

Genau diese Haltung ist es, die das Buch sympathisch macht – eine Haltung, die nicht schon alles vorgibt zu wissen, die nicht parteiisch ist und nicht alles in Bausch und Bogen verdammt oder hochjubelt, sondern zu beschreiben und darzustellen versucht. Und die jemandem eine Chance gibt, sich mit dem Islam in der modernen europäischen Welt auseinandersetzt und nach Lösungen sucht. Wie diese letztlich aussieht, darum müssen wir ohnehin gemeinsam ringen.

Katajun Amirpur

© Qantara.de 2009

Nina zu Fürstenberg: "Wer hat Angst vor Tariq Ramadan? Der Mann, der den Islam reformieren und die westliche Welt verändern will", Freiburg i.Br. 2008, Herder, 190 Seiten.



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