Zenedine Zidane

Zizou – Kickeridol der maghrebinischen "Beurs"

Mit seiner faszinierenden Fußballkunst hat sich Zenedine Zidane in die Herzen der nordafrikanischen Einwanderer Frankreichs geschossen. Arian Fariborz stellt den Weltfußballer vor.

​​"Zizou, Zizou…!" – frenetisch feierten französische Fans in Portugal ihr großes Fußballidol Zenedine Zidane nach dem 2:1 Sieg im EM-Vorrundenspiel gegen England. Sprechchöre, die nicht nur im Estadio da Luz in Lissabon, sondern auch in Paris widerhallten, wo 8.000 Fußballbegeisterte den Ausgang des Matchs auf einer Großleinwand vor dem Pariser Rathaus verfolgten und ausgelassen ihre "Equipe Tricolore" mit Autokorsos und Hupkonzerten hochleben ließen.

Beckhams Alptraum

Möglich gemacht hatte die Niederlage der Briten kein anderer als Zidane, der seinen Gegenspieler David Beckham für dessen verpatzten Elfmeter alt aussehen ließ, als er kurz vor Spielende zwei Tore binnen weniger Minuten erzielte und damit Titelverteidiger Frankreich vor einer Blamage rettete. Der 31jährige Shootingstar von Real Madrid hatte es wohl ernst gemeint, als er vor dem Spiel in der englischen Zeitung "Daily Star" prophezeite, dass es keinen Zweifel gäbe, dass Frankreich gewinnen werde.

Zenedine Zidane, Foto: AP
Zenedine Zidane

Doch wer ist dieser talentierte Ballkünstler, der als Welt- und Europameister und Champions-League-Sieger alle Rekorde zu brechen scheint und laut einer UEFA-Umfrage zu Europas bestem Spieler der letzten 50 Jahre zählt? Angefangen hatte alles in La Castellane, einer tristen Vorstadt von Marseille, wo Zidane als eines von fünf Kindern muslimischer Einwanderer aus Algerien groß wurde. Bereits als kleiner Junge zeigte er seine bravourösen Stärken am Ball, wenn er zusammen mit seinen Kumpanen auf der Straße kickte, so dass schon bald Talentscouts auf ihn aufmerksam wurden. Mit 14 Jahren wurde er ins Fußballinternat von Cannes geholt, keine drei Jahre darauf spielte er schon beim AS Cannes in der ersten französischen Division.

Vom Straßenkicker der Banlieus zum internationalen Fußballstar

Besondere Unterstützung erhielt er in dieser frühen Phase seiner Karriere insbesondere von seiner Familie: "Was ich geworden bin, verdanke ich meiner Familie", so Zidane. Begeistert äußerte er sich vor allem über seinen gläubigen Vater Smail, der ihm gute Tugenden, Ernst und Anstand beigebracht habe. "Ich bin Muslim, praktiziere aber nicht, und ich bewundere meinen Vater, der sein ganzes Leben den Glauben praktiziert hat", erklärte Zidane einmal dem "Journal du Dimanche".

Durch die Initiative der Eltern kam Zidane schließlich bei einer Gastfamilie unter, um für die Fußballschule in Cannes zu trainieren. Von da an nahm Zidanes Erfolgsstory ihren Lauf: 1992 wechselte er vom AS Cannes zum Fußballklub Girondins Bordeaux, mit dem er es in das Finale des UEFA-Pokals schaffte.

In Michel Platinis Fußstapfen

In die Fußstapfen der französischen Fußballlegende Michel Platini trat er anerkanntermaßen bei seinem Länderspieldebüt 1994 gegen die Tschechische Republik. Als er in der 62. Minute ausgewechselt wurde, stand es 0:2. Das Spiel endete 2:2 und beide Treffer erzielte der Debütant Zidane. Rasch feierte der französische Fußballcrack Welterfolge: Für den Traditionsklub Juventus Turin, der ihn 1996 unter Vertrag nahm, holte er 1997 und 98` den italienischen Meistertitel. Mit dem triumphalen Sieg der französischen Nationalelf gegen die Brasilianer im WM-Endspiel 1998 avancierte Zidane zu Europas Fußballer des Jahres und FIFA-Weltfußballer.

Mit dem spanischen Rekordmeister Real Madrid, für den Zidane noch bis 2007 unter Vertrag ist, gewann er außerdem die Champions-League, den Supercup und eine spanische Meisterschaft. Zidane oder "Zizou" ("Die weiße Katze"), wie ihn seine Fans nennen, brilliert nicht nur mit seiner Leichtigkeit und Ballbeherrschung, mit der er seine Gegner regelmäßig austrickst und das Leder sicher ins Tor befördert, sondern vor allem auch durch seine Spielübersicht, Konzentration und Gelassenheit auf dem Feld.

Nie lässt er sich auf gegnerische Provokationen ein, bewahrt stets Ruhe und bleibt bis zur letzten Spielminute am Ball, wie das eindrucksvolle Match gegen die Engländer in der EM-Vorrunde erneut bewiesen hat. Doch neben dem Spitzensportler und Weltfußballer gibt es noch einen anderen Zidane, den "großen Bruder" der maghrebinischen Einwanderer in Frankreich, der "Beurs", die ihn wie keinen anderen Einwanderer als ihren großen Held feiern. Und es gibt den Zidane, der sich in der Heimat seiner Eltern für das Allgemeinwohl engagiert. So finanzierte er vor einigen Jahren die Leitungssysteme für die Wasserversorgung in dem kleinen algerischen Dorf Tagmount.

Engagement für Algerien

Auch das schwere Erdbeben in Algerien vor über einem Jahr ließ ihn nicht unberührt. Gegenüber spanischen Medienvertretern äußerte er sich besorgt um seine Verwandten in der algerischen Mannschaft: "Ich kann mich nach dem Erdbeben in Algerien nicht auf den Fußball konzentrieren. Ich kann zu meiner Familie momentan keinen Kontakt aufnehmen, weil in meiner Heimat alle Telefonleitungen zerstört sind. Ich bin in großer Sorge", erklärte Zidane. In seiner Heimatstadt Marseille veranstaltete er daraufhin zugunsten der Opfer der Erdbebenkatastrophe ein Benefizspiel, den so genannten "Coup de coeur".

Trotz seines sozialen Engagements für die Menschen in Algerien hat sich Zidane bisher nie zu politischen Statements über die Politik in dem Maghrebstaat hinreißen lassen – auch nicht über die Frankreichs. Nur einmal hat er sein politisches Schweigen gebrochen: Als der Chef des rechtsextremen Front National, Le Pen, den 31jährigen Profifußballer von seinen fremdenfeindlichen Ausgrenzungen ausnahm und als "Sohn Französisch-Algeriens" bezeichnete, reagierte Zidane ohne Umschweife: Er spiele jedenfalls garantiert nicht für Le Pen.

Arian Fariborz

© Qantara.de 2004

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