Zum Tod von Abdelwahab Meddeb

Freidenker einer untreuen Treue

Der prominente tunesisch-französische Schriftsteller und Islamexperte Abdelwahab Meddeb erlag am 6. November im Alter von 68 Jahren in Paris einem Krebsleiden. Ein Nachruf von Bettina David

Grenzen waren für den 1946 in Tunis geborenen, später in Paris lebenden Literaturwissenschaftler, Dichter und Schriftsteller Abdelwahab Meddeb stets Aufforderungen zum schöpferischen Überschreiten – eine Möglichkeit, das eigene Denken durch Begegnung mit dem Anderen zu befruchten, es durch unerwartete Verbindungen zu bereichern und sich damit neue Lebens- und Denkräume zu erschließen.

Doch auch im Überschreiten wurde die Spur der Herkunft nicht ausgelöscht oder verleugnet, sie blieb in ihm wirkmächtig als Referenzpunkt und Quelle kreativer Auseinandersetzung. Immer wieder verwies Meddeb auf seine doppelte Abstammung im Orient und Okzident, gerade auch durch seine Herkunft aus dem Maghreb, dem "Westen" aus arabischer Perspektive.

Er sah sich als dezidiert säkularen, arabisch-europäischen Kosmopoliten, dem es um eine Wiederaufnahme des seit Jahrhunderten verlorenen Zusammendenkens islamischer, jüdischer und christlicher Geistesgeschichte ging. So auch in seinem letzten Buch, der 2013 erschienenen, zusammen mit Benjamin Stora herausgegebenen "Histoire des relations entre juifs et musulmans des origines à nos jours".

Zeichnung Ibn Arabis; Quelle: Wikipedia
Anknüpfungspunkte für einen fruchtbaren Dialog zwischen den Freiheiten der westlichen Moderne und dem multikulturellen Erbe der islamischen Gesellschaften: Erst die Begegnung mit Ibn Arabi eröffnete Meddeb eine Brücke von der französischen Postmoderne zurück zu seinen arabischen Wurzeln.

Aus einer angesehenen Familie theologischer Gelehrter stammend, rebellierte er schon früh gegen den ihm auferlegten Gehorsamszwang der vom Auswendiglernen geprägten traditionellen religiösen Unterweisungen. Er wendete sich der französischsprachigen Welt zu, ging zum Studium der Literatur und Kunstgeschichte nach Frankreich und wurde nachhaltig durch die intellektuell stimulierende Atmosphäre im Paris der Studentenrevolte geprägt.

Die griechisch-dionysische Dimension des Islam

Erst die Begegnung mit dem mittelalterlichen Sufi-Dichter Ibn Arabi eröffnete ihm eine Brücke von der französischen Postmoderne zurück zu seinen arabisch-islamischen Wurzeln, zu den mystisch-philosophischen Reichtümern einer von der Orthodoxie ausgeschlossenen anderen Tradition. Es wurde sein Anliegen, ein Bild des Islams herauszuarbeiten, das nicht Dogma und Norm, sondern Abweichung betont, und beharrlich an all das kritische, kühne, auch gotteslästerliche Denken zu erinnern, das es auch im Islam und unter muslimischen Denkern gegeben hat.

Hier sah er Anknüpfungspunkte für einen fruchtbaren Dialog zwischen den Freiheiten der westlichen Moderne und dem vielstimmigen, multikulturellen Erbe der islamischen Gesellschaften.

Seine Romane "Talismano" (deutsch 1993) und "Aya" (deutsch 1998) und sein Lyrikband "Ibn Arabis Grab" (deutsch 2004) nehmen diese Spuren auf. Sie erkunden einen maghrebinisch-europäischen Resonanzraum an den Grenzen der Sprache und entführen den Leser in einen Strom von Bildern und Meditationen voller Poesie, Erotik und Mystik.

Mit "Talismano" beschwor Meddeb die von rigiden Tugendwächtern zum Verstummen gebrachte griechisch-dionysische Dimension der muslimischen Kultur, ihre Integration von verführerischem Spiel mit dem Fremden, sinnlichem Rausch und entgrenzender Ekstase.

Bekannt wurde Meddeb im deutschen Raum jedoch vor allem durch seine kontroverse Streitschrift "Die Krankheit des Islam" (deutsch 2002), in der er in Anlehnung an Voltaire, der im Fanatismus die katholische Krankheit sah, und an Thomas Mann, der den Nazismus als die deutsche Krankheit bezeichnet hat, die provozierende These vertrat, die Gewaltproblematik sei dem Islam in die Wiege gelegt, die Keime des heutigen islamischen Fundamentalismus trüge bereits der Koran in sich.

Auch seine offen eingestandene Abneigung gegen "Bärte" und "Kopftücher" machte ihn unter vielen gläubigen Muslimen suspekt. Deren Lebenswelten blieben ihm, für den die Begegnung mit der westlichen Aufklärung eine Befreiung des Denkens gewesen war, fremd und unverständlich.

So vermochte er, der als Jugendlicher erlebt hatte, wie die Frauen in seiner Umgebung den Schleier ablegten und sich neue Räume eröffneten, in der ihn überraschenden Wiederverschleierungsbewegung seit den 1980er Jahren nur den Ausdruck eines "diffusen Fundamentalismus" zu sehen, Symbol einer ideologisierten Abschottung durch Unterwerfung unter eine "freiwillige Knechtschaft".

Abdelwahab Meddeb präsentiert am 15.05.2003 in Madrid die spanische Übersetzung seines Buches "Die Krankheit des Islam"; Foto: picture-alliance/dpa
Befreiung vom erstarrten, dogmatischen Islam: Der in Tunesien geborene Meddeb war früh nach Frankreich gekommen und studierte Literatur und Kunstgeschichte an der Pariser Universität Sorbonne. Von 1970 an arbeitete er als Schriftsteller, Essayist, Drehbuchautor, Übersetzer und Dichter. Später gab er wichtige Werke heraus, wie "Gegenpredigten" und "Die Krankheit des Islam".

Doch ebenso hart ging er mit der verheerenden Gewalt amerikanischer Arroganz ins Gericht, die, so im Irakkrieg, unter dem Vorwand der "Befreiung" eine Unterdrückung einführe, die die arabische Welt in die Kolonialzeit zurückwerfe.

Kulturelle Amnesie

In den 2007 auch auf Deutsch erschienenen "Gegenpredigten" schreibt Meddeb, an lokale Rituale und Gebräuche anlässlich des Opferfestes erinnernd: "Das Überleben des Archaischen ist kostbar, denn es hält die Ästhetik der Maßlosigkeit lebendig, der Verausgabung als Ergänzung des Seins, die das Geschenk zirkulieren lässt."

Doch die Vermittlung des Wissens, so führt er fort, werde heute in der Trennung von der angestammten Kultur vollzogen. In der Tat ist es kaum einem postkolonialen Land gelungen, seine Bildungseinrichtungen zu Orten eines offen geführten, schöpferisch-kritischen Dialogs zwischen lokalen Traditionen, religiöser Orthodoxie und westlich-globalem Wissen zu machen.

Das sich auftuende Vakuum füllen religiöser Dogmatismus, Shopping Malls und Technikgläubigkeit – für Meddeb Symptome einer "unbewussten Verwestlichung", die verleugnet bleiben muss, will man den radikalen Monologismus der Ideologie nicht in Frage stellen.

Es ist bezeichnend für die zivilisatorische Tragödie und das verlorene Wissen um den kulturellen Reichtum des Islam, dass heute das Wort "archaisch" in Verbindung mit "Islam" nur noch Horrorbilder von Ehrenmord und IS hervorruft.

Die durch Verwestlichung und Fundamentalismus beförderte kulturelle Amnesie, die Meddeb nicht müde wurde zu beklagen, betrifft westliche wie islamische Gesellschaften gleichermaßen. Was bleibt, ist die fatale Polarisierung von sich absolut setzenden Identitäten, perpetuiert durch geschichtsblinde Phantasmen von vermeintlicher Reinheit und Eindeutigkeit.

Dass Kreativität, Entwicklung und Lebendigkeit nicht durch rigide Moral und Konformitätsdruck, auch nicht durch das andere Extrem der Verleugnung und verächtlichen Entsorgung der Tradition, sondern immer erst durch freies Denken, Grenzüberschreitungen und "untreue Treue" möglich werden, das hat kaum jemand so überzeugend gezeigt wie Abdelwahab Meddeb.

Bettina David

© Qantara.de 2014

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