Yasmina Khadra: "Die Engel sterben an unseren Wunden"

Eine toxische Geschichte

In Khadras neuem Roman trifft die gefährliche Welt des Profiboxsports auf das komplexe Geflecht der Kolonialpolitik. Mit Hilfe der Gedankengänge eines zum Tode durch das Fallbeil verurteilten Boxers gelingt dem berühmten algerischen Autor Yasmina Khadra die psychologische Durchdringung der Lage Algeriens zwischen den beiden Weltkriegen. Von Sherif Dhaimish

Bevor die Worte "Qu'on leur coupe la tete!" (Schlagt ihnen den Kopf ab!) hervorgestoßen werden, versetzt uns der Roman zwanzig Jahre zurück, in das Dorf Turambo, den Geburtsort und Namensgeber des algerischen Antihelden. Als Junge muss Turambo niedere Arbeiten annehmen – vom Schuhputzer bis hin zum Tellerwäscher in einem Bordell –, sehr zum Missbehagen des chef de famille, Onkel Mekki.

Als die Familie ihr dörfliches Ghetto verlässt und sich in der algerischen Küstenstadt Oran niederlässt, beginnt die Mutter des Jungen für eine bettlägerige, jüdisch-italienische Dame zu putzen, mit deren Sohn sich Turambo anfreundet. Diese prägenden Jahre seines Lebens offenbaren auf dem Hintergrund der brutalen postkolonialen Realität Algeriens das komplexe Zusammenwirken von Rasse, Stammesdenken und Religion und legen das chaotische Kräftespiel bloß, das den sozialen Strukturen des Landes zugrunde liegt.

Khadra geht das Problem auf verschiedenen Ebenen an, konfrontativ und Widersprüche aufdeckend, wenn auch erzählerisch eher flach. Das jüdische Erbe Algeriens erkundet er durch Turambos turbulente Freundschaft mit Gino, der später sein Manager wird. Er schildert die Randexistenz der nomadischen Zigeuner und natürlich die Schwierigkeiten des Protagonisten, als arabischer Berber unter französischen Kolonialherren.

In der schmuddeligen Unterwelt Algeriens

Yasmina Khadras Roman "Die Engel sterben an unseren Wunden" ("The Angels Die") im Verlag Gallic Books
"Khadras eigenwilliges Porträt des Boxsports, kombiniert mit Turambos Liebesnöten ergeben eine recht klischeehafte, rührselige Geschichte", so Sherif Dhaimish.

Frustriert von seinen vergeblichen Versuchen, seine geliebte Cousine Nora für sich zu gewinnen, widmet sich Turambo dem Boxsport, nachdem er sich der Ansicht seiner Mutter angeschlossen hat: "Liebe ist das Privileg der Reichen … Die Armen haben keinen Zugang dazu. Ihre Welt ist zu elend, als dass sie Platz für einen Traum hätte, ihre Liebesgeschichten sind ein Schwindel."

Noras Heirat mit einem reichen Landbesitzer aus Freda wird zum Katalysator, der Turambo in ein Leben der Gewalt treibt. Künftig setzt er seine Fäuste ein, um die Klassenschranken zu durchbrechen, die ihn an der Realisierung seiner elementarsten Wünsche und Bedürfnisse hindern.

Seine erfolgversprechende Boxkarriere macht die zwielichtige Unterwelt Algeriens auf ihn aufmerksam und verschafft ihm eine neue Liebe aus einem städtischen Bordell – die Prostituierte Aida, die zum Grund für das Scheitern seiner Karriere wird. Gewalt und Gier gehen eine toxische Verbindung ein, die letztlich zum Sturz des Helden führt.

Khadra erzählt effektvoll die Geschichte eines jungen Mannes, dessen "Herz seine Gründe hat, von denen der Verstand nichts weiß" – vielleicht die spannendste Ebene der Übersetzung.

In den vergangenen zehn Jahren veröffentlichte Khadra die "Algier- Trilogie" (Morituri, Doppelweiß, Herbst der Chimären) und danach "Die letzte Nacht des Muammar al-Gaddafi" (La Dernière Nuit du Rais) – ein scharfsinniger Roman über Gaddafis letzte Tage – sowie "Die Landkarte der Finsternis" (L'Équation africaine), die Geschichte eines moralischen Konflikts, erzählt aus dem Blickwinkel einer westlichen Geisel.

Der Mann hinter dem Pseudonym ist Mohammed Mousselehoul, ein Ex-Offizier der algerischen Armee, den die Zeitung The Independent einmal als "den Autor der vielleicht ambitioniertesten Werke, die in jüngster Zeit aus Frankreich gekommen sind" beschrieben hat.

Abneigung gegen "leicht konsumierbare Konsensliteratur"

In demselben Artikel findet sich auch die Behauptung, Khadra teile seine Abneigung gegen "leicht konsumierbare Konsensliteratur" mit Nobelpreisträger J.M. Coetzee, doch erstaunlicherweise ist "Die Engel sterben an unseren Wunden" wenig mehr als genau dies. Khadras eigenwilliges Porträt des Boxsports, kombiniert mit Turambos Liebesnöten ergeben eine recht klischeehafte, rührselige Geschichte.

Khadra verknüpft hanebüchene Stories aus der Boxwelt mit den Themen Freundschaft und Liebe/Lust, und hält damit die Leser seines "Vom-Tellerwäscher-zum-Fallbeil"-Romans einigermaßen bei der Stange – aber eben nur einigermaßen.

Der Autor gehört mit Ahlam Mosteghanemi und Assia Djebar zu den etablierten Vertretern des zeitgenössischen existenziellen Abenteuertums (Begriff rech. aus Adorno, "Jargon der Einheitlichkeit". A.d.Ü.) der algerischen Literatur, und auch wenn dieser Roman dafür kein Beleg ist, trifft er mit seinem aufklärerischen, extravaganten Ansatz doch einen Nerv.

Sherif Dhaimish

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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