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Mustafa Kemal Atatürk
Von Saloniki nach Ankara



Die moderne Türkei ist ohne ihren Gründer Mustafa Kemal Atatürk nicht denkbar. Die von ihm geschaffene Republik und die konsequente kulturelle Westorientierung erleichterten die Eingliederung in westliche Bündnissysteme. Klaus Kreiser über einen Mann, der bis heute höchst kontrovers bewertet wird.

Mustafa Kemal Atatürk; Foto: dpa Das Urteil der Nachwelt über Mustafa Kemal Atatürk ist widersprüchlich, doch seine mit diktatorischen Mitteln regierenden Zeitgenossen in anderen Staaten erhalten von der Geschichte allesamt und verdientermaßen schlechtere Noten.

Ein in der Türkei zu Lebzeiten einsetzender Personenkult - 1926 wurde in Istanbul die erste Statue enthüllt, zahllose folgten - verstellt bis heute den Blick auf den vielseitigen, visionären und entscheidungsstarken Mann.

"Vater der Türken"

Mustafa Kemal Pascha, geboren 1881 im makedonischen Saloniki, bis 1912 eine osmanische Provinzhauptstadt, war der Begründer der neuen Türkei. Den Namen Atatürk ließ er sich erst 1934 gegen Ende seines Lebenswegs von der Großen Nationalversammlung in Ankara, dem Parlament der Republik, verleihen.

Gleichwohl – anders als sein Geburtsname Mustafa, anders auch als der von seinem Lehrer verliehene Name "Kemal" - kennt ihn die Welt als "Vater der Türken". Innerhalb der Türkei hat man auch seine Ehrentitel "Gazi" (Sieger im Glaubenskampf) und "Halaskar" ("Erretter, Befreier”) nicht vergessen.

Die Beschäftigung mit Atatürk wird durch eine Reihe von Forschungshindernissen erschwert. Viel Material wird noch immer im Archiv des Generalstabs und an anderen Stellen gleichermaßen unzugänglich für türkische und ausländische Forscher gehütet. Das gilt selbst für die "Urschrift" seiner "Großen Rede" (Nutuk), mit der Atatürk 1927 seine Rolle im Befreiungskrieg (1919-1922) beschrieb.

Aufstieg innerhalb des Militärs

Kemal Atatürk wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und hatte, anders als viele seiner bedeutenden Zeitgenossen, auch keine nahen oder fernen Verwandten, die ihm eine Brücke zu einer Karriere hätte bauen können.

Nur das Militär ermöglichte begabten Knaben ohne Protektion und Vermögen einen gesellschaftlichen Aufstieg. Der junge Offiziersschüler hat sicher oft auf die Karten seines Taschenatlas geblickt und sich gefragt, ob die bis 1911 auf drei Kontinente verteilten osmanischen Länder gegen mächtige Feinde wie Russland standhalten könnten.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gelang Atatürk die Abwehr eines Landungsversuchs durch ein alliiertes Expeditionskorps auf der Halbinsel von Gallipoli. Dies war der einzige nennenswerte osmanische militärische Erfolg des Weltkriegs.

Trotz dieser Schlacht an und um die Meerengen konnte das mit den Mittelmächten (Deutschland und Österreich-Ungarn) verbündete Osmanische Reich dem englischen und russischen Druck nicht Stand halten. Im Pariser Frieden von Sèvres wurde der Türkei im Jahr 1919 nicht viel mehr als ein Teil von Inneranatolien, Istanbul und sein Vorfeld Ostthrakien belassen.

Mustafa Kemal war jedoch anders als der Sultan-Kalif nicht bereit, den Verlust der Unabhängigkeit des Landes hinzunehmen. Er setzte sich ab 1919 an die Spitze des von vielen Kräften – religiös und nationalistisch – getragenen Widerstands in Anatolien.

Präsident des ersten türkischen Nationalstaats

Das staunende Ausland begann sich zu fragen, ob dieser inzwischen vom Sultan zum Tode verurteilte Ex-General Mustafa Kemal nicht selbst das Kalifat anstrebte. Der Eindruck war nicht ganz unberechtigt:

Die an vielen Fronten zwischen dem Südkaukasus, Syrien und der Ägäis kämpfenden Truppen verband nichts stärker als die islamische Religion. Freilich waren die türkischen Befehlshaber von der Überlegenheit ihrer Kultur und Sprache über die der anderen islamischen Gruppen, insbesondere der Kurden, überzeugt.

Nach Vertreibung der griechischen Invasionsarmee aus Westanatolien konnte der Sieger 1923 den ersten türkischen Nationalstaat ausrufen, dessen Präsident er bis zu seinem Tode blieb. In einer internationalen Konferenz in Lausanne wurde Atatürks wichtigstes außenpolitisches Ziel, die Wiederherstellung der türkischen Unabhängigkeit, besiegelt.

Vor Atatürk und seinen Mitstreitern stand nun die Aufgabe, eine homogene Nation aus den vielfältigen Bevölkerungsteilen zu formen. Dabei betrug der Anteil von Einwanderern nach Anatolien - Flüchtlinge und Vertriebene aus den Kaukasusländern, dem Schwarzmeerraum und Südosteuropa – zwischen 40 und 45 Prozent der Bevölkerung.

Überzeugung und Zwang ("Zuckerbrot und Peitsche") waren die Mittel des letztlich erfolgreichen Nation Building-Prozesses, dem sich freilich größere Teile der kurdischen Minderheit verweigerten.

Reformen nach westlichem Modell

1922 war der letzte Sultan ins Exil geschickt, 1923 die Hauptstadt von Istanbul nach Ankara verlegt und 1924 ein bedeutungslos gewordenes Kalifat aufgelöst worden. Nun begann ein beispielloses Reformprogramm, dessen Durchsetzung zunehmend autoritäre Maßnahmen erforderte.

Das Land wurde ab 1925 ohne oppositionelle Parteien geführt. Von einer freien Presse oder akademischer Unabhängigkeit war bald nicht mehr die Rede. Die von Atatürk gegründete "Republikanische Volkspartei" verschmolz immer mehr mit staatlichen Einrichtungen.

Atatürks Reformen folgten ausnahmslos westlichen Modellen, ohne die Institutionen einzelner europäischer Länder zu imitieren. Die Übersetzung und anschließende Übernahme des schweizerischen Zivilrechts und des italienischen Strafrechts vollzogen sich in einem atemberaubenden Tempo.

Nutznießer waren in erster Linie die im islamischen Rechtswesen benachteiligten Frauen. Ihre politische Partizipation wurde durch die Verleihung des Wahlrechts (1930 auf kommunaler, 1934 auf nationaler Ebene) ermöglicht. Atatürk förderte zumindest symbolisch die Teilnahme von Frauen in zahlreichen bisher von Männern besetzten Feldern und Berufen.

Das 2001 beschlossene Zivilgesetzbuch ist ohne die Atatürksche Rechtsrevolution gar nicht denkbar.

Verbot von Kopfbedeckungen

Ebenso nachhaltig war die von Atatürk als Herzenssache betriebene Sprach- und Schriftreform. Die Erfolge der Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten zeigten sich schon bald nach der Umstellung (1928) von der arabischen auf die lateinische Schrift.

Atatürk betrachtete alle Religionen einschließlich des Islam ohne Sympathie. Die Versammlungsstätten der Derwischbruderschaften ließ er schon 1925 schließen. Er war davon überzeugt, dass auch der Besuch der Moscheegottesdienste früher oder später nachlassen würde.

Im Westen erregte die so genannten "Hutreform" viel Aufmerksamkeit. Eine ursprünglich nur für Staatsdiener gedachte Vorschrift führte zur Verbannung aller traditionellen Kopfbedeckungen, vorab des männlichen Turbans.

Das Ablegen des Gesichtsschleiers war nicht Bestandteil gesetzlicher Regelungen, wurde jedoch als selbstverständlich für jede Beteiligung von Frauen im öffentlichen Leben gesehen.

Kulturelle Westorientierung

Auch wenn Atatürks oft als "Erziehungsdiktatur" bezeichneter autoritärer Reformkurs nicht Demokratie genannt werden kann, hat das von ihm geschaffene "Format" – Republik als Staatsform mit Elementen von Gewaltentrennung - die Voraussetzung für einen erstaunlich sanften Übergang zum Mehrparteiensystem geschaffen (1946).

Die konsequente kulturelle Westorientierung erleichterte die Eingliederung in westliche Bündnissysteme unter Atatürks Nachfolgern. Ohne den vorbildlosen Verwestlichungskurs der 1920 und 1930er Jahre kann man sich eine Mitgliedschaft der Türkei in europäischen Bündnissystemen schwer vorstellen.

Klaus Kreiser

© Qantara.de 2007

Klaus Kreiser war bis zu seiner Emeritierung Professor für Türkische Sprache, Geschichte und Kultur an der Universität Bamberg.



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