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Irakerinnen sind keine Opferlämmer



Vor allem die Frauen im Irak leiden unter den Folgen der drei letzten Kriege. Nadje Al-Ali, im Sommer 2003 Marie-Jahoda-Gastprofessorin für Internationale Frauenforschung an der Ruhr-Universität Bochum, hat die Situation untersucht.

Nadje Al-Ali
Nadje Al-Ali
Wie auf der ganzen Welt üblich ist, werden irakische Frauen in den Debatten über Demokratie und die politische Vertretung von Mehrheiten und Minderheiten der Bevölkerung in Irak übergangen. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass 55 bis 60 Prozent der irakischen Bevölkerung Frauen sind. Diese demographische Diskrepanz geht auf drei Kriege (den Irak-Iran-Krieg 1980-1988, den Golf-Krieg 1991 und die US-Invasion 2003), auf Auswanderung und auf die politische Repression und Hinrichtungen durch das Regime zurück. Dennoch fehlen Frauen völlig in den meisten Medienberichten. Weder werden sie auf den Straßen der irakischen Städte wahrgenommen noch als Teil der politischen Gruppierungen, ob pro- oder antiamerikanisch.

Ehemals höchster Bildungsstand von Frauen

Diese Lage kann westlichen Lesern, die sich an das Bild von unterdrückten und passiven muslimischen und arabischen Frauen gewöhnt haben, "natürlich" erscheinen (War es in Afghanistan nicht genauso?). Aber in Wirklichkeit gehörten irakische Frauen bis vor ein paar Jahren sehr klar in den "öffentlichen Bereich". Trotz der allgemeinen politischen Repression durch das Baath-Regime von Saddam Hussein hatten sie mit den höchsten Bildungsstand in der ganzen Region. Sie waren in die Erwerbstätigkeit integriert und auf fast allen Ebenen der staatlichen Institutionen und Verwaltung aktiv und sichtbar. Aber heute können Frauen das Haus aus Angst und auf Grund eines umfassenden Unsicherheitsgefühls kaum verlassen. Plünderungen, gewalttätiger Einbruch, mafiaähnliche Banden, die die Stadt nachts durchstreifen und die zunehmende sexuelle Gewalt, Vergewaltigungen eingeschlossen, haben Frauen in den Hintergrund gedrängt.

Schon vor dem Krieg 2003 war deutlich, dass die Verbesserungen für Frauen aus den 70er und frühen 80er Jahren zurückgenommen wurden. Neben den offensichtlichsten Auswirkungen der schrecklichen humanitären Situation zeigten sich Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen und -ideologien im Zusammenhang mit den umfassenden sozialen Veränderungen infolge des Kriegs, der Sanktionen und der veränderten staatlichen Politik.

Schon vor diesem letzten Krieg gab es auf Grund der Sanktionen eine massive Verschlechterung der Infrastruktur (Wasser, sanitäre Einrichtungen, Kanalisation, Elektrizität), die die Lebensqualität irakischer Familien gravierend beeinträchtigte, die oft ohne Wasser und Elektrizität durch den Tag kommen mussten. Hohe Kindersterblichkeit (ca. 4000-5000 pro Monat), weit verbreitete Mangelernährung, epidemische Krankheiten, eine zunehmende Leukämierate, andere Formen von Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen gehörten zu den offensichtlichsten "Nebeneffekten" des Sanktionsregimes. Aber das Alltagsleben veränderte sich nicht nur in Bezug auf eine drastische Verschlechterung der ökonomischen Bedingungen und der Infrastruktur: Auch die soziale und kulturelle Textur der irakischen Gesellschaft wurde betroffen.

Erwerbstätigkeit von Frauen wurde unterstützt

Eine Analyse der Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen und des Kriegs auf die Frauen in Irak erfordert zunächst einige kurze historische Hintergrundinformationen zur allgemeinen Lage der irakischen Frauen vor dem Einsetzen des Sanktionsregimes 1990.

Trotz der unbestreitbaren politischen Unterdrückung in den 70er und frühen 80er Jahren genoss die Mehrheit der irakischen Bevölkerung einen hohen Lebensstandard angesichts des Wirtschaftsbooms und der raschen Entwicklung, die sich aus den steigenden Ölpreisen und der Entwicklungspolitik der Regierung ergaben. Dies waren die Jahre einer prosperierenden Wirtschaft und der Entstehung und Expansion einer breiten Mittelschicht. Staatlich eingeleitete Politik wirkte darauf hin, den Analphabetismus auszurotten, die Frauen auszubilden und sie in die Erwerbstätigkeit einzubeziehen. Im Zusammenhang mit einer raschen Wirtschaftsexpansion nach der Ölkrise 1973 suchte die irakische Regierung aktiv die Frauen auf, um sie in die Erwerbstätigkeit zu integrieren.

Es ist zu betonen, dass die Politik, die Frauen zur Lohnarbeit zu ermutigen, sich nicht aus egalitären Prinzipien erklären lässt: Saddam Hussein war kein Feminist! Die anfängliche Ideologie der Baath-Partei, der herrschenden Partei in Irak, beruhte auf dem arabischen Nationalismus und Sozialismus. Im Rahmen dieses Artikels kann die spezifische Motivlage und Ideologie des Baath-Regimes in Bezug auf die Rollen und Position der Frau nicht im Detail untersucht werden. Man kann aber sagen, dass Arbeitskräfte knapp waren und dass -- während die Golfstaaten Arbeiter von außerhalb ihrer nationalen Grenzen anwarben - die irakische Regierung die eigenen Humanressourcen des Landes erschloss. In der Folge wurde Arbeiten außerhalb des Hauses für Frauen nicht nur akzeptabel, sondern wurde zur Norm und vermittelte Prestige. Weiterhin sollte der Faktor berücksichtigt werden, dass der Staat versuchte, seine BürgerInnen - ob männlich oder weiblich - zu indoktrinieren. Offensichtlich war es viel einfacher, sie zu erreichen und zu rekrutieren, wenn sie am so genannten öffentlichen Bereich teilhatten und außerhalb der Schranken ihres Heims sichtbar waren.

Seit 1980 drei Kriege und dreizehn Jahre Sanktionen

Obwohl sich während des Iran-Iran-Kriegs (1980-1988) deutliche Anzeichen für eine Verschlechterung der Lebensbedingungen und Veränderung der Geschlechterbeziehungen zeigten, herrschte anscheinend die Überzeugung vor, dass die Lage sich mit dem Ende des Kriegs wieder zum Besseren wenden würde. Und während viele Familien in dieser Zeit Söhne, Brüder, Väter, Freunde und Nachbarn verloren, erschien der Alltag in den Städten relativ "normal", und Frauen spielten eine sehr bedeutende Rolle im öffentlichen Leben. Aber auf zwei kurze "friedliche" Jahre folgte die Invasion von Kuwait (August 1990) und der Golf-Krieg (Januar-März 1991), die Auferlegung des Systems umfassender Sanktionen, das fast dreizehn Jahre andauerte, und der neue Krieg 2003.

Der Verlust geliebter Menschen wurde eine gemeinsame Erfahrung vieler irakischer Frauen. Neben Trauer, Depression und manchmal Wut haben irakische Frauen und Männer in allen Altersstufen einen bemerkenswerten Fatalismus übernommen und einen unglaublichen Widerstand dagegen aufgebaut, sich mit Schmerz und Leiden zu beschäftigen.

Die Sanktionen und der Krieg haben neben den offensichtlichen Auswirkungen im Zusammenhang mit grundlegenden Überlebensstrategien und Schwierigkeiten auch Spuren in der sozialen und kulturellen Textur der irakischen Gesellschaft hinterlassen. Zweifellos haben irakische Frauen einiges von dem verloren, was sie in den vorigen Dekaden erreicht hatten. Sie können sich weder durch Bildung noch durch Lohnarbeit behaupten, da beide Bereiche rasch an Wert verloren haben. Die höhere Bildung ist faktisch zusammengebrochen. Die Monatslöhne im öffentlichen Sektor, der paradoxerweise immer mehr Frauen beschäftigte, sind dramatisch gesunken und entsprechen nicht der hohen Inflationsrate und den Lebenshaltungskosten.
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