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Malaysia: Muslimische Schwestern



Die malaysische Frauen-Organisation "Sisters in Islam" kämpft seit 20 Jahren für die Rechte der Frauen. Dabei berufen sich die Frauen auf den Koran. Charlotte Wiedemann stellt die Organisation vor.

Logo 'Sisters in Islam' Scheidung per SMS? In Malaysia kündigte ein Muslim seine Ehe auf, indem er seiner Frau dreimal eine entsprechende Nachricht auf ihr Mobiltelefon schickte. Ein Shariah-Gericht befindet: die Sache ist rechtens. Ein typischer Fall für die "Sisters in Islam": Sie zücken den Koran und rügen die Familienrichter öffentlich. Sure 2: 229, die Trennung soll "in Güte" stattfinden; erfüllt eine herzlose SMS etwa dieses Gebot Allahs?

Die "Sisters" sind Frauenrechtlerinnen - obwohl sie sich selbst nicht diesen westlich geprägten Titel geben. Sie sagen lieber: "Wir halten den revolutionären Geist des Islam aufrecht, der vor 1400 Jahren den Status von Frauen verbessert hat." Auf ihrer Website begrüßt die Losung: für "Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Würde".

Mehr Würde im Beruf als im Privaten

Würde ist wichtig - und darum sind den Sisters die ausnahmslos männlichen Shariah-Richter vertraute Gegner. Denn in Malaysias rasant modernisierter Gesellschaft genießen Frauen in Beruf und öffentlichem Leben oft mehr Würde als im Privaten - und nur dort, in Familienangelegenheiten, regiert islamisches Recht.

So legen sich die Sisters mit den Richtern immer wieder an, weil sie eine Scheidung sehr leicht machen, wenn ein Mann sie verlangt, aber sehr schwer, wenn eine Frau die Trennung will - in einem prominenten Fall dauerte es sieben Jahre, die Betroffene durfte ihren Mann solange nicht verlassen.

Das SMS-Urteil ist den Sisters ein erneuter Beweis für patriarchalische Einäugigkeit: "Seltsam, wie bereitwillig die religiösen Autoritäten moderne Technologie akzeptieren, wenn es zum Vorteil des Mannes ist, und wie ablehnend sie sind, wenn moderne Wissenschaft Frauen und Kindern nützen könnte, zum Beispiel beim Gen-Test zur Vaterschaftsfeststellung".

Frauen, die Schlüsse aus dem Koran ziehen

Die ersten Sisters taten sich 1988 zu einer unabhängigen Frauengruppe zusammen, Akademikerinnen, Juristinnen, Theologinnen. Sie wurden belächelt - oder als anmaßend empfunden:

Frauen, die ihre eigenen Schlüsse aus dem Koran ziehen?! Der Vorwurf, sie seien gottlos und anti-islamisch, begleitet die Sisters bis heute, doch sie haben Standing und Ansehen gewonnen, ihre Stimme wird gehört, ihr Rat ist über Malaysias Grenzen hinaus gefragt.

Auf Konferenzen fallen sie auf: selbstbewusste Frauen, kundig und rhetorisch versiert, natürlich in fließendem Englisch, züchtig gekleidet, aber meist ohne Kopftuch.

Sie treffen sich mit in- und ausländischen Koran-Gelehrten zu Studiensitzungen, versorgen die Presse mit Kolumnen, trainieren Anwälte und Dienstleister in Frauenfragen, bieten Rechtshilfe an. Ihre Broschüren haben provokante Titel wie "Dürfen muslimische Männer ihre Frauen schlagen?" Den Geschlagenen raten die Schwestern, frei nach 13:11: Wenn Du nicht selbst etwas tust, hilft Gott Dir auch nicht.

Forderung nach Revision des islamischen Familienrechts

Die Gruppe ist klein, zählt nur 24 Aktivistinnen und ist doch wirksam, zumal im legislativen Bereich: Wenn die Sisters Diskriminierendes in Gesetzesvorhaben aufspüren, trommeln sie zum Protest.

Das ehrgeizigste Zukunftsprojekt: eine völlige Revision des islamischen Familienrechts. Und das, sagt die Sisters-Direktorin Zainah Anwar, sei nichts Geringeres als "der Versuch, mit einer tausend Jahre alten Tradition zu brechen".

Diese erstaunliche Gruppe intellektueller Frauen spiegelt in gewisser Weise, wie weit es die Malaysierinnen gebracht haben: An den Unis sind Studentinnen in der Übermacht; beruflich haben Frauen mehr Chancen als in manchem westlichen Land, sie sind Zentralbankchefin, Generalstaatsanwältin, Botschafterin.

Doch die Re-Islamisierung in den vergangenen 25 Jahren hat den Islam im säkular regierten Malaysia konservativer, engstirniger und intoleranter gemacht, vor allem zu Lasten der Frauen.

"Wenn Islam als Lebensstil übernommen wird, ist der Platz der Frau das erste Schlachtfeld für alle, die ihre erneuerte Religiosität unter Beweis stellen wollen", sagt Zainah Anwar. Für die Generation ihrer Mutter war es normal, das Kopftuch nur zum Gebet zu tragen; heute gerät unter Druck, wer sich nicht bedeckt. Der Campus jeder Universität ist von pastellfarbenen Tüchern geprägt.

Den Sisters bläst der Wind ins Gesicht

Beispiel Polygamie: Die Sisters bekämpfen sie als einen krassen Auswuchs von Entwürdigung im Privatleben. Malaysias Gesetze erlauben Muslimen bis zu vier Ehefrauen, doch wurde die Viel-Ehe früher offiziell eher nicht gefördert.

Heute gilt sie als selbstverständliches Recht des Mannes, manchen sogar als typisch islamisch, und selbst der Gatte einer Kabinettsministerin hat sich vor aller Augen eine Zweitfrau genommen. Den Sisters bläst also der Wind ins Gesicht, wenn sie ein Verbot der Polygamie fordern.

Wieder argumentieren sie mit Koran und Sunnah: Zur Zeit des Propheten habe die Mehrfach-Ehe Kriegswitwen und deren Kinder aus der Not retten sollen. Solche Notlagen seien im Malaysia von heute bekanntlich nicht vorhanden.

"Wir möchten also die Missverständnisse unter den Muslimen korrigieren", schreiben die Schwestern spitz, "die meisten polygamen Ehen heute haben fast nichts gemein mit der Sunnah des Propheten."

Malaysias regierungsnahe Zeitungen drucken solche Erklärungen auf ihren Meinungsseiten, eine zaudernde Geste, die typisch ist für Malaysias säkularen Regierungs-Islam. Die Stimmen der Frauen werden gebraucht im Kampf gegen eine islamistische Oppositionspartei; andererseits will man den religiösen Autoritäten nicht zu nahe treten.

Die Muslimische Gelehrten-Vereinigung wirft der Sisters-Direktorin immer noch vor, sie mache den Islam "verächtlich" - für Muslime der schlimmste Vorwurf. Und die staatliche Religionsbehörde möchte Muslimen "ohne profundes Wissen" am liebsten verbieten, über islamische Themen zu reden. "Theokratische Diktatur!", zischen die Sisters. "

Als qualifiziert gilt nur, wer die konservativen Stereotype benutzt", höhnt die Anwältin Nik Noriani Nik Badli Shah. Es sei "die Tragik" von Malaysias Islam, dass sich kaum ein Gelehrter dem konservativen Trend widersetze.

Seit dem Anschlag vom 11.September registrieren die Sisters aber ein verstärktes Interesse unter Laien-Brüdern und Schwestern. "Bei vielen Muslimen ist das Bewusstsein gewachsen, dass sie sich verantwortlich fühlen müssen für die Art von Islam, die in unserer Gesellschaft entsteht", sagt Zainah Anwar.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2003


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