Demokratie und Zivilgesellschaft

Wahlen im Irak; Foto: AP

Demokratie und Zivilgesellschaft

Im Westen wird häufig die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie gestellt. Für viele Intellektuelle in islamisch geprägten Ländern hingegen verhindert nicht die Religion eine Demokratisierung ihrer Gesellschaften. Sie machen eher die Angst der Regierenden vor einem Machtverlust, Korruption und Vetternwirtschaft verantwortlich. weiter...


Interview mit der tunesischen Oppositionspolitikerin Maya Jribi

''Wir brauchen ein Gleichgewicht der politischen Kräfte''

Ein Jahr nach der Revolution regiert in Tunesien eine Koalition dreier Parteien: Ennahda, Ettakatol und der Kongress für die Republik. Die PDP, die schon unter Ben Ali in der Opposition war, findet sich auch nach den ersten demokratischen Wahlen in der Opposition wieder.

Maya Jribi: Wir müssen es leider ganz klar sagen: Die PDP hat eine Niederlage erlitten – das hatten weder ihre Anhänger, noch die Öffentlichkeit oder gar die politische Klasse erwartet.

Worin sehen Sie die Ursachen für diese Wahlniederlage?

Jribi: Um wirklich dauerhaft mit den Bürgern in Kontakt zu sein, braucht man einen ganzen Parteiapparat, und den haben wir nicht, da wir unter der Diktatur unterdrückt und immer in der Opposition waren. Außerdem haben wir falsch kommuniziert. Wir konnten unsere Überzeugungen in Identitätsfragen und im sozialen und politischen Bereich nicht vermitteln. Wir haben jetzt unsere Fehler analysiert und sind nun dabei, uns neu auszurichten.

Warum hat sich die PDP erst jetzt zur Fusion mit den anderen Parteien entschlossen und nicht bereits vor den Wahlen?

Jribi: Das war ein politischer Wachstumsprozess, der stattfinden musste. Nach den Wahlen haben alle Parteien Bilanz gezogen und unsere wichtigste Schlussfolgerung ist, dass wir, um wirklich eine Republik in Tunesien aufzubauen, zusammenarbeiten müssen. Jedes republikanische System basiert darauf, dass es Machtwechsel gibt. Deshalb brauchen wir ein Gleichgewicht der politischen Kräfte. Wir sind daher dazu aufgerufen, eine Front zu bilden, die die Erwartungen weiter Teile der tunesischen Gesellschaft repräsentiert und ein Machtgleichgewicht garantiert.

Die Parteien und ihre Mitglieder, mit denen wir uns jetzt zusammenschließen, stehen mir genauso nahe wie die Mitglieder der PDP. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Zusammenschluss positiv ist. Er wird eine Lawine auslösen und dafür sorgen, dass sich nicht nur im politischen Bereich sondern auch in der Zivilgesellschaft viele kleine Gruppen zusammenschließen. Tunesien hat so viele Kompetenzen, und die Revolution macht es möglich, diese auch zu nutzen.

Kann der demokratische Übergang mit der amtierenden Koalitionsregierung aus Ennahdha, Ettakatol und dem Kongress für die Republik gelingen?

Jribi: Ich habe immer dafür gekämpft, den moderaten politischen Islam mit einzubeziehen. Ohne die moderaten Kräfte dieser Bewegung wird es in Tunesien keine wahre Demokratie geben. Dass nach einer Revolution alle Parteien, die sich an die demokratischen Spielregeln halten, auch an der demokratischen Transition mitwirken, haben wir immer gefordert.

Allerdings finde ich die jetzige Koalition nicht normal: Innerhalb dieser Troika gibt es Parteien, die eigentlich uns, den Kräften der Mitte, nahe stehen, vor allem was ihre gesellschaftlichen Positionen angeht, und die jetzt aus politischem Kalkül und Machtwillen eine Koalition mit Ennahda eingegangen sind. Das verurteile ich aus meiner persönlichen Überzeugung heraus, aber politisch gesehen ist es natürlich legitim.

Allerdings ist die daraus resultierende Vormachtstellung Ennahdas bedenklich. Ein Beispiel ist die provisorische Regelung der staatlichen Machtverteilung, also quasi die Mini-Verfassung, die uns bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung begleitet.

Sie soll die Gewaltenteilung sichern, doch Ennahda hat mit Unterstützung ihrer Koalitionspartner und der daraus resultierenden Mehrheit dafür gesorgt, dass die Macht beim Premierminister liegt. Vor dem 14. Januar lag die ganze Macht beim Präsidenten, jetzt liegt die ganze Macht beim Premierminister. Wir müssen daher auf dem Weg zur Demokratie noch einige Hindernisse überwinden.

Was sind die großen Herausforderungen, vor denen Tunesien jetzt steht?

Jribi: Das Jahr 2012 wird sehr schwierig werden. Ohne soziale Verbesserungen kann eine Revolution keinen Erfolg haben. Und die Tatsache, dass die Regierung in dieser Hinsicht viele Fehler begeht, dass die verschiedenen sozialen Gruppen sich nicht ernst genommen fühlen, dass ihre Forderungen nicht gehört werden, sorgt dafür, dass die Situation noch explosiver wird.

Außerdem haben die Parteien viel zu große Wahlversprechen gemacht. Die Bevölkerung hat auf ein Wunder gehofft, das es nicht gibt. Aber wir brauchen Stabilität, um Investoren anzuziehen und die Wirtschaft voranzubringen.

Doch solange das Land instabil ist, werden die Investoren nicht kommen. Der Tourismus läuft – vorsichtig ausgedrückt – nur schleppend wieder an. Zudem müssen viele Firmen wegen andauernder Streiks und Sit-Ins schließen. Die Regierung muss dringend reagieren, bevor die Situation explodiert, denn sonst steht bald die demokratische Entwicklung des Landes auf dem Spiel.

In Tunesien lässt sich eine zunehmende Spaltung zwischen traditionellen, religiösen sowie modernistischen Kräften beobachten. Wie schätzen sie die gegenwärtige Entwicklung ein?

 

Jribi: Wir sollten keine Panikmache betreiben. Die Revolution hat alle Kräfte befreit, darunter auch die radikalen. Ich glaube, dass eine überwiegende Mehrheit der Tunesier kulturell gesehen der Mitte der Gesellschaft angehört. Der Islam ist, und davon bin ich überzeugt, eine zentristische Religion, und Tunesien hat so viele reformistische, moderate kulturelle und politische Strömungen erlebt.

Ich denke daher, dass wir fest in dieser modernen, nach vorne gewandten, offenen und toleranten Tradition des Islams verankert sind. Ich und meine Parteien sehen uns dieser Strömung verpflichtet. Unter den Salafisten gibt es friedliche Strömungen und andere, die sich ins Privatleben der Bürger einmischen und die individuellen Freiheiten nicht respektieren. Wenn die Regierung vor diesen Extremisten nicht die Augen verschließt und die Zivilgesellschaft ihre Rolle einnehmen kann, dann wird diese Strömung klein bleiben und muss sich dem Recht beugen.

Interview: Sarah Mersch

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Ein Jahr nach der Revolution regiert in Tunesien eine Koalition dreier Parteien: Ennahda, Ettakatol und der Kongress für die Republik. Die PDP, die schon unter Ben Ali in der Opposition war, findet sich auch nach den ersten demokratischen Wahlen in der Opposition wieder.

Maya Jribi: Wir müssen es leider ganz klar sagen: Die PDP hat eine Niederlage erlitten – das hatten weder ihre Anhänger, noch die Öffentlichkeit oder gar die politische Klasse erwartet.

Worin sehen Sie die Ursachen für diese Wahlniederlage?

Jribi: Um wirklich dauerhaft mit den Bürgern in Kontakt zu sein, braucht man einen ganzen Parteiapparat, und den haben wir nicht, da wir unter der Diktatur unterdrückt und immer in der Opposition waren. Außerdem haben wir falsch kommuniziert. Wir konnten unsere Überzeugungen in Identitätsfragen und im sozialen und politischen Bereich nicht vermitteln. Wir haben jetzt unsere Fehler analysiert und sind nun dabei, uns neu auszurichten.

Warum hat sich die PDP erst jetzt zur Fusion mit den anderen Parteien entschlossen und nicht bereits vor den Wahlen?

Jribi: Das war ein politischer Wachstumsprozess, der stattfinden musste. Nach den Wahlen haben alle Parteien Bilanz gezogen und unsere wichtigste Schlussfolgerung ist, dass wir, um wirklich eine Republik in Tunesien aufzubauen, zusammenarbeiten müssen. Jedes republikanische System basiert darauf, dass es Machtwechsel gibt. Deshalb brauchen wir ein Gleichgewicht der politischen Kräfte. Wir sind daher dazu aufgerufen, eine Front zu bilden, die die Erwartungen weiter Teile der tunesischen Gesellschaft repräsentiert und ein Machtgleichgewicht garantiert.

Die Parteien und ihre Mitglieder, mit denen wir uns jetzt zusammenschließen, stehen mir genauso nahe wie die Mitglieder der PDP. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Zusammenschluss positiv ist. Er wird eine Lawine auslösen und dafür sorgen, dass sich nicht nur im politischen Bereich sondern auch in der Zivilgesellschaft viele kleine Gruppen zusammenschließen. Tunesien hat so viele Kompetenzen, und die Revolution macht es möglich, diese auch zu nutzen.

Kann der demokratische Übergang mit der amtierenden Koalitionsregierung aus Ennahdha, Ettakatol und dem Kongress für die Republik gelingen?

Jribi: Ich habe immer dafür gekämpft, den moderaten politischen Islam mit einzubeziehen. Ohne die moderaten Kräfte dieser Bewegung wird es in Tunesien keine wahre Demokratie geben. Dass nach einer Revolution alle Parteien, die sich an die demokratischen Spielregeln halten, auch an der demokratischen Transition mitwirken, haben wir immer gefordert.

Allerdings finde ich die jetzige Koalition nicht normal: Innerhalb dieser Troika gibt es Parteien, die eigentlich uns, den Kräften der Mitte, nahe stehen, vor allem was ihre gesellschaftlichen Positionen angeht, und die jetzt aus politischem Kalkül und Machtwillen eine Koalition mit Ennahda eingegangen sind. Das verurteile ich aus meiner persönlichen Überzeugung heraus, aber politisch gesehen ist es natürlich legitim.

Allerdings ist die daraus resultierende Vormachtstellung Ennahdas bedenklich. Ein Beispiel ist die provisorische Regelung der staatlichen Machtverteilung, also quasi die Mini-Verfassung, die uns bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung begleitet.

Sie soll die Gewaltenteilung sichern, doch Ennahda hat mit Unterstützung ihrer Koalitionspartner und der daraus resultierenden Mehrheit dafür gesorgt, dass die Macht beim Premierminister liegt. Vor dem 14. Januar lag die ganze Macht beim Präsidenten, jetzt liegt die ganze Macht beim Premierminister. Wir müssen daher auf dem Weg zur Demokratie noch einige Hindernisse überwinden.

Was sind die großen Herausforderungen, vor denen Tunesien jetzt steht?

Jribi: Das Jahr 2012 wird sehr schwierig werden. Ohne soziale Verbesserungen kann eine Revolution keinen Erfolg haben. Und die Tatsache, dass die Regierung in dieser Hinsicht viele Fehler begeht, dass die verschiedenen sozialen Gruppen sich nicht ernst genommen fühlen, dass ihre Forderungen nicht gehört werden, sorgt dafür, dass die Situation noch explosiver wird.

Außerdem haben die Parteien viel zu große Wahlversprechen gemacht. Die Bevölkerung hat auf ein Wunder gehofft, das es nicht gibt. Aber wir brauchen Stabilität, um Investoren anzuziehen und die Wirtschaft voranzubringen.

Doch solange das Land instabil ist, werden die Investoren nicht kommen. Der Tourismus läuft – vorsichtig ausgedrückt – nur schleppend wieder an. Zudem müssen viele Firmen wegen andauernder Streiks und Sit-Ins schließen. Die Regierung muss dringend reagieren, bevor die Situation explodiert, denn sonst steht bald die demokratische Entwicklung des Landes auf dem Spiel.

In Tunesien lässt sich eine zunehmende Spaltung zwischen traditionellen, religiösen sowie modernistischen Kräften beobachten. Wie schätzen sie die gegenwärtige Entwicklung ein?

 

Jribi: Wir sollten keine Panikmache betreiben. Die Revolution hat alle Kräfte befreit, darunter auch die radikalen. Ich glaube, dass eine überwiegende Mehrheit der Tunesier kulturell gesehen der Mitte der Gesellschaft angehört. Der Islam ist, und davon bin ich überzeugt, eine zentristische Religion, und Tunesien hat so viele reformistische, moderate kulturelle und politische Strömungen erlebt.

Ich denke daher, dass wir fest in dieser modernen, nach vorne gewandten, offenen und toleranten Tradition des Islams verankert sind. Ich und meine Parteien sehen uns dieser Strömung verpflichtet. Unter den Salafisten gibt es friedliche Strömungen und andere, die sich ins Privatleben der Bürger einmischen und die individuellen Freiheiten nicht respektieren. Wenn die Regierung vor diesen Extremisten nicht die Augen verschließt und die Zivilgesellschaft ihre Rolle einnehmen kann, dann wird diese Strömung klein bleiben und muss sich dem Recht beugen.

Interview: Sarah Mersch

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de
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Demonstranten in Kairo verlangen im Februar 2011 den Regimewechsel; Foto: AP Interview mit Hamid Dabashi

''Die Idee der Demokratie wird jetzt von anderen neu definiert''

Nach Ansicht des amerikanisch-iranischen Intellektuellen Hamid Dabashi gehen die USA und Europa, aber auch der Iran und seine Verbündeten als Verlierer aus der geopolitischen Neuordnung hervor, die die arabischen Revolutionen ausgelöst haben. Miriam Shabafrouz sprach mit ihm in London. weiter »


Nilüfer Göle; Foto: picture alliance/ZB Interview mit der türkischen Soziologin Nilüfer Göle

Was für die türkische Demokratie auf dem Spiel steht

Die Türkei steht heute vor einschneidenden Entscheidungen: Es geht um die Frage, wie sie mit der Vielzahl heterogener Identitäten im eigenen Land umgeht und welche Rolle sie als Modell aufstrebender Demokratien im Nahen Osten einnehmen könnte. Darüber hat sich Juliana DeVries mit der Soziologin unterhalten. weiter »


Ägyptische Demonstranten während der Revolution vom 25. Januar in Kairo; Foto: AP Demokratie und Rechtstaatlichkeit in Ägypten

Impuls für eine ''Revolution der Vernunft''

Genau wie die Revolution von 1919 steht auch der diesjährige Volksaufstand vom 25. Januar für einen epochalen Wandel, der die Chance eröffnet, eine moderne Kultur der Rechtstaatlichkeit wieder in das kollektive Bewusstsein der Ägypter zu rufen, meint der ägyptische Publizist Azmi Ashour. weiter »


Arabisch-Europäischer Menschenrechtsdialog

''Kultur der Straflosigkeit überwinden''

Die Bekämpfung der Folter und die Herrschaft des Rechts war das diesjährige Thema des 6. Arabisch-Europäischen Menschenrechtsdialogs in Berlin. Drei Tage lang berieten die Vertreter von 14 Menschenrechtsinstitutionen aus arabischen und europäischen Ländern, was zu tun sei, um die Anwendung der Folter zu bannen.

Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte stellte auf der Konferenz fest, dass wie stark doch Folter mit einer Kultur von Straflosigkeit in den Ländern zu tun habe, die wirklich überwunden werden müsse. Oft seien über Jahrzehnte hinweg die entscheidenden politischen Akteure oder die unterdrückenden Akteure nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Um diese Kultur der Straflosigkeit zu überwinden müsse daher vor allem die Erziehung beeinflusst und verändert werden, erklärte Jonas Christoffersen, Exekutiv-Direktor des dänischen Menschenrechtsinstituts:

"Es ist sehr wichtig, dass alle Akteure in den staatlichen Einrichtungen sich bewusst sind, dass Folter verboten ist", so Christoffersen. "Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Folter ein Verbrechen ist und dass sie unter keinen Umständen von ihren Vorgesetzten dazu gezwungen werden dürfen, zu foltern. Das sollte in der Erziehung und im öffentlichen Bewusstsein verankert werden."

Menschenrechtsinstitutionen stärken

In einer gemeinsamen Berliner Erklärung riefen die Teilnehmer des Menschenrechtsdialogs die Regierungen auf, die nationalen Menschenrechtsinstitutionen zu stärken. In Ländern, die noch keine unabhängigen Menschenrechtsinstitutionen hätten, wie der Jemen und Kuwait, müssten solche dringend geschaffen werden.

Solche Institutionen spielten eine wichtige Rolle, vor allem in Zeiten des Umbruchs, wie sie die arabische Welt derzeit erlebe, sagte Muhyieddeen Shaban Touq, Direktor des "National Centre for Human Rights" aus Jordanien. "Die arabische Welt durchläuft derzeit fundamentale Veränderungen, die die Region zu einer demokratischeren Region machen werden, in der die Herrschaft des Rechts, der Respekt vor Menschenrechten, gute Regierungsführung und der Kampf gegen die Korruption vorherrschen."

Er hoffe, dass dies dazu führen werde, dass man in Europa die Vorurteile gegen Araber und Muslime ablege und sie als Menschen ansehe, die Freiheit und Frieden anstrebten.

Sorgen mache man sich in der Region wegen der restriktiven europäischen Flüchtlingspolitik, denn "solche Maßnahmen werden nur das Leid und das Elend von Flüchtlingen vermehren, die ihre Länder verlassen haben wegen der weit verbreiteten Feindseligkeiten und der sich verschlimmernden Lebensumstände, der Arbeitslosigkeit und der Bedrohungen für das Leben und die Existenz wie in Libyen, Syrien, Jemen und in geringerem Ausmaß in anderen arabischen Ländern", so Touq.

Der Revolutionen und Revolten in der arabischen Welt spielten während der Beratungen in Berlin eine große Rolle. Vertreter aus Tunesien und Ägypten berichteten über die Entwicklungen in ihren Ländern. Vor allem in Ägypten gibt es auch nach dem Sturz von Mubarak noch Berichte über Folter und Willkür der Sicherheitskräfte.

Bettina Marx

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Die Bekämpfung der Folter und die Herrschaft des Rechts war das diesjährige Thema des 6. Arabisch-Europäischen Menschenrechtsdialogs in Berlin. Drei Tage lang berieten die Vertreter von 14 Menschenrechtsinstitutionen aus arabischen und europäischen Ländern, was zu tun sei, um die Anwendung der Folter zu bannen.

Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte stellte auf der Konferenz fest, dass wie stark doch Folter mit einer Kultur von Straflosigkeit in den Ländern zu tun habe, die wirklich überwunden werden müsse. Oft seien über Jahrzehnte hinweg die entscheidenden politischen Akteure oder die unterdrückenden Akteure nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Um diese Kultur der Straflosigkeit zu überwinden müsse daher vor allem die Erziehung beeinflusst und verändert werden, erklärte Jonas Christoffersen, Exekutiv-Direktor des dänischen Menschenrechtsinstituts:

"Es ist sehr wichtig, dass alle Akteure in den staatlichen Einrichtungen sich bewusst sind, dass Folter verboten ist", so Christoffersen. "Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Folter ein Verbrechen ist und dass sie unter keinen Umständen von ihren Vorgesetzten dazu gezwungen werden dürfen, zu foltern. Das sollte in der Erziehung und im öffentlichen Bewusstsein verankert werden."

Menschenrechtsinstitutionen stärken

In einer gemeinsamen Berliner Erklärung riefen die Teilnehmer des Menschenrechtsdialogs die Regierungen auf, die nationalen Menschenrechtsinstitutionen zu stärken. In Ländern, die noch keine unabhängigen Menschenrechtsinstitutionen hätten, wie der Jemen und Kuwait, müssten solche dringend geschaffen werden.

Solche Institutionen spielten eine wichtige Rolle, vor allem in Zeiten des Umbruchs, wie sie die arabische Welt derzeit erlebe, sagte Muhyieddeen Shaban Touq, Direktor des "National Centre for Human Rights" aus Jordanien. "Die arabische Welt durchläuft derzeit fundamentale Veränderungen, die die Region zu einer demokratischeren Region machen werden, in der die Herrschaft des Rechts, der Respekt vor Menschenrechten, gute Regierungsführung und der Kampf gegen die Korruption vorherrschen."

Er hoffe, dass dies dazu führen werde, dass man in Europa die Vorurteile gegen Araber und Muslime ablege und sie als Menschen ansehe, die Freiheit und Frieden anstrebten.

Sorgen mache man sich in der Region wegen der restriktiven europäischen Flüchtlingspolitik, denn "solche Maßnahmen werden nur das Leid und das Elend von Flüchtlingen vermehren, die ihre Länder verlassen haben wegen der weit verbreiteten Feindseligkeiten und der sich verschlimmernden Lebensumstände, der Arbeitslosigkeit und der Bedrohungen für das Leben und die Existenz wie in Libyen, Syrien, Jemen und in geringerem Ausmaß in anderen arabischen Ländern", so Touq.

Der Revolutionen und Revolten in der arabischen Welt spielten während der Beratungen in Berlin eine große Rolle. Vertreter aus Tunesien und Ägypten berichteten über die Entwicklungen in ihren Ländern. Vor allem in Ägypten gibt es auch nach dem Sturz von Mubarak noch Berichte über Folter und Willkür der Sicherheitskräfte.

Bettina Marx

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de weiter »


Demonstrantin in Kairo nach dem Sturz Mubaraks; Foto: AP Frauenrechte im postrevolutionären Ägypten

Eine zweite Revolte für Scheherazades Töchter

Frauen markierten in den Tagen der ägyptischen Revolte unübersehbar Präsenz – unbehelligt von den sonst im Land so häufigen sexuellen Belästigungen. Aber seit dem Abgang Mubaraks, schreibt die Schriftstellerin Mansura Eseddin, scheint sich das Blatt wieder gegen die Ägypterinnen zu wenden. Von Mansura Eseddin weiter »


Anti-Mubarak-Demonstartion in Kairo; Foto: dapd Interview mit der ägyptischen Schriftstellerin May Telmissany

Für Säkularität und Zivilgesellschaft

Um nicht den Islamisten das Feld zu überlassen, setzen sich zahlreiche ägyptische Aktivisten und Intellektuelle für die Errichtung eines zivilen, säkularen Staates ein. Unter ihnen ist auch die Schriftstellerin May Telmissany. Ein Interview von Samir Grees weiter »


Mann und Frau bei Stimmabgabe während der irakischen Parlamentswahlen; Foto: AP Blockierte Demokratie in der arabischen Welt

Unheilvolle Allianzen

Ob Saudi-Arabien, Libyen oder Ägypten: Die Jahrzehnte alten Allianzen westlicher Regierungen mit arabischen Autokraten ignorierten bisher das eklatante Defizit an Demokratie in der Region. Doch eine Demokratisierung würde zum Aufstieg von unliebsamen islamistischen Bewegungen führen, schreibt der arabische Medienwissenschaftler Khaled Hroub. weiter »


Blick auf die Altstadt von Sanaa; Foto: dpa Brian Whitaker: ''Was läuft wirklich falsch im Nahen Osten''

Lizenz zur Unterdrückung

In seinem neuesten Buch analysiert der britische Journalist Brian Whitaker das, was man auch als "arabische Krankheit" bezeichnet. Er glaubt, dass die repressiven Reflexe der arabischen Regime bereits so verinnerlicht sind, dass sie die gesamten Gesellschaften durchdringen. Von James Dorsey weiter »


Interview mit Behrooz Ghamari-Tabrizi

Erosion eines islamischen Dogmas

Khomeinis Staatsmodell der "Herrschaft der Rechtsgelehrten" führte letztlich nicht zur beabsichtigten Islamisierung der iranischen Gesellschaft, sondern zu einer Transformation des Islam, wie der iranische Soziologe Behrooz Ghamari-Tabrizi meint. Mona Sarkis hat sich mit ihm unterhalten.

Herr Professor Ghamari-Tabrizi, inwiefern manifestiert sich ein Widerspruch zwischen den religiös-politischen Ansprüchen des Klerus und der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Islamischen Republik?

Behrooz Ghamari-Tabrizi: Dafür möchte ich einige Beispiele anführen: Gemäß traditioneller islamischer Rechtsprechung ist Abtreibung verboten und nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Realiter aber treiben rund 90.000 Iranerinnen jährlich illegal ab. Der Staat war schließlich gezwungen, die Gesetze zu lockern, was 2007 auch geschah. Abtreibungen waren fortan nicht nur bei der Gefährdung der Mutter erlaubt, sondern auch, wenn der Fötus Missbildungen aufwies und die Eltern belegen konnten, dass sie den Bedürfnissen dieses Kindes finanziell nicht gerecht werden.

Ein weiteres Beispiel ist der staatliche Plan zur Senkung des Bevölkerungswachstums. Mitte der 1980er Jahre hatte der Iran mit einem Bevölkerungswachstum von 3,6 Prozent eine der weltweit höchsten Zuwachsraten – vor allem dank der Propagierung der traditionellen islamischen Gesetzgebung, die Verhütung und Familienplanung ablehnt. Die Islamische Republik erkennt aber, dass sie nicht über die Ressourcen für die kommenden Generationen verfügt und startete in den 1990er Jahren ein radikales Gegenprogramm: Neben der Verteilung kostenloser Verhütungspillen und Kondome führten sie 1996 eine obligatorische "Sexualitäts-Ausbildungslizenz" für Paare ein, die heiraten wollten. Es wurde über Verhütung aufgeklärt und das Modell einer Familie mit maximal zwei Kindern propagiert.

Zudem errichteten sie landesweit 200.000 Gesundheitshäuser, in denen junge Paare in Familienplanung unterrichtet wurden. Anschließend sollten sie ihr Wissen an ihre Gemeinden weitergeben. Innerhalb von zehn Jahren wurde so die Wachstumsrate auf 1,2 Prozent gesenkt. Das ist weltweit beispiellos. Weil die Regierung diese Vorgaben in der Bevölkerungspolitik umsetzen musste, begann das hochrangige klerikale Establishment den Mullahs die Propagierung der an sich unislamischen Verhütung voranzutreiben. Das ist Pragmatismus pur.

Das bedeutet also eine gewisse Unterordnung der religiös-doktrinären Vorstellungen sowie Anpassungen an die Erfordernisse der Gesellschaft. Rührt dies nicht grundsätzlich an den Prinzipien der Islamischen Republik?

Ghamari-Tabrizi: Die Islamische Revolution beendete das säkulare System, doch gleichzeitig wurde das islamische Dogma ständig hinterfragt und an der politischen Realität gemessen. Infolgedessen sehen wir weit weniger eine Islamisierung der Gesellschaft als vielmehr eine Transformation des Islam. Dies war keineswegs eine beabsichtigte Folge der Islamischen Revolution, aber meines Erachtens sehr weitreichend hinsichtlich der Auswirkungen...

…was zweifelsohne dann auch zu enormen innerklerikalen und religiös-politischen Grabenkämpfen führte?

Ghamari-Tabrizi: Die Verwirrung war enorm und ist es noch heute. Ich erinnere mich an einen sehr bezeichnenden Vorfall: Als Ruhollah Khomeini 1988 den Schlichtungsrat ins Leben rief, um zwischen dem religionsfokussierten Wächterrat und dem staatlichen Parlament zu vermitteln, erklärte ihm Ayatollah Emami Kashani, der sowohl dem Wächter-, als auch dem Schlichtungsrat angehörte: "Ich bin so frustriert und verwirrt. Morgens prüfe ich im Wächterrat, ob die Interessen des Islam gewahrt werden und abends prüfe ich im Schlichtungsrat, ob die Interessen des Staates gewahrt werden. Wo liegt nun die Priorität?" Khomeini erwiderte: "Wenn es Abend wird, dann vergiss Deine Rolle am nächsten Morgen!"

Khomeini hat einen Prozess in Gang gesetzt, der äußerst schwer kontrollierbar ist. Das Wort "Säkularisierung" benutzte bereits 1981 Ayatollah Bayat, als er Khomeini prophezeite, dass die Politisierung des Islam in eine "säkulare" Sichtweise münden würde. Noch ein anderes Beispiel demonstriert, wie weit Khomeini ging:

Als 1988 ein arbeitnehmerfreundliches, aber investitionsfeindliches Arbeitsrecht erlassen wurde, wurde er kritisiert, weil der Islam Privateigentum und Investitionen sehr wohl respektiert und er an diesem Credo nichts ändern könne. Seine Antwort: Nach der Revolution sei die islamische Staatsführung das primäre Glaubensbekenntnis des Islam. Das hatte er bereits zwei Jahre nach der Revolution dem damaligen Parlamentssprecher geschrieben: "Der einzige, der entscheidet, was Islam ist und was nicht, ist das mit einer Zweidrittelmehrheit gewählte Parlament."

Welche langfristigen Folgen hatte diese Entwicklung für die iranische Gesellschaft? Löste dies eine gewisse religiöse Liberalität aus?

Ghamari-Tabrizi: Das kommt darauf an, wie man Religiosität definiert. Der Westen nimmt vor allem die Hauptstadt Teheran mit seinen modisch gekleideten jungen Männern mit ihren gegelten Haaren oder Frauen mit üppigem Make-Up wahr. Aber selbst unter diesen jungen Leuten verrichten viele ihre täglichen Gebete. Der schiitische Islam ist vor allem ein iranischer Islam und völlig anders als der arabisch-sunnitische. Beispielsweise erklärt jeder in der islamischen Welt seine Feiertage zu den wichtigsten, außer den Iranern.

Ihr Neujahresfest fällt in den Frühling und geht auf eine Kultur aus der Zeit der Achämeniden (559-330 v.Chr.) zurück, in der der Frühling eine besondere wirtschaftliche Relevanz besaß. Präislamische, paganische Riten spielen also nach wie vor eine zentrale Rolle. Dem Westen und den Sunniten erscheint das alles widersprüchlich, aber nicht den Iranern.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sunnismus und Schiismus ist, dass Letzterer den "Idschtihad" betont, die laufende Neuinterpretation von Koran und Sunna. Ist das auch ein Grund dafür, weshalb in den arabisch-sunnitischen Ländern von diesem pragmatischen Umgang mit Religion so wenig zu sehen ist?

Ghamari-Tabrizi: Die Schia erklärte nie das "Tor zum Idschtihad" für geschlossen. Und sie kennt eine klare klerikale Hierarchie, was den Fatwas schiitischer Geistlicher viel mehr Gewicht verleiht als denen ihrer sunnitischen Kollegen. Entscheidend aber ist die Vermengung von Politik und Religion im Iran. Sie stellt den Islam in einen fortdauernden Referenzrahmen für sozialpolitische Entscheidungen. Dies ist eine Ironie, die alles auf den Kopf stellt: In den arabischen Staaten, die offiziell säkular sind, gibt es letzten Endes weit weniger Spielräume für eine innovative, kreative islamische Rechtsprechung als im selbsterklärt islamischen Iran, das seit 1979 – gleichgültig unter welcher Regierung – mit einer ungeheuer lebendigen Hermeneutik der Islaminterpretation aufwartet.

Interview: Mona Sarkis

© Qantara.de 2009

Behrooz Ghamari-Tabrizi ist Professor für Geschichte und Soziologie an der University of Illinois, Urbana-Champaign. 2008 erschien sein Buch "Islam and Dissent in Postrevolutionary Iran".


Khomeinis Staatsmodell der "Herrschaft der Rechtsgelehrten" führte letztlich nicht zur beabsichtigten Islamisierung der iranischen Gesellschaft, sondern zu einer Transformation des Islam, wie der iranische Soziologe Behrooz Ghamari-Tabrizi meint. Mona Sarkis hat sich mit ihm unterhalten.

Herr Professor Ghamari-Tabrizi, inwiefern manifestiert sich ein Widerspruch zwischen den religiös-politischen Ansprüchen des Klerus und der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Islamischen Republik?

Behrooz Ghamari-Tabrizi: Dafür möchte ich einige Beispiele anführen: Gemäß traditioneller islamischer Rechtsprechung ist Abtreibung verboten und nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Realiter aber treiben rund 90.000 Iranerinnen jährlich illegal ab. Der Staat war schließlich gezwungen, die Gesetze zu lockern, was 2007 auch geschah. Abtreibungen waren fortan nicht nur bei der Gefährdung der Mutter erlaubt, sondern auch, wenn der Fötus Missbildungen aufwies und die Eltern belegen konnten, dass sie den Bedürfnissen dieses Kindes finanziell nicht gerecht werden.

Ein weiteres Beispiel ist der staatliche Plan zur Senkung des Bevölkerungswachstums. Mitte der 1980er Jahre hatte der Iran mit einem Bevölkerungswachstum von 3,6 Prozent eine der weltweit höchsten Zuwachsraten – vor allem dank der Propagierung der traditionellen islamischen Gesetzgebung, die Verhütung und Familienplanung ablehnt. Die Islamische Republik erkennt aber, dass sie nicht über die Ressourcen für die kommenden Generationen verfügt und startete in den 1990er Jahren ein radikales Gegenprogramm: Neben der Verteilung kostenloser Verhütungspillen und Kondome führten sie 1996 eine obligatorische "Sexualitäts-Ausbildungslizenz" für Paare ein, die heiraten wollten. Es wurde über Verhütung aufgeklärt und das Modell einer Familie mit maximal zwei Kindern propagiert.

Zudem errichteten sie landesweit 200.000 Gesundheitshäuser, in denen junge Paare in Familienplanung unterrichtet wurden. Anschließend sollten sie ihr Wissen an ihre Gemeinden weitergeben. Innerhalb von zehn Jahren wurde so die Wachstumsrate auf 1,2 Prozent gesenkt. Das ist weltweit beispiellos. Weil die Regierung diese Vorgaben in der Bevölkerungspolitik umsetzen musste, begann das hochrangige klerikale Establishment den Mullahs die Propagierung der an sich unislamischen Verhütung voranzutreiben. Das ist Pragmatismus pur.

Das bedeutet also eine gewisse Unterordnung der religiös-doktrinären Vorstellungen sowie Anpassungen an die Erfordernisse der Gesellschaft. Rührt dies nicht grundsätzlich an den Prinzipien der Islamischen Republik?

Ghamari-Tabrizi: Die Islamische Revolution beendete das säkulare System, doch gleichzeitig wurde das islamische Dogma ständig hinterfragt und an der politischen Realität gemessen. Infolgedessen sehen wir weit weniger eine Islamisierung der Gesellschaft als vielmehr eine Transformation des Islam. Dies war keineswegs eine beabsichtigte Folge der Islamischen Revolution, aber meines Erachtens sehr weitreichend hinsichtlich der Auswirkungen...

…was zweifelsohne dann auch zu enormen innerklerikalen und religiös-politischen Grabenkämpfen führte?

Ghamari-Tabrizi: Die Verwirrung war enorm und ist es noch heute. Ich erinnere mich an einen sehr bezeichnenden Vorfall: Als Ruhollah Khomeini 1988 den Schlichtungsrat ins Leben rief, um zwischen dem religionsfokussierten Wächterrat und dem staatlichen Parlament zu vermitteln, erklärte ihm Ayatollah Emami Kashani, der sowohl dem Wächter-, als auch dem Schlichtungsrat angehörte: "Ich bin so frustriert und verwirrt. Morgens prüfe ich im Wächterrat, ob die Interessen des Islam gewahrt werden und abends prüfe ich im Schlichtungsrat, ob die Interessen des Staates gewahrt werden. Wo liegt nun die Priorität?" Khomeini erwiderte: "Wenn es Abend wird, dann vergiss Deine Rolle am nächsten Morgen!"

Khomeini hat einen Prozess in Gang gesetzt, der äußerst schwer kontrollierbar ist. Das Wort "Säkularisierung" benutzte bereits 1981 Ayatollah Bayat, als er Khomeini prophezeite, dass die Politisierung des Islam in eine "säkulare" Sichtweise münden würde. Noch ein anderes Beispiel demonstriert, wie weit Khomeini ging:

Als 1988 ein arbeitnehmerfreundliches, aber investitionsfeindliches Arbeitsrecht erlassen wurde, wurde er kritisiert, weil der Islam Privateigentum und Investitionen sehr wohl respektiert und er an diesem Credo nichts ändern könne. Seine Antwort: Nach der Revolution sei die islamische Staatsführung das primäre Glaubensbekenntnis des Islam. Das hatte er bereits zwei Jahre nach der Revolution dem damaligen Parlamentssprecher geschrieben: "Der einzige, der entscheidet, was Islam ist und was nicht, ist das mit einer Zweidrittelmehrheit gewählte Parlament."

Welche langfristigen Folgen hatte diese Entwicklung für die iranische Gesellschaft? Löste dies eine gewisse religiöse Liberalität aus?

Ghamari-Tabrizi: Das kommt darauf an, wie man Religiosität definiert. Der Westen nimmt vor allem die Hauptstadt Teheran mit seinen modisch gekleideten jungen Männern mit ihren gegelten Haaren oder Frauen mit üppigem Make-Up wahr. Aber selbst unter diesen jungen Leuten verrichten viele ihre täglichen Gebete. Der schiitische Islam ist vor allem ein iranischer Islam und völlig anders als der arabisch-sunnitische. Beispielsweise erklärt jeder in der islamischen Welt seine Feiertage zu den wichtigsten, außer den Iranern.

Ihr Neujahresfest fällt in den Frühling und geht auf eine Kultur aus der Zeit der Achämeniden (559-330 v.Chr.) zurück, in der der Frühling eine besondere wirtschaftliche Relevanz besaß. Präislamische, paganische Riten spielen also nach wie vor eine zentrale Rolle. Dem Westen und den Sunniten erscheint das alles widersprüchlich, aber nicht den Iranern.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sunnismus und Schiismus ist, dass Letzterer den "Idschtihad" betont, die laufende Neuinterpretation von Koran und Sunna. Ist das auch ein Grund dafür, weshalb in den arabisch-sunnitischen Ländern von diesem pragmatischen Umgang mit Religion so wenig zu sehen ist?

Ghamari-Tabrizi: Die Schia erklärte nie das "Tor zum Idschtihad" für geschlossen. Und sie kennt eine klare klerikale Hierarchie, was den Fatwas schiitischer Geistlicher viel mehr Gewicht verleiht als denen ihrer sunnitischen Kollegen. Entscheidend aber ist die Vermengung von Politik und Religion im Iran. Sie stellt den Islam in einen fortdauernden Referenzrahmen für sozialpolitische Entscheidungen. Dies ist eine Ironie, die alles auf den Kopf stellt: In den arabischen Staaten, die offiziell säkular sind, gibt es letzten Endes weit weniger Spielräume für eine innovative, kreative islamische Rechtsprechung als im selbsterklärt islamischen Iran, das seit 1979 – gleichgültig unter welcher Regierung – mit einer ungeheuer lebendigen Hermeneutik der Islaminterpretation aufwartet.

Interview: Mona Sarkis

© Qantara.de 2009

Behrooz Ghamari-Tabrizi ist Professor für Geschichte und Soziologie an der University of Illinois, Urbana-Champaign. 2008 erschien sein Buch "Islam and Dissent in Postrevolutionary Iran".



Späte Gerechtigkeit für die Opfer der Vergangenheitsbewältigung in Marokko

Anhörungen von Opfern der ''bleiernen Jahre''

Unter König Hassan II. waren Tausende politische Gefangene von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen. Um Licht in dieses düstere Kapitel zu bringen, eröffnet eine Wahrheitskommission den Opfern, über ihre Erfahrungen zu sprechen. weiter »


Tariq Ali bei Sabine Christiansen Interview Tariq Ali

''Diese Demokratie war nicht gemeint!''

Der Publizist und Filmemacher Tariq Ali kritisiert die saudische Königsfamilie, die ihr Land nach Mafia-Art regieren würde. Die arabischen Scheichtümer seien 'imperiale Tankstellen', die ohne die Unterstützung des Westens nicht überleben könnten. weiter »


Tayeb Tizini; Foto: Said Samir Interview mit Tayeb Tizini

Zirkel der Hoffnungslosigkeit

Für Tayeb Tizini, Professor für Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Damaskus, ist der radikale Islam in der arabischen Welt das Ergebnis der Perspektivlosigkeit der Jugend, für das vor allem die arabischen Eliten verantwortlich seien. Mit ihm hat sich Afra Mohamed unterhalten. weiter »


Yenny Zannuba Wahid; Foto: © www.zannubawahid.com Interview mit Yenny Zannuba Wahid

Religiöse Vielfalt statt Intoleranz

Yenny Zannuba Wahid, Tochter des früheren indonesischen Staatspräsidenten Abdurahman Wahid, leitet seit mehreren Jahren das Wahid-Institut in Jakarta, das sich für einen toleranten, pluralistischen Islam sowie für soziale Reformen in Indonesien einsetzt. Zaki Amrullah hat sich mit ihr unterhalten. weiter »


Mai Yamani; Foto: Royal Institute of International Affairs Mai Yamani:

Saudi-Arabien blockiert Reformen

Trotz eines hohen Reformdrucks in der arabischen Welt und der Durchführung von Kommunalwahlen in Saudi-Arabien stellt sich das saudi-arabische Herrscherhaus jeglichen Reformbestrebungen entgegen. Hintergründe von Mai Yamani weiter »


Hintergrund

Bildung in der arabischen Welt

Es steht schlecht um Bildung und Forschung in den Staaten der arabischen Welt. Zu diesem Ergebnis kam der Bericht der Vereinten Nationen "über die menschliche Entwicklung in den arabischen Ländern". Zwischen Morgen- und Abendland klafft eine immer größer werdende Bildungslücke. Von Reinhard Baumgarten

Schierer Mangel bestimmt vielerorts den Schulalltag in Ägypten, im Sudan, Marokko, dem Jemen und den meisten anderen arabischen Ländern. Die Defizite in Sachen Bildung und Erziehung in den arabischen Ländern sind groß, und sie werden wohl noch weiter zunehmen, sagt Nadir Fergani, federführender Autor der Studie "zur menschlichen Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten", die im vergangenen Herbst von der UN-Organisation für Entwicklung (United Nations Development Programme, UNDP) vorgelegt wurde.

Diese Defizite betreffen sowohl die Quantität als auch die Qualität der Bildungsangebote. Die arabischen Länder sind weit zurück, was die Wissensproduktion angeht. Gemessen an Patenten, an Forschungsarbeiten, an Erfindungen, technischen Innovationen oder Entwicklungen hinken die arabischen Staaten den entwickelten Ländern in Amerika, Europa und Asien weit hinterher, so Reema Huneidi vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Anstatt eigenes Wissen zu schaffen, stützten sich die Staaten der arabischen Welt stärker als die meisten Staaten anderer Weltregionen lediglich darauf, das Wissen anderer für sich zu nutzen. Die eigene Kreativität und Schaffenskraft komme dabei zu kurz.

Mittel zur Wissensvermittlung fehlen

Ägypten gebe pro Jahr und Schüler rund 170 Dollar aus, erklärt Hussein Baha'uddin. Dennoch, so der ägyptische Bildungsminister, könne sein Land vergleichsweise gute Ergebnisse vorweisen. Gerne nennen die Bildungspolitiker am Nil den ägyptischen Chemiker Ahmed Zuweil, der 1999 als erster und einziger Araber einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis gewonnen hat.

Ganz zweifellos gibt es in der arabischen Welt jede Menge kluge Köpfe, unterstreicht Reema Huneidi. Aber das Talent und die Intelligenz von Wissenschaftlern und Forschern kämen ihren Heimatländern nur dann zugute, wenn das entsprechende Umfeld bestehe.

Für die wissenschaftliche Produktion bedürfe es der erforderlichen Mittel, es bedürfe institutioneller Unterstützung und politischer Verpflichtungen – das alles fehle, so Huneidi. "Du kannst die besten Wissenschaftler der Welt haben, aber das nützt nichts, wenn ihnen weder die nötigen Labors noch das Geld – mit einem Wort: die Mittel, um Wissen zu erzeugen, zur Verfügung stehen."

Es mangelt indes nicht allein am Geld. Wer Wissen schaffen will, der muss auch für das politische und gesellschaftliche Klima sorgen, in dem Wissen gedeihen kann. Neues Wissen ist nicht allein für Industrie und Technik von Belang. Neues Wissen lässt sich nicht nur in Euro und Cent bemessen, es lässt sich nicht immer gewinnbringend vermarkten.

Aber neues Wissen führt dazu, dass Gesellschaften sich weiter entwickeln und wandeln. Doch genau darin, meint Huneidi, besteht gegenwärtig eines der großen Hemmnisse der arabischen Länder, deren Regierungen mehrheitlich an den überkommenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen festhalten wollen.

Lieber auswendig lernen als denken

An den staatlichen Schulen der arabischen Länder wird konsequent Frontalunterricht erteilt: Der Lehrer präsentiert und erklärt, er formuliert Fragen und Antworten, er versorgt die Schüler mit dem, was sie lernen sollen. Wer nicht mitkommt, der bleibt auf der Strecke. Klassenstärken mit 50, 60, 70 oder mehr Schülern sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Die Schüler agieren nicht, sie reagieren. Sie übernehmen das von den Lehrern angebotene Wissen eins zu eins. Und wer als Schüler nicht lernt, selbstständig zu arbeiten, der wird diese Kunst später an der Universität oder im Beruf kaum beherrschen.

Michael von Gagern, zuständig für die Einhaltung der Qualitätsstandards an der im Oktober vergangenen Jahres eröffneten "German University" in Kairo, hat festgestellt, dass sich ägyptische Studenten sehr stark an das halten, was im Buch steht und was der Professor sagt. "Am liebsten würden sie es auf Kassette aufnehmen, auswendig lernen und dann in der Prüfung wiedergeben."

Tatsächlich, so Naguib Sawiris, Absolvent der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo, finde an staatlichen Schulen keine Vermittlung von inhaltlichem Denken, Textanalyse und Textinterpretation statt. Es gehe, so der Chef der Orascom-Telecom Gruppe mit mehr als 10.000 Beschäftigten weltweit, um "reine Auswendiglernerei, nicht ums Denken".

Entstehung einer Zweiklassengesellschaft

Dieses Problem besteht in den meisten arabischen Ländern, nicht nur in Ägypten. Neben den staatlichen Institutionen haben sich längst private Schulen und Universitäten etabliert, deren Bildungsangebote von deutlich besserer Qualität sind.

Im Ergebnis führt das zu polarisierten Gesellschaften. Wer einer wohlhabenden Familie entstammt, wird seine Kinder auf die besten Schulen schicken – in der Regel also auf Privatschulen. Das wiederum eröffnet ihnen die Möglichkeit, die besten Universitäten der Welt zu besuchen. Wer der Mittel- oder der Unterschicht entstammt, wird seine Kinder aufgrund fehlender Geldmittel den staatlichen Schulen und Universitäten anvertrauen, die eine schlechtere Ausbildung bieten. "Auf diese Weise", so Huneidi, "kommt die soziale Mobilität zum Erliegen."

Wissen ist Macht – weiß nichts, macht nichts. Dieser Sponti-Spruch der sechziger Jahre trifft auf makabre Weise auf viele arabische Länder unserer Tage zu. Machtlosigkeit und die Unwissenheit der breiten Masse sind effektive Werkzeuge der Herrschenden, meint Nadir Fergani.

"Aufgrund ihrer autoritären Strukturen arbeiten die herrschenden Regime für die Interessen kleiner Cliquen. Sie kümmern sich nicht um die Interessen der Bevölkerungsmehrheit. Sie stellen nicht genügend Mittel für Forschung, Entwicklung und Wissensschöpfung zur Verfügung. Als Richtschnur für ihre Entscheidungen dient ihnen das Prinzip: Nützt es mir und meiner Klientel oder nicht. Wenn du eine irrationale Regierung hast, die ihre Entscheidungen an den Interessen einer kleinen Elite ausrichtet, dann kannst du keine Bevölkerung mit einem hohen Bildungsniveau haben."

Wohl aber goldene Klobrillen wie einst Saddam Hussein, Satellitenstädte für die Reichen und Schönen wie in Ägypten, Luxuskarossen für die Herrschenden wie im Sudan. Die politischen Eliten in den arabischen Ländern, kritisiert der ägyptische Sozialwissenschaftler Saad Eddin Ibrahim, kämen ihrer Verantwortung gegenüber jenen nicht nach, die sie vertreten, repräsentieren und regieren sollen.

Trotz Fortschritt hohe Quote von Analphabeten

Beispiel Ägypten. Kein ägyptischer Präsident hat mehr Geld für Bildung ausgegeben als Husni Mubarak. Während seiner bald 23-jährigen Amtszeit hat sich der Bildungsetat Ägyptens vervielfacht. Stolz verweist die ägyptische Regierung auf ihre vermeintlichen Erfolge im Kampf gegen das Analphabetentum, das aber bei einer Rate von rund 50 Prozent noch lange nicht besiegt ist. Stolz ist die Regierung auch auf die vielen neuen Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Wer aber setzt die Maßstäbe? In Ländern, wo der einfache Bürger keinerlei politische Mitsprache hat, wo die freie Meinungsäußerung oft als Verbrechen angesehen wird, sind jene das Maß aller Dinge, die das Sagen haben und die in keiner Weise gewillt sind, Macht und Kompetenzen abzugeben.

"Es gibt keine Rechenschaftspflicht", betont Huneidi. "Bildungsminister müssten Auskunft zu Bildungsfragen erteilen. Präsidenten, Premierminister – sie sollten befragt werden. Sie werden aber nicht befragt, weil die Leute gar nicht wissen, wo die Mängel liegen und wen sie fragen sollen. Und sie wissen es deswegen nicht, weil die Regierungen entscheiden, keine Informationen über die Qualität der Bildung zu sammeln geschweige denn zu veröffentlichen."

Fehlplanung und schamlose Bereicherung sind in den arabischen Ländern nur deshalb möglich, weil es keine ausreichende Kontrolle durch Parlamente gibt, keine Transparenz, keine Beteiligung des Volkes an der Macht und den Entscheidungsprozessen.

Reformen bleiben aus

Wer die arabische Bevölkerung aus der Bildungskatastrophe und der chronischen technologischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Rückständigkeit führen will, der muss mehr tun, als nur ein paar neue Schulen zu bauen, sagt Fergani.

Nötig seien umfassende soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Reformen in allen arabischen Ländern. Und genau darin, gibt der ägyptische Publizist Mohamed Sid Ahmed zu bedenken, besteht das Hauptproblem aller arabischen Länder: die Ablehnung grundlegender Reformen, die die Herrschenden möglicherweise von den Fleischtöpfen der Macht entfernen würden. Ausufernde Korruption und maßloser Nepotismus in den politischen Körperschaften verhinderten deren Reform.

Nassers Visionen

Kairo, Menshiet Nasser, ein Armenviertel. Hier leben an die 500.000 Menschen. Es ist eng und laut, die Luft ist schlecht, die Straßen sind größtenteils unbefestigt. Knapp zwei Drittel der bald 20 Millionen Einwohner des Molochs Kairo leben in solchen Gebieten, die alle eines gemeinsam haben: das Fehlen jeglicher staatlicher oder kommunaler Planung. Es mangelt an Schulen, Krankenhäusern, Frisch- und Abwassersystemen, Müllbeseitigung – kurz: an städtischer Infrastruktur.

Menshiet Nasser entstand in den sechziger Jahren. Landflüchtlinge folgten damals den Versprechungen Gamal Abdel Nassers. Sie glaubten an die von Nasser versprochene lichte Zukunft, sie gaben ihre Scholle in Oberägypten oder im Nildelta auf, um in der Hauptstadt ihr Glück zu machen.

Aber Nassers Visionen entpuppten sich als Luftschlösser. Der panarabische Sozialismus führte die Menschen in die Irre, er gaukelte nicht vorhandene Größe, Macht und Einfluss vor.

Nasser startete eine Bildungsoffensive, er öffnete die Universitäten für die breite Bevölkerung und garantierte jedem Hochschulabsolventen einen sicheren Arbeitsplatz im Staatsdienst. Nie gab es in Ägypten mehr Studenten als heute. Und nie, sagen Kritiker, war das Ausbildungsniveau derart bescheiden.

Nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt

Die Bildungs- und Ausbildungsmisere der arabischen Länder schlägt sich längst negativ auf dem heimischen Arbeitsmarkt und dem Weltmarkt nieder. Ägyptische Produkte etwa verlieren stetig an Wettbewerbsfähigkeit. Das 70-Millionen-Volk exportiert heute Waren und Produkte im Wert von knapp 4,5 Milliarden Euro, während es für mehr als 15 Milliarden jährlich importiert.

Der Mangel an ausgebildeten Fachkräften erklärt, warum die Produktivität in den arabischen Ländern nach wie vor so niedrig ist und warum die Länder mit der weltweiten Konkurrenz nicht mithalten können, meint der Sozialwissenschaftler Saad Eddin Ibrahim. "Du brauchst Bildung, um deine Arbeiter zu qualifizieren, damit die Produktivität gesteigert wird, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein."

Alle arabischen Staaten mit ihren bald 300 Millionen Menschen erreichen zusammen ein Bruttosozialprodukt von rund 530 Milliarden Dollar. Die europäische Mittelmacht Spanien kommt bereits auf 590 Milliarden Dollar.

Arabische Politiker und Intellektuelle verweisen in Sachen technologische und wirtschaftliche Rückständigkeit gerne auf die Vergangenheit, auf die Folgen des Kolonialismus, der Ausbeutung durch Osmanen und Europäer. Für Nadir Fergani ist diese Art von Ursachenforschung unzureichend und ein Beleg dafür, dass es an ehrlicher Selbstkritik mangelt.

Der Schein, sagt der Publizist Mohamed Sid Ahmed, sei stets wichtiger als das Sein. "Wir kümmern uns nicht um das Erreichen der Ergebnisse. Wir sind mehr damit beschäftigt, die Aufdeckung der Tatsache zu verhindern, dass wir die Ergebnisse nicht erreicht haben, als zu versuchen, die Ergebnisse tatsächlich zu erreichen. Das ist ein Charakteristikum unserer Politik: etwas zu verkaufen und ein bestimmtes Image aufrecht zu erhalten anstatt dafür zu sorgen, dass dieses Bild der Realität entspricht."

"Suchet Wissen"

Den arabischen Staaten stehen gewaltige Herausforderungen ins Haus. Die immer größer werdende Bildungslücke zu den entwickelten Industriestaaten stellt eine gewaltige Zeitbombe dar. In Ländern wie Ägypten, dem Jemen, Saudi-Arabien oder Algerien ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch gewachsen, allein in Saudi-Arabien von 3,2 Millionen im Jahre 1950 auf mittlerweile 22 Millionen. Drei Viertel der Einwohner sind jünger als 25.

Die größten Engpässe in Schul- und Berufsausbildung stehen dem wahhabitischen Königreich erst noch bevor. Die Regierenden in den arabischen Ländern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als unfähig, unwillig oder machtlos erwiesen, die Voraussetzungen zur Entwicklung ihrer Völker zu schaffen.

Entwickelte Länder werden heute nicht mehr an ihrem Wohlstand gemessen, sondern eher daran, welchen Beitrag sie bei der Erzeugung neuen Wissens leisten, wie sie das Wissen der Menschheit bereichern. Und so zementiert die Wissenslücke die Rückständigkeit. Dabei sind dem Versuch, den Abstand zum industrialisierten Westen durch Wissenstransfer zu begegnen, kommerzielle Grenzen durch westliche Wirtschaftsinteressen gesetzt.

Die Zeichen stehen in weiten Teilen der arabischen Welt auf Rückbesinnung auf überkommene Traditionen. Leider, so Nadir Fergani, werden vor allem repressive Gepflogenheiten wieder belebt, nicht aber das für den einstigen kulturellen und politischen Aufstieg der islamischen Welt wichtige Streben nach Wissen. "Suchet Wissen", hat der Prophet Mohammed seinen Anhängern einst aufgetragen, "und sei es in China." China galt den Arabern im siebten Jahrhundert als das Ende der Welt.

Reinhard Baumgarten

© Zeitschrift für KulturAustausch 2/2004

Es steht schlecht um Bildung und Forschung in den Staaten der arabischen Welt. Zu diesem Ergebnis kam der Bericht der Vereinten Nationen "über die menschliche Entwicklung in den arabischen Ländern". Zwischen Morgen- und Abendland klafft eine immer größer werdende Bildungslücke. Von Reinhard Baumgarten

Schierer Mangel bestimmt vielerorts den Schulalltag in Ägypten, im Sudan, Marokko, dem Jemen und den meisten anderen arabischen Ländern. Die Defizite in Sachen Bildung und Erziehung in den arabischen Ländern sind groß, und sie werden wohl noch weiter zunehmen, sagt Nadir Fergani, federführender Autor der Studie "zur menschlichen Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten", die im vergangenen Herbst von der UN-Organisation für Entwicklung (United Nations Development Programme, UNDP) vorgelegt wurde.

Diese Defizite betreffen sowohl die Quantität als auch die Qualität der Bildungsangebote. Die arabischen Länder sind weit zurück, was die Wissensproduktion angeht. Gemessen an Patenten, an Forschungsarbeiten, an Erfindungen, technischen Innovationen oder Entwicklungen hinken die arabischen Staaten den entwickelten Ländern in Amerika, Europa und Asien weit hinterher, so Reema Huneidi vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Anstatt eigenes Wissen zu schaffen, stützten sich die Staaten der arabischen Welt stärker als die meisten Staaten anderer Weltregionen lediglich darauf, das Wissen anderer für sich zu nutzen. Die eigene Kreativität und Schaffenskraft komme dabei zu kurz.

Mittel zur Wissensvermittlung fehlen

Ägypten gebe pro Jahr und Schüler rund 170 Dollar aus, erklärt Hussein Baha'uddin. Dennoch, so der ägyptische Bildungsminister, könne sein Land vergleichsweise gute Ergebnisse vorweisen. Gerne nennen die Bildungspolitiker am Nil den ägyptischen Chemiker Ahmed Zuweil, der 1999 als erster und einziger Araber einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis gewonnen hat.

Ganz zweifellos gibt es in der arabischen Welt jede Menge kluge Köpfe, unterstreicht Reema Huneidi. Aber das Talent und die Intelligenz von Wissenschaftlern und Forschern kämen ihren Heimatländern nur dann zugute, wenn das entsprechende Umfeld bestehe.

Für die wissenschaftliche Produktion bedürfe es der erforderlichen Mittel, es bedürfe institutioneller Unterstützung und politischer Verpflichtungen – das alles fehle, so Huneidi. "Du kannst die besten Wissenschaftler der Welt haben, aber das nützt nichts, wenn ihnen weder die nötigen Labors noch das Geld – mit einem Wort: die Mittel, um Wissen zu erzeugen, zur Verfügung stehen."

Es mangelt indes nicht allein am Geld. Wer Wissen schaffen will, der muss auch für das politische und gesellschaftliche Klima sorgen, in dem Wissen gedeihen kann. Neues Wissen ist nicht allein für Industrie und Technik von Belang. Neues Wissen lässt sich nicht nur in Euro und Cent bemessen, es lässt sich nicht immer gewinnbringend vermarkten.

Aber neues Wissen führt dazu, dass Gesellschaften sich weiter entwickeln und wandeln. Doch genau darin, meint Huneidi, besteht gegenwärtig eines der großen Hemmnisse der arabischen Länder, deren Regierungen mehrheitlich an den überkommenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen festhalten wollen.

Lieber auswendig lernen als denken

An den staatlichen Schulen der arabischen Länder wird konsequent Frontalunterricht erteilt: Der Lehrer präsentiert und erklärt, er formuliert Fragen und Antworten, er versorgt die Schüler mit dem, was sie lernen sollen. Wer nicht mitkommt, der bleibt auf der Strecke. Klassenstärken mit 50, 60, 70 oder mehr Schülern sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Die Schüler agieren nicht, sie reagieren. Sie übernehmen das von den Lehrern angebotene Wissen eins zu eins. Und wer als Schüler nicht lernt, selbstständig zu arbeiten, der wird diese Kunst später an der Universität oder im Beruf kaum beherrschen.

Michael von Gagern, zuständig für die Einhaltung der Qualitätsstandards an der im Oktober vergangenen Jahres eröffneten "German University" in Kairo, hat festgestellt, dass sich ägyptische Studenten sehr stark an das halten, was im Buch steht und was der Professor sagt. "Am liebsten würden sie es auf Kassette aufnehmen, auswendig lernen und dann in der Prüfung wiedergeben."

Tatsächlich, so Naguib Sawiris, Absolvent der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo, finde an staatlichen Schulen keine Vermittlung von inhaltlichem Denken, Textanalyse und Textinterpretation statt. Es gehe, so der Chef der Orascom-Telecom Gruppe mit mehr als 10.000 Beschäftigten weltweit, um "reine Auswendiglernerei, nicht ums Denken".

Entstehung einer Zweiklassengesellschaft

Dieses Problem besteht in den meisten arabischen Ländern, nicht nur in Ägypten. Neben den staatlichen Institutionen haben sich längst private Schulen und Universitäten etabliert, deren Bildungsangebote von deutlich besserer Qualität sind.

Im Ergebnis führt das zu polarisierten Gesellschaften. Wer einer wohlhabenden Familie entstammt, wird seine Kinder auf die besten Schulen schicken – in der Regel also auf Privatschulen. Das wiederum eröffnet ihnen die Möglichkeit, die besten Universitäten der Welt zu besuchen. Wer der Mittel- oder der Unterschicht entstammt, wird seine Kinder aufgrund fehlender Geldmittel den staatlichen Schulen und Universitäten anvertrauen, die eine schlechtere Ausbildung bieten. "Auf diese Weise", so Huneidi, "kommt die soziale Mobilität zum Erliegen."

Wissen ist Macht – weiß nichts, macht nichts. Dieser Sponti-Spruch der sechziger Jahre trifft auf makabre Weise auf viele arabische Länder unserer Tage zu. Machtlosigkeit und die Unwissenheit der breiten Masse sind effektive Werkzeuge der Herrschenden, meint Nadir Fergani.

"Aufgrund ihrer autoritären Strukturen arbeiten die herrschenden Regime für die Interessen kleiner Cliquen. Sie kümmern sich nicht um die Interessen der Bevölkerungsmehrheit. Sie stellen nicht genügend Mittel für Forschung, Entwicklung und Wissensschöpfung zur Verfügung. Als Richtschnur für ihre Entscheidungen dient ihnen das Prinzip: Nützt es mir und meiner Klientel oder nicht. Wenn du eine irrationale Regierung hast, die ihre Entscheidungen an den Interessen einer kleinen Elite ausrichtet, dann kannst du keine Bevölkerung mit einem hohen Bildungsniveau haben."

Wohl aber goldene Klobrillen wie einst Saddam Hussein, Satellitenstädte für die Reichen und Schönen wie in Ägypten, Luxuskarossen für die Herrschenden wie im Sudan. Die politischen Eliten in den arabischen Ländern, kritisiert der ägyptische Sozialwissenschaftler Saad Eddin Ibrahim, kämen ihrer Verantwortung gegenüber jenen nicht nach, die sie vertreten, repräsentieren und regieren sollen.

Trotz Fortschritt hohe Quote von Analphabeten

Beispiel Ägypten. Kein ägyptischer Präsident hat mehr Geld für Bildung ausgegeben als Husni Mubarak. Während seiner bald 23-jährigen Amtszeit hat sich der Bildungsetat Ägyptens vervielfacht. Stolz verweist die ägyptische Regierung auf ihre vermeintlichen Erfolge im Kampf gegen das Analphabetentum, das aber bei einer Rate von rund 50 Prozent noch lange nicht besiegt ist. Stolz ist die Regierung auch auf die vielen neuen Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Wer aber setzt die Maßstäbe? In Ländern, wo der einfache Bürger keinerlei politische Mitsprache hat, wo die freie Meinungsäußerung oft als Verbrechen angesehen wird, sind jene das Maß aller Dinge, die das Sagen haben und die in keiner Weise gewillt sind, Macht und Kompetenzen abzugeben.

"Es gibt keine Rechenschaftspflicht", betont Huneidi. "Bildungsminister müssten Auskunft zu Bildungsfragen erteilen. Präsidenten, Premierminister – sie sollten befragt werden. Sie werden aber nicht befragt, weil die Leute gar nicht wissen, wo die Mängel liegen und wen sie fragen sollen. Und sie wissen es deswegen nicht, weil die Regierungen entscheiden, keine Informationen über die Qualität der Bildung zu sammeln geschweige denn zu veröffentlichen."

Fehlplanung und schamlose Bereicherung sind in den arabischen Ländern nur deshalb möglich, weil es keine ausreichende Kontrolle durch Parlamente gibt, keine Transparenz, keine Beteiligung des Volkes an der Macht und den Entscheidungsprozessen.

Reformen bleiben aus

Wer die arabische Bevölkerung aus der Bildungskatastrophe und der chronischen technologischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Rückständigkeit führen will, der muss mehr tun, als nur ein paar neue Schulen zu bauen, sagt Fergani.

Nötig seien umfassende soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Reformen in allen arabischen Ländern. Und genau darin, gibt der ägyptische Publizist Mohamed Sid Ahmed zu bedenken, besteht das Hauptproblem aller arabischen Länder: die Ablehnung grundlegender Reformen, die die Herrschenden möglicherweise von den Fleischtöpfen der Macht entfernen würden. Ausufernde Korruption und maßloser Nepotismus in den politischen Körperschaften verhinderten deren Reform.

Nassers Visionen

Kairo, Menshiet Nasser, ein Armenviertel. Hier leben an die 500.000 Menschen. Es ist eng und laut, die Luft ist schlecht, die Straßen sind größtenteils unbefestigt. Knapp zwei Drittel der bald 20 Millionen Einwohner des Molochs Kairo leben in solchen Gebieten, die alle eines gemeinsam haben: das Fehlen jeglicher staatlicher oder kommunaler Planung. Es mangelt an Schulen, Krankenhäusern, Frisch- und Abwassersystemen, Müllbeseitigung – kurz: an städtischer Infrastruktur.

Menshiet Nasser entstand in den sechziger Jahren. Landflüchtlinge folgten damals den Versprechungen Gamal Abdel Nassers. Sie glaubten an die von Nasser versprochene lichte Zukunft, sie gaben ihre Scholle in Oberägypten oder im Nildelta auf, um in der Hauptstadt ihr Glück zu machen.

Aber Nassers Visionen entpuppten sich als Luftschlösser. Der panarabische Sozialismus führte die Menschen in die Irre, er gaukelte nicht vorhandene Größe, Macht und Einfluss vor.

Nasser startete eine Bildungsoffensive, er öffnete die Universitäten für die breite Bevölkerung und garantierte jedem Hochschulabsolventen einen sicheren Arbeitsplatz im Staatsdienst. Nie gab es in Ägypten mehr Studenten als heute. Und nie, sagen Kritiker, war das Ausbildungsniveau derart bescheiden.

Nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt

Die Bildungs- und Ausbildungsmisere der arabischen Länder schlägt sich längst negativ auf dem heimischen Arbeitsmarkt und dem Weltmarkt nieder. Ägyptische Produkte etwa verlieren stetig an Wettbewerbsfähigkeit. Das 70-Millionen-Volk exportiert heute Waren und Produkte im Wert von knapp 4,5 Milliarden Euro, während es für mehr als 15 Milliarden jährlich importiert.

Der Mangel an ausgebildeten Fachkräften erklärt, warum die Produktivität in den arabischen Ländern nach wie vor so niedrig ist und warum die Länder mit der weltweiten Konkurrenz nicht mithalten können, meint der Sozialwissenschaftler Saad Eddin Ibrahim. "Du brauchst Bildung, um deine Arbeiter zu qualifizieren, damit die Produktivität gesteigert wird, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein."

Alle arabischen Staaten mit ihren bald 300 Millionen Menschen erreichen zusammen ein Bruttosozialprodukt von rund 530 Milliarden Dollar. Die europäische Mittelmacht Spanien kommt bereits auf 590 Milliarden Dollar.

Arabische Politiker und Intellektuelle verweisen in Sachen technologische und wirtschaftliche Rückständigkeit gerne auf die Vergangenheit, auf die Folgen des Kolonialismus, der Ausbeutung durch Osmanen und Europäer. Für Nadir Fergani ist diese Art von Ursachenforschung unzureichend und ein Beleg dafür, dass es an ehrlicher Selbstkritik mangelt.

Der Schein, sagt der Publizist Mohamed Sid Ahmed, sei stets wichtiger als das Sein. "Wir kümmern uns nicht um das Erreichen der Ergebnisse. Wir sind mehr damit beschäftigt, die Aufdeckung der Tatsache zu verhindern, dass wir die Ergebnisse nicht erreicht haben, als zu versuchen, die Ergebnisse tatsächlich zu erreichen. Das ist ein Charakteristikum unserer Politik: etwas zu verkaufen und ein bestimmtes Image aufrecht zu erhalten anstatt dafür zu sorgen, dass dieses Bild der Realität entspricht."

"Suchet Wissen"

Den arabischen Staaten stehen gewaltige Herausforderungen ins Haus. Die immer größer werdende Bildungslücke zu den entwickelten Industriestaaten stellt eine gewaltige Zeitbombe dar. In Ländern wie Ägypten, dem Jemen, Saudi-Arabien oder Algerien ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch gewachsen, allein in Saudi-Arabien von 3,2 Millionen im Jahre 1950 auf mittlerweile 22 Millionen. Drei Viertel der Einwohner sind jünger als 25.

Die größten Engpässe in Schul- und Berufsausbildung stehen dem wahhabitischen Königreich erst noch bevor. Die Regierenden in den arabischen Ländern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als unfähig, unwillig oder machtlos erwiesen, die Voraussetzungen zur Entwicklung ihrer Völker zu schaffen.

Entwickelte Länder werden heute nicht mehr an ihrem Wohlstand gemessen, sondern eher daran, welchen Beitrag sie bei der Erzeugung neuen Wissens leisten, wie sie das Wissen der Menschheit bereichern. Und so zementiert die Wissenslücke die Rückständigkeit. Dabei sind dem Versuch, den Abstand zum industrialisierten Westen durch Wissenstransfer zu begegnen, kommerzielle Grenzen durch westliche Wirtschaftsinteressen gesetzt.

Die Zeichen stehen in weiten Teilen der arabischen Welt auf Rückbesinnung auf überkommene Traditionen. Leider, so Nadir Fergani, werden vor allem repressive Gepflogenheiten wieder belebt, nicht aber das für den einstigen kulturellen und politischen Aufstieg der islamischen Welt wichtige Streben nach Wissen. "Suchet Wissen", hat der Prophet Mohammed seinen Anhängern einst aufgetragen, "und sei es in China." China galt den Arabern im siebten Jahrhundert als das Ende der Welt.

Reinhard Baumgarten

© Zeitschrift für KulturAustausch 2/2004