Vom Palast zur Ruine

In einem dunklen Raum in einem Seitenflügel des Palastes sitzen rund 50 junge Architekten und Ingenieure konzentriert hinter Laptops und planen die Wiederauferstehung der Ruine. Die meisten haben sich die Technik mitsamt der nötigen Software selber besorgt. Improvisieren gehört in diesem staatlichen Projekt genauso zum Alltag wie Überstunden.

Draußen entkernen ein paar Dutzend Bauarbeiter das zerschossene Mauerwerk und räumen Schutt weg. Sie arbeiten mit Hammer und Schaufel, es sind keine Maschinen im Einsatz. Der älteste unter ihnen ist Mohammad Amin. Einer seiner Söhne ist vor vier Jahren nach Deutschland geflohen. "Wenn du mit einem Kranken zum Arzt gehst, dann hat der Kranke Hoffnung auf Heilung.

Diese Hoffnung auf Heilung haben wir auch", sagt der alte Mann und rumpelt mit einer Schubkarre davon, um die nächste Ladung Schutt zu holen. Von Hektik ist auf dieser Baustelle nichts zu spüren.

Darul Aman heißt "Platz des Friedens". Es war Afghanistans reformorientierter König Amanullah, der den Darul Aman-Palast in den 1920er Jahren erbauen ließ. Auf einem kleinen Hügel am westlichen Stadtrand, von einem deutschen Expertenteam unter Leitung des Architekten Walter Harten.

Darul Aman Palast mit Aufschrift Wir schaffen das. Foto: DW/S.Petersmann
"Wir schaffen das" auf Afghanisch: In übergroßen Buchstaben steht es an den Gerüststangen der Ruine. Von dem reformorientierten König Amanullah in den 1920er Jahren geplant, sollte der Palast Sitz des Parlaments werden. Nach Jahrzehnten des Krieges und der Zerstörung steht sein geplanter Wiederaufbau für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Amanullah wollte sein Land nach der Unabhängigkeit von Großbritannien öffnen. Der Prachtbau war als Sitz des Parlaments gedacht, doch der König wurde in einer konservativ-religiösen Revolte gestürzt. Sein Prestige-Palast ist heute ein weltweit bekanntes Symbol für den afghanischen Dauerkrieg. Der Wiederaufbau ist ein rein afghanisches Projekt und soll den Blick auf bessere Zeiten lenken.

Wiederaufbau mitten im Krieg

Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem in Afghanistan keine Bombe explodiert: Autobomben. Truck-Bomben. Menschliche Bomben. Auch in Kabul. Ist es sinnvoll, inmitten von Krieg, Terror und Gewalt einen zerstörten Palast aufzubauen? "Natürlich habe auch ich Angst", gibt die junge Statikerin Wazhma zu. "Wir wissen oft nicht, ob wir abends lebend nach Hause kommen. So ist unser Leben. Aber wir können doch deswegen nicht nur hoffnungslos zu Hause sitzen und nichts tun."

Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, die Ruine als ewiges Mahnmal des Krieges so zu belassen, wie sie ist? In einem Land, in dem täglich Menschen sterben, fliehen und hungern, kann so eine Restauration auch zynisch wirken.

"Wir müssen einfach positiv denken", antwortet Wazhma nach längerem Zögern. "Ich weiß, dass viele Menschen enttäuscht sind und glauben, dass sich hier nie etwas verändern wird. Aber ich habe Hoffnung, weil ich an die neue Generation glaube. Ich glaube an unsere Kraft und an unsere Ideen. Es gibt hier wirklich viele, die ihr Land verändern wollen."

Als die Sowjetunion Ende der 1970er Jahre in Afghanistan einmarschierte, war der Palast der Sitz des Verteidigungsministeriums. Zehn Jahre später zog die Rote Armee wieder ab - vertrieben von den afghanischen Mudschahedin. Wazhma Kurram kam zur Welt, als diese vom Westen hochgerüsteten Freiheitskämpfer ihren brutalen Bruderkrieg begannen.

Nach ihrem Sieg über die sowjetischen Besatzungstruppen konnten sich die verschiedenen Mudschahedin-Fraktionen nicht über die Aufteilung der Macht einigen. Ihr mörderischer Machtkampf zerstörte Kabul, der Westen schaute teilnahmslos zu. Der Palast verkam zur Schießscharte und zum Kugelfang.

Der Häuserkampf terrorisierte die Bevölkerung der afghanischen Hauptstadt und endete 1996 mit dem Aufstieg der Taliban. Wazhma wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder unter dem totalitären Regime der Religionsschüler um den langjährigen Taliban-Anführer Mullah Omar auf. Diese Zeit hat die 26-jährige geprägt.

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Leserkommentare zum Artikel: Die starken Frauen von Darul Aman

Sehr interessanter Artikel,
aber eine Sprache "Afghanisch" gibt es nicht!
In Afghanistan sind zwei Sprachen verbreitet:
1. Dari, dem Neupersischen sehr ähnlich, wohl Sprache eher der gebildeten
Oberschicht,
2. Pashto. Beides sind iranische Sprachen, Pashto ist stärker ostiranisch!
Beide Sprachen werden mit der arabischen Schrift im persischen Duktus geschrieben!
Beste Grüße
Wiebke Walther

De. Wiebke Walt...19.08.2017 | 17:48 Uhr