Die Macht der Bilder

In der Ausstellung vertreten, ist auch das renommierte, 2003 gegründete Fotojournalistenkollektiv Nar Photos. Gezeigt werden drei großformatige Bilder der Gezi Serie aus dem Jahr 2013, auf denen Demonstranten zu sehen sind, die massiver Polizeigewalt ausgesetzt sind.

Ausstellungsplakat zu "Arles 2018: Les Rencontres de la Photographie" (Quelle: www.billetterie-rencontres-arles.com)
Welche Rolle spielen die visuellen Künste in Zeiten der Repression: Dieser Frage gehen die Istanbuler Kuratorin Ilgın Deniz Akseloğlu und der Pariser Kurator Yann Perreau mit der Ausstellung "A Pillar of Smoke" nach. Die Ausstellung, die Teil des französischen Fotofestivals "Les Rencontres D'Arles" ist, zeigt die Arbeiten von 14 Fotografinnen und Fotografen sowie zwei Kollektiven, die in ihren Arbeiten auf vielfältige Art und Weise die zeitgenössische Türkei porträtieren.

Ungewöhnlich für eine fotojournalistische Serie ist der Verzicht auf Bildunterschriften, worüber jedoch der Begleittext aufklärt. Die drei Bilder gehörten zu einer achtteiligen Serie, die 2014 im Museum Istanbul Modern ausgestellt werden sollte. Die Museumsleitung verlangte jedoch, sie abzuhängen. Im Geist des Gezi-Protests werden die drei Bilder deswegen als Zeichen des Protestes ohne Zuordnung zu einem einzelnen Fotografen als Kollektivarbeit präsentiert.

Herausragend aufgrund ihrer konzeptionellen Stringenz und der damit verbundenen Aussagekraft sind die beiden Video-Arbeiten "Prison" und "School" von Ali Kazma aus der Serie "Resistance" von 2013. In fotografisch anmutenden, statischen Videobildern zeigt Kazma die menschenleeren Innenräume von öffentlichen Schul- und Gefängnisbauten und legt dabei frappierende visuelle Ähnlichkeiten offen. Die gezeigten Aufenthaltsräume, Mensen oder Kinosäle sind selbst auf den zweiten Blick kaum voneinander zu unterscheiden. Beide Orte sind von der Allgegenwart symbolischer politischer Macht geprägt, unter anderem durch Porträts des Republikgründers Atatürk.

Der inszenierten Fotografie hat sich die in Istanbul lebende Künstlerin Nilbar Güres verschrieben. Von ihr sind in Arles mehrere Bilder aus ihren Serien "TrabZONE" und "Çiçir" zu sehen. Das Bild "The Living Room" beispielsweise zeigt ein typisches Wohnzimmer mit großer Couchecke, in der vier Personen sitzen.

Zu sehen sind jedoch nur die Beine und Füße, die unter den Überwürfen herausschauen. Auf die Überwürfe sind Cocktailkleider drapiert, mit denen auf das Geschlecht der Dargestellten verwiesen wird. Güres verhandelt hier Fragen nach Geschlechteridentität sowie Sicht- und Unsichtbarkeit.

Für den Leiter der "Rencontres D'Arles", Sam Stourdzé, liegt die Bedeutung der Ausstellung darin, eine Tradition des Festivals fortzuführen und den Blick auch auf außereuropäische fotografische Traditionen zu richten. An den Arbeiten aus der Türkei überzeuge ihn, dass die gezeigten Künstler hervorragend die zeitgenössische visuelle Bildsprache inkorporieren und gleichzeitig tief in die komplexe lokale Situation eintauchen. Nachdem im vergangenen Jahr der iranischen Fotografie ein Forum gegeben wurde, bleibt zu hoffen, dass 2019 erneut ein Land aus dem Nahen oder Mittleren Osten fotografisch gewürdigt wird.

 

Felix Koltermann

© Qantara.de 2018

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. September in der Maison des Peintres in Arles zu sehen (täglich 10-19:30 Uhr).

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