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Mahmoud Massads Dokumentarfilm "Recycle"
Ein Porträt des Jihadisten als junger Mann



Zwei Jahre lang hat der palästinensisch-jordanische Regisseur Mahmoud al-Massad einen islamischen Glaubenseiferer in seiner jordanischen Heimatstadt Zarqa beobachtet und gefilmt. Das Ergebnis zeigt die Komplexität und Widersprüchlichkeit eines oft als homogen wahrgenommenen jihadistischen Milieus. Amin Farzanefar hat den Dokumentarfilm gesehen.

Szene aus dem Dokumentarfilm 'Recycle'; Foto: www.mecfilm.de
Bild vergrössern Bei aller Ideologie und latenter Militanz bleibt Abu Ammar ein Familienvater: "Recycle" porträtiert auf eindrucksvolle Weise das jihadistisch orientierte Milieu in der Stadt Zarqa.
In seinem Keller hat er tausende Zettel gesammelt, mit Korankommentaren und Aussprüchen des Propheten. Irgendwann will er ein Buch über den Jihad verfassen. Zu jedem Belang hat er eine klare Meinung, die auf dem fest gefügten Fundament seines Glaubens ruht, etwa: "Kein Muslim sollte jemals in ein nichtislamisches Land ziehen."

Abu Ammar ist ein "Fundamentalist". Während er sich gegenüber der Kamera über Gott und die Welt auslässt, sieht man ihn meistens in einem alten VW-Transporter herumfahren - er sammelt alte Kartons, die er der Wiederverwertung zuführt.

Dieses Porträt eines extrem Religiösen ist eingebettet in die Kulisse der Stadt Zarqa: Mit über einer halben Million Einwohner die zweitgrößte Stadt Jordaniens und Militär-, Industrie- und Handelszentrum des Landes.

In den Vorstädten herrschen soziales Elend, wirtschaftliche Armut und Arbeitslosigkeit, und die effektivste Sozialarbeit besteht hier noch in religiöser Indoktrination. Zarqa ist seit jeher ein Nährboden für Extremisten: Wenn man diese Misere hinter sich lassen, seine eigen Existenz aufwerten wollte, zog man früher als Mudjahid nach Afghanistan, jetzt in den Irak.

Ein Sohn der Stadt

Einen etwas anderen Weg hat der palästinensisch-jordanische Regisseur Mahmoud al Massad eingeschlagen: 1969 in Zarqa geboren, verschlägt ihn seine filmische Ambition nach Rumänien, Italien und Deutschland; heute lebt er in den Niederlanden. Als er für die Recherchen von "Recycle" nach sieben Jahren der Abwesenheit Zarqa wieder sieht, haben das Elend und damit die Extreme noch zugenommen - die Stadt ist ihm fremd geworden.

Die daraus resultierende Mischung aus künstlerischer Distanz und einfühlender Nähe ist ein Glücksfall für den Film: Seinen Protagonisten verfolgt Massad genau und aufmerksam, empathisch und kritisch - und völlig kommentarlos.

Szene aus dem Dokumentarfilm 'Recycle'; Foto: www.mecfilm.de
Bild vergrössern Zarqa in Jordanien: In den Vorstädten herrschen soziales Elend, wirtschaftliche Armut und Arbeitslosigkeit.
So beeindruckt "Recycle" vor allem durch intensive Bildkompositionen, die einen Alltag und eine Tristesse einfangen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Damit lässt der Film die zugespitzte Zweidimensionalität herkömmlicher Fernsehdokumentationen weit hinter sich.

Dabei ist der globale Horizont, der Konflikt zwischen Islam und Westen, natürlich doch präsent, nicht zuletzt durch den bekanntesten Abkömmling dieser Stadt: Abu Musab al-Zarqawi, der zweite Mann hinter Bin Laden, selbsternannter Al Qaida-Chef im Irak, und derjenige, der dem Terror im Zweistromland eine neue Dimension verlieh, indem er vor laufender Kamera Geiseln köpfen ließ.

Der Bart ist ab

Im Rückblick erscheinen die Jugendjahre von Ahmad Nazzal al-Khalaila, so Zarqawis bürgerlicher Name, wenig spektakulär: Der Schulabbrecher, wegen sexueller Gewalt vorbestraft, umgibt sich mit Drogen, Alkohol und Frauen, bis er durch den Kontakt mit seiner religiösen Schwester seine kriminelle Energie ideologisch überformen und kanalisieren lernt.

Szene aus dem Dokumentarfilm 'Recycle'; Foto: www.medfilm.de
Bild vergrössern Tristesse, Armut, Perspektivlosigkeit: "Recycle" beeindruckt durch intensive Bildkompositionen und ein genaues Beobachtungsvermögen.
Solche und andere Geschichten über den berühmtesten Sohn Zarqas erzählen Abu Ammar und seine Freunde mit scheinbarer Gleichgültigkeit; andererseits stößt die Kamera allerorten auf grassierendes Zarqawi-Expertentum und die Folgen eines Sensations-Tourismus: Ständig findet sich jemand, der Zarqawis Schule kennt, oder mit ihm im "Heiligen Krieg" in Afghanistan war.

Auch Abu Ammar, weniger berüchtigt als sein 2005 ermordeter Landsmann, war vor Jahrzehnten bei den afghanischen Mudjahedin, als Bodyguard (inwieweit er auch in den Diensten ranghoher Taliban stand, darüber schweigt er sich aus).

Ohne nähere Angabe von Gründen wird er nach einem Anschlag auf das Hotel in Amman inhaftiert, ohne Erklärung entlässt man ihn nach vier Monaten wieder. Dann – schon während der Dreharbeiten zu "Recycle" - verschlägt es auch ihn in den Irak, aber nicht als Krieger: mit einem Kollegen fährt Abu Ammar nach Bagdad, um dort als Automechaniker endlich zu Geld zu kommen; doch wenige Tage später sind die beiden wieder zurück: glattrasiert. Auf der panischen Flucht vor plötzlich auftauchenden US-Soldaten hatten sie sich in ein Schiitenviertel verirrt, wo sie erst recht in Gefahr gerieten, und sich umgehend ihrer sunnitischen Barttracht entledigten.

Die Schwebe halten

"Recycle" zeigt die Komplexität und Widersprüchlichkeit eines oft als homogen wahrgenommenen Milieus: Bei aller Ideologie bleibt Abu Ammar ein Familienvater, der sieben oder acht Kinder und seine zwei Frauen ernähren muss. Am Ende des Films wird er einige seiner Grundsätze opfern.

Regisseur Mahmoud al-Massad; Foto: www.mecfilm.de
Bild vergrössern Zwei Jahre lang filmte Regisseur Mahmoud al-Massad, selbst in Zarqa geboren, den Glaubenseiferer Abu Ammar.
Insgesamt zweieinhalb Jahre hat Massad diesen Mann begleitet. Entstanden ist eine atmosphärisch dichte, hautnahe Langzeitstudie, die doch zahllose Fragen aufwirft. Zu einer steilen These oder Pauschalisierung versteigt der Regisseur sich nicht: Abu Ammar hat ein Schicksal, andere Leben mögen anders aussehen.

Aufschlussreich sind die Reaktionen auf seinen Film: Nachdem Massad in Jordanien misstrauisch gegängelt, beobachtet und unter Druck gesetzt wurde, erlebte er in Europa den Vorwurf, Propagandist des Jihad zu sein. Zwischentöne, Nuancen, die Schwebe zu halten scheinen bisweilen unerträglich. Er selbst meint bescheiden: "I made a film, not a bomb."

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2008



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