Der Westsahara-Konflikt: Die ewig Wartenden
Seit fast 50 Jahren warten die Saharauis auf ein Referendum, das ihnen die Möglichkeit geben soll, über ihre Zukunft und die ihrer Heimat, der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara, zu entscheiden. Als die Spanier 1976 abzogen standen die Chancen für die Unabhängigkeit der Westsahara nicht schlecht – doch schon bald erhob Marokko Anspruch auf das Land und besetzt bis heute Zweidrittel des Territoriums.
Auf der Flucht vor der marokkanischen Armee flohen viele Saharauis über die Grenze nach Algerien, wo sie in der Nähe der Stadt Tindouf Flüchtlingslager gründeten, in denen sie seit beinahe 40 Jahren auf ihre Rückkehr warten. Laura Overmeyer hat sich in den Flüchtlingslagern umgesehen.
Keine Bewegung im Westsaharakonflikt
Seit 1975 kämpfen die Saharaouis für ein unabhängiges Land, ein Territorium an der Atlantikküste Nordwestafrikas, das eine Fläche von 266.000 Quadratkilometer umfasst. 1992 planten die UN ein Referendum über die Unabhängigkeit, das seither immer wieder verschoben worden ist. Der jahrzehntelange Konflikt zwischen Marokko und der Befreiungsfront Frente-Polisario hält weiter an.Annektion und Vertreibung
Spätestens seit der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1956 wurden in der spanischen Kolonie Westsahara erste Forderungen nach Unabhängigkeit laut. 1963 kam der Fall vor den Entkolonialisierungsausschuss der UN, 1967 kündigte Spanien zum ersten Mal die Durchführung eines Referendums an – das jedoch nie stattfand.
Ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 1975 räumte dem Volk der Saharauis, der "Urbevölkerung" der Westsahara, das Recht auf Selbstbestimmung und einen unabhängigen Staat zu, doch kurz vor dem Abzug der Spanier annektierte Marokko große Teile der südlich seiner Grenzen liegenden Gebiete. - Blick auf das Flüchtlingslager El-Ayun Afrikas ''letzte Kolonie''
Der Traum von der Unabhängigkeit ging in 15 Jahren blutiger Kämpfe zwischen der marokkanischen Armee und der saharauischen Frente Polisario unter. 1991 kam es zum Waffenstillstandsabkommen und die UN stationierte Blauhelmsoldaten. Wieder wurde das Wort "Referendum" in den Mund genommen, bis heute jedoch – trotz entsprechender Vorgespräche – ohne Folgen. - Junge Sahrauis auf einer Militärparade der Frente Polisario zum Jahrestag der Ausrufung der "Demokratisch Arabische Republik Westsahara" (DARS), Militärstützpunkt TifaritiEin Staat für das Wüstenvolk
Fragt man einen Saharaui nach seinem größten Wunsch, so wird man hören: ein eigener und unabhängiger Staat. Tatsächlich wurde dieser Staat bereits einmal ausgerufen, nämlich im Jahr 1976, als der Einmarsch der marokkanischen Armee einen Großteil der saharauischen Bevölkerung aus ihrer ursprünglichen Heimat ins "algerische Exil" vertrieben hatte und der 15 Jahre andauernde Widerstandskampf gerade aufflammte. Am 27. Februar verkündete die Frente Polisario, die politisch wie auch militärisch agierende Vertretung der Saharauis, die Gründung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara. - Drei junge Saharaui-Frauen nahe des Flüchtlingslagers El-Ayun nahe der Grenze zu Marokko Status Quo
Die DARS wird international von 50 Staaten anerkannt. Sie ist Mitglied der Afrikanischen Union – was Marokko zum Austritt veranlasste. Sie hat jedoch keinen Sitz bei den Vereinten Nationen. Die UN machen die Aufnahme vom Ergebnis des nach wie vor ausstehenden Referendums abhängig, in dem die einheimische Bevölkerung über seine Zukunft und die der Westsahara entscheiden soll. Die MINURSO-Mission der UN-Soldaten zur Sicherung des Waffenstillstands soll am 30. April 2013 auslaufen. - Drei Frauen auf dem Weg zu ihren Häusern, El-AyunMarokko mauert
Die DARS beansprucht die gesamte Fläche der ehemaligen Kolonie Westsahara, tatsächlich stehen jedoch nur ein Drittel des Gebiets - sowie die Flüchtlingslager auf algerischem Boden - unter ihrer Kontrolle. Die restlichen zwei Drittel, inklusive der lukrativen Phosphatvorkommen und fischreichen Küstengewässer, werden von Marokko kontrolliert. Die "besetzten" und "befreiten" Gebiete, wie die Saharauis sie nennen, werden durch ein von Nord nach Süd durch die Wüste verlaufendes, 2.500 km langes vermintes Mauersystem voneinander getrennt. Marokko versucht, die Städte auf seiner Seite möglichst attraktiv auszubauen und so viele Marokkaner aus dem Norden in den Süden zu locken, um den Anspruch auf das Gebiet zu untermauern. - Eine junge Frau blickt in die Weite der Westsahara.Nostalgie der Namen
Die genaue Anzahl der in den Flüchtlingslagern in der algerischen Westsahara lebenden Saharauis ist nicht bekannt, Schätzungen gehen von ca. 180.000 Menschen aus. Es gibt vier große Lager, benannt nach Städten in den von Marokko besetzten Gebieten: Smara, El-Ayun, Dakhla und Ausserd. Zudem gibt es das kleinere Lager 27. Februar (dessen Name an den Tag der Ausrufung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara erinnern soll) und das Verwaltungszentrum Rabouni, Sitz der Regierung der DARS, welche die Frente Polisario stellt. - Abendstimmung in El-AyunFlüchtlingsstatus
Die Saharauis sind vollkommen von humanitärer Hilfe abhängig, welche ihnen aufgrund ihres Flüchtlingsstatus von UN, EU und einer Reihe NGOs zugestanden wird. Die Versorgung der Flüchtlingslager wird von der Verwaltungszentrale in Rabouni organisiert und von den Bezirksräten in den Lagern umgesetzt. - Drei spielende Kinder im Lager El-AyunLeben möglich machen
Trotz fehlender finanzieller und materieller Mittel verfügen alle Lager über eine gute Infrastruktur. Es gibt Schulen, Kindergärten und ein Verwaltungszentrum. In den näher an Tindouf gelegenen Lagern werden auf einem Markt sogar Lebensmittel, Kleidung und andere notwendige Dinge angeboten. Mobilfunkempfang gibt es beinah überall und in manchen Lagern seit Kurzem sogar Internet. Zudem betreibt die DARS einen eigenen Radio- und Fernsehsender. - Verteilung von Gasflaschen zum Kochen, El-Ayun Alltagsbewältigung
Da nur in seltenen Fällen Anschluss an das algerische Stromnetz besteht, behelfen sich die Menschen in den Lagern mit kleinen Solaranlagen, welche jedoch meist nicht mit einem Regulator ausgestattet sind und deshalb meist nur eine Lebensdauer von zwei Stunden pro Tag haben. Gekocht wird mit meist Gas. - Typische Behausung: drei kleine Gebäude und eine Mauer umfassen einen Innenhof in El-AyunQual der Wahl
Das größte Problem in den Flüchtlingslagern stellt das Fehlen von Arbeitsplätzen und wirtschaftlichen Möglichkeiten dar. Die Saharauis haben die Wahl: Bleiben sie in den Lagern, so ist ein Entkommen aus Armut und Perspektivlosigkeit kaum möglich, beginnen sie jedoch ein neues Leben im Ausland, so lassen sie ihr Volk im Stich geben den gemeinsamen Traum von einem eigenen Land auf. - Ein saharauisches Mädchen im Flüchtlingscamp El-AyunWochenendbeziehung
Das alltägliche Leben in den Flüchtlingslagern wird vor allem von Frauen und Kindern bestimmt. Aufgrund des Arbeitsplatzmangels in den Lagern sind die meisten Männer bei der Verwaltung in Rabouni oder in der Armee beschäftigt und können ihre Familien nur an freien Tagen besuchen. Viele Männer arbeiten und leben zudem im Ausland - Eine Gruppe Saharaoui-Frauen in SmaraStarke Frauen
Als die Flüchtlingslager in den 1970er Jahren errichtet wurden, war der Kampf der Polisario gegen die marokkanische Armee in vollem Gange. So gut wie alle Männer waren in den Konflikt eingebunden und so lag es an den Frauen, das Leben in den Familien und auch im Lager zu organisieren. Diese emanzipierte Stellung nehmen die saharauischen Frauen bis heute ein. Die Bezirksräte der Lager werden zu 90 Prozent von Frauen gestellt und die wenigen Arbeitsstellen in den Lagern werden oft von Frauen besetzt. Sie unterrichten beispielsweise als Lehrerinnen an den Schulen. - Versammlung der Frauen eines Viertels im Flüchtlingslager El-AyunMiteinander
Da die Frauen stark in die gesellschaftlichen und politischen Lagerstrukturen eingebunden sind, werden die Kinder von Anfang an im Haushalt und bei der Erziehung der Geschwister benötigt. Zur Alltagsbewältigung ist gegenseitige Unterstützung unerlässlich. - Zwei Schwestern spielen mit ihrem Cousin auf einem Wüstenhügel bei El-AyunWertvolle Bildung
Sahrauische Kinder erhalten in den Lagern eine gute schulische Grundausbildung bis zur Mittelstufe. Vor allem Frauen unterrichten, die jedoch selten eine Bezahlung für ihre Tätigkeit erhalten. Hocharabisch, Spanisch und Englisch gehören ebenso zum Lehrplan wie die Geschichte der Westsahara. - Unterricht an einer Schule in El-AyunEntwurzelt
Das Gefühl in der saharauischen "Schicksalsgemeinschaft" zusammenzugehören erlebt und verinnerlicht man in den Lagern von Kindesbeinen an. - Zwei spielende Jungen in DakhlaÜberqualifizierung
Viele Jugendliche gehen nach Beendigung der Schule ins Ausland, meist nach Algerien oder Spanien, um das Abitur, eine Ausbildung und gegebenenfalls ein Studium zu absolvieren. Oft kehren sie zu ihren Familien zurück und finden mit ihrer überqualifizierten Ausbildung in den Lagern keine Beschäftigung. - Täglich wird vor und nach der Schule die saharauische Flagge gesetzt und hereingeholt, El-AyunKulturelle Identität
Der Verlust ihrer heimatlichen Wurzeln lässt die Sahrauis um so mehr an ihren kulturellen Wurzeln festhalten. Immer wieder wird die Einmaligkeit der saharauischen Kultur betont, welche sich beispielsweise im sahrauischen Arabisch-Dialekt (Hassania), der spezifischen Kleidung der Frauen (der so genannten Mhelfa) oder der ganz eigenen, von afrikanischen und spanischen Klängen durchwirkten Musik zeigt. Die Sahrauis sind Muslime, leben jedoch keinen besonders dogmatischen Islam. - Eine junge Frau trommelt und singt während einer Hochzeit in El-AyunNomadisches Erbe
Ein eindeutiges Überbleibsel der beduinischen Vorfahren ist die Gastfreundlichkeit: Nachbarn, Freunde, Familie oder auch Fremde sind – trotz aller Armut – immer gerne gesehen. Jeder Besuche gibt Anlass für eine besonders wichtige saharauische Zeremonie: die Zubereitung des Tees. Mehrmals täglich wird der stark gezuckerte Grüne Tee gereicht – was meist sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, denn pro Tee gibt es drei Aufgüsse. Die Sahrauis sagen: Das erste Glas ist bitter wie das Leben, das zweite Glas süß wie die Liebe, das dritte sanft wie der Tod. - Teezubereitung in einer Behausung in El-Ayun Kampfeswille
Die Verfahrenheit der Situation, der Stillstand jeglicher Verhandlungen, die Armut und die hohe Arbeitslosigkeit haben unter den Saharauis eine Stimmung der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aufkommen lassen. Tatsächlich wären viele sogar bereit, für ihre Rechte gegen Marokko zu kämpfen, wohl wissend, dass sie mit Kamelen nichts gegen Panzer ausrichten können. - Militärparade der Frente Polisario zum Jahrestag der Gründung der DARS im Militärstützpunkt TifaritiHoffnung?
Es ist erstaunlich, wie zuversichtlich die Menschen in den Lagern auf den ersten Blick wirken. Doch kratzt man an der Oberfläche, so kommen schnell Perspektivlosigkeit, Resignation und auch Wut zu Tage. Der Konflikt um die Westsahara scheint im Westen ein vergessener zu sein – doch die Sahrauis leben tagtäglich mit ihm und der Gedanke an ihr Los ist ihr ständiger Begleiter. Vor allem die junge Generation leidet: hin und hergerissen zwischen dem Wunsch nach jenem "verlorenen Land", das sie nie gesehen haben, der Pflicht gegenüber der Familie und einem gewissen Realitätssinn, der ihnen sagt, dass ihre Zukunft nicht in diesem trockenen Stück Wüste liegen kann. - Junges Sahraui-Mädchen bei El-Ayun
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