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Michael Kleeberg
Libanesisches Reisetagebuch



In seinem Libanesischen Tagebuch beschreibt der Schriftsteller Michael Kleeberg seine Eindrücke aus einer ihm unbekannten Welt. Hier ein Auszug aus dem Buch, das nun erschienen ist.

Tripoli

Wir bekommen einen Führer. Ich lasse mich wieder einmal vom Anschein und meinen Vorurteilen täuschen: Ein kleiner runder Mann von undefinierbarem Alter, mit Schiebermütze, kurz gestutztem grau-blonden Schnurrbart, mißfarbener Lederjacke, Cordhose, Typ Taxifahrer aus den Fernsehspielen der sechziger Jahre (Wolfgang Gruner oder Willi Reichert), so daß ich davon ausgehe, er sei uns nur zugeteilt, um uns vor Belästigungen zu schützen und werde auf gute Kolonialistenart mit ein paar Münzen für seine Mühe abgefunden.

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg
Stattdessen stellt sich heraus, er ist an der TU Stuttgart diplomierter Geologe und Paläontologe (hat dort zehn Jahre gelebt), dazu beeideter Dolmetscher („Ich besitze ein Diplom der HK Düsseldorf!“), leitet seine eigene Sprachenschule bei Tripoli.

Wir tauchen ein in die alte, seit 800 Jahren kaum veränderte Mameluckenstadt, die in etwa den heutigen Souk umfaßt. Nach wenigen Metern schon leiste ich im Geiste Abbitte, denn unser Führer deutet auf eine Treppe, die zwischen zwei Häusern aus dem Souk hinaus und hinaufführt und sagt in fließendem, ganz leicht schwäbelndem Deutsch: „Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Tripoli und Stuttgart. Hier zum Beispiel die Stiegen!“

Oben angekommen, stehen wir vor der Zitadelle Sangil (Saint Gilles) der Kreuzritterburg, die lange Tripoli kontrollierte. Von den Zinnen Rundblick auf die von modernen Hochhäusern wie von Palisaden eingefaßte niedrige, winzige Altstadt. Dunstige Häuserwüste, deren Grau am Horizont irgendwo mit dem Grau des Meeres ineinanderfließt - die Stadt zeigt dem Wasser die kalte Schulter.

Im Moment, da ich die Mauer erklommen habe und über mir nur mehr Himmel ist, beginnt von allen Moscheen der Gebetsruf der Muezzine, so daß mir dort oben fast schwindlig wird in den von überallher auf mich einstürzenden kehlig langgezogenen Rufen, als stünde ich inmitten kreischender Möven auf einer Klippe. Es sind bestimmt zehn, fünfzehn psalmodierende Sänger oder Tonbänder gleichzeitig, deren Melodielinien einander umschlingen, sich ineinander verwirren, wie aus den nahen und ferneren, größeren und kleineren Minaretten wehende endlose bunte Bänder.

Das islamische Pendant zum Beginn von Thomas Manns „Erwähltem“: „Glockenschall, Glockenschwall supra urbem“... Man hat instinktiv das Gefühl, etwas Wichtiges, Erhabenes sei dabei zu geschehen.

Halsbrecherischer Balanceakt von Herrn Kassir auf einem zwanzig Zentimeter breiten Sims zehn Meter über dem Grund, um einen besseren Blick auf den tief unten kanalisiert vorüberfließenden Fluß zu haben - wie die Jugendlichen auf der Felskante in Raouché! Es hat etwas von den Tod herausfordern oder am Bart kraulen, der ein alter Bekannter ist; eine bestimmte Form von Angst, Sicherheitsbedürfnis, Selbsterhaltungstrieb scheint diesen Leuten durch den Krieg abhanden gekommen –
In’ch Allah... auch wenn sie Christen sind oder waren. Ich muß an den Satz seiner Frau denken: „Er ist so fürchterlich draufgängerisch...“

Die Schönheit der Waren im Souk.

Was ist es, das mich in den schmalen, dämmrigen, teils mit Zeltbahnen überspannten, achthundert Jahre alten Gassen, in denen immer einmal wieder romanische Strebebögen einer alten halb vermauerten Kreuzfahrerkirche oder korinthische Säulen emporwachsen und wo unter hohen Gewölben das metallische Geflatter einer Turteltaube widerhallt, in einen solchen Kaufrausch treibt?

Vielleicht mehr als alles andere die Abwesenheit von Verpackungen, die die Dinge zu sich selbst hin befreit. Der Souk ist das Gegenmodell zu unserer hochentwickelten Packaging-Kultur, und seine Verführungskraft sollte ihr zu denken geben. Diese aufsteigenden, einander umschlingenden, sich vereinigenden, sich abstoßenden Düfte, in denen die Lebendigkeit der Ware, ob Apfel oder Holzkästchen gefangen ist, aber auch ihr Ursprung, ihre Herkunft und ihre Herstellung. Das haptische Vergnügen, berühren zu dürfen, sei es die perfekte runde und kühle, zugleich aber zarte Glätte einer Seife aus Olivenöl im Dämmer der Siederei, wo die bunt gefärbten Kugeln ausliegen wie Pfirsiche, sei es die samtige Farbenpracht und Leuchtkraft einer damaszenischen Stoffbahn, deren von Goldfäden durchwirktes Königsblau an die Photos der Erde erinnert, die auf demWeg zum Mond geschossen wurden.
Ja, es ist Erotik. Diese Stoffe über den Arm gleiten zu lassen, diese Seifenkugeln in der Handmuschel zu spüren, diesen Kreuzkümmel einzuatmen, schüttet Endorphine aus.

Nur, wo soll man kaufen?

Schon Elias Canetti fragte sich in seiner unvergleichlichen Schilderung der Souks von Marrakesch, was einen in den Gilden-Gassen, in denen die gleichen Produkte von Dutzenden von Händlern angeboten werden, eher zu dem einen als zu dem anderen treibt. Es müssen ihre Gesichter sein. Da die Stoffe, die Möbel, die Gewürze, die Früchte alle denselben Reiz ausstrahlen, verweilt das Auge des Käufers weniger auf ihnen als auf dem Gesicht und im Blick des Mannes, der zu ihnen gehört, und versucht, aus der Physiognomie, aus dem Mienenspiel, aus den Worten und Gesten auf die Qualität der Waren zu schließen.

Als wir den Souk verlassen, bin ich erschöpft wie nach dem Liebesspiel.

Michael Kleeberg

Michael Kleeberg war Teilnehmer des Projektes "West-östlicher Diwan", das den Austausch von Schriftstellern aus Deutschland und dem islamischen Kulturkreis initiiert. Sein arabischer Partner war der libanesische Lyriker Abbas Beydoun, der sechs Wochen lang als Gast des Wissenschaftskollegs im Oktober/November 2002 in Berlin weilte. Michael Kleeberg erwiderte im Januar 2003 den Besuch mit einer Reise nach Beirut. Aus dieser Zeit stammt das Reisetagebuch. Es wird im Frühjahr 2004 unter dem Titel "Das Tier, das weint" – Libanesisches Reisetagebuch bei DVA (Deutsche Verlags-Anstalt) erscheinen.

Einen Briefwechsel über den Irakkrieg zwischen Kleeberg und Beydoun auf Qantara.de finden Sie hier.


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