Weltsozialforum in Tunis

Offener Raum für Ideen

Eine Woche nach dem Anschlag auf das Bardo-Museum fand in Tunis das zwölfte Weltsozialforum statt. Bei der Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsgipfel trafen sich Aktivisten aus aller Welt, um über eine gerechtere Form der Globalisierung zu diskutieren. Mit dabei war auch der Sozialforscher Christian Schröder, Autor des Buches "Das Weltsozialforum". Mit ihm sprach Martina Sabra.

Sie sind vor wenigen Tage vom Weltsozialforum 2015 in Tunis zurückgekehrt. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse?

Christian Schröder: Das Weltsozialforum fand in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge in Tunis statt. Die Koordination machte von Anfang an klar, dass man nach dem Motto "Jetzt erst recht!" trotz des Terroranschlages auf das Bardo-Museum mit über 20 Toten am Programm festhalten würde. Die Auftaktdemonstration führte unter anderem zum Ort des Anschlages. Insgesamt fanden auf dem Universitätscampus El Manar in Tunis mehr als 1.000 Aktivitäten statt. In den Diskussionen ging es um die Themen Finanzmärkte und Verschuldung, Austeritätspolitik, Migration, Demokratie, Religion, Gender, Umwelt, Arbeit, nationale Souveränität und Medien.

Bei so vielen Themen, bestand da nicht das Risiko der Beliebigkeit?

Schröder: Eine gewisse Struktur vermittelten die thematischen Sozialforen, wie das Weltsozialforum für Gesundheit und soziale Sicherheit oder das Sozialforum Umwelt. Diese transnationalen Initiativen organisieren sich im Rahmen des Weltsozialforums, bilden aber zugleich unabhängige Räume des thematischen Austauschs und der Entwicklung von (Protest-)Strategien. Für mich persönlich sehr wichtig war das "Weltforum für Freie Medien", das parallel zum Weltsozialforum tagte.

Wir haben es geschafft, an die Diskussionen von 2013 anzuknüpfen und eine internationale Charta zu verabschieden, die inzwischen bereits in mehreren Sprachen vorliegt. Angesichts des produktiven Austausches über politische Themen und neue Netzwerke und Initiativen, wie dem Internet Sozialforum oder dem Netzwerk TRANSMESH, das eine Brücke zwischen Medienaktivisten und Hackern schlägt, fällt mein persönliches Resümee des Weltsozialforums sehr positiv aus.

Buchcover "Das Weltsozialforum" von Christian Schröder
"Faszinierend ist, dass der scheinbaren Alternativlosigkeit des Neoliberalismus mit all seinen Sachzwängen etwas entgegen gesetzt wird. Eine andere Welt ist eben doch möglich", meint Christian Schröder, Autor des Buches "Das Weltsozialforum".

Offenbar ging es aber nicht nur harmonisch zu, sondern es gab auch Proteste, unter anderem der Freiwilligen?

Schröder: Ja. Anstatt Freiwillige kurz vor einem Weltsozialforum vage einzuarbeiten und sie ausschließlich als Hilfskräfte einzusetzen, bräuchte es mehr Spielräume für politisch engagierte Tunesier, die sich dem Weltsozialforum aufgrund ihrer Vision einer anderen Welt widmen und sich mit ihren Ideen aktiv und verantwortlich in die Planung und Gestaltung des Weltsozialforums einbringen. Allerdings kann man auch nicht einige wenige Veranstaltungstage als Grundlage für eine Bewertung nehmen. Viel wichtiger ist die gemeinsame monatelange Vorbereitung der Gruppen und Individuen. International gibt es immer mehr politische Initiativen, die eigene Sozialforen für das Forum mobilisieren. In Tunesien selbst scheint der Organisationsprozess allerdings nicht mehr, sondern eher weniger politische Gruppierungen einbezogen zu haben.

Für viele ist das Weltsozialforum eine ziemlich abstrakte Angelegenheit. Was hat Sie an dem Thema so fasziniert, dass Sie sich gleich mehrere Jahre damit befasst und eine Doktorarbeit darüber geschrieben haben?

Schröder: Das Weltsozialforum ist zunächst einmal ein Protestereignis, bei dem Kritiker einer vorwiegend von wirtschaftlichen Interessen gesteuerten Politik zusammenkommen. Dieses Thema war Anfang der 2000er Jahre brandaktuell und ist es meiner Meinung nach auch heute noch. Faszinierend ist, dass der scheinbaren Alternativlosigkeit des Neoliberalismus mit all seinen Sachzwängen auch etwas entgegen gesetzt wird. Eine andere Welt ist eben doch möglich.

Diese simple Idee, dass es eben auch anders geht, scheint eine solche Mobilisierungskraft zu entfalten, dass sich trotz mannigfacher kultureller, sprachlicher, ökonomischer und politischer Barrieren zehntausende Menschen auf den Weg machen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Weltsozialforum hat anscheinend ein einendes Band geschaffen, das seit der Jahrtausendwende bis heute hält. Ich wollte mehr darüber herausfinden und wissen, woraus dieses Band besteht.

Das Weltsozialforum ist auch wissenschaftlich ein interessanter Fall, denn es widerspricht den gängigen Theorien über den typischen Verlauf von Protestbewegungen. Im Großen und Ganzen geht man davon aus, dass eine soziale Bewegung über kurz oder lang entweder zerfällt und damit verschwindet oder sich zu einer NGO oder Partei entwickelt. Eine Beteiligung an der Macht geht oft auf Kosten ideeller Ziele. Das Weltsozialforum erhält seinen Bewegungscharakter aufrecht, indem es ein offener Raum für Ideen geblieben ist.

Das Weltsozialforum ist im sogenannten globalen Süden entstanden, doch Kritiker sagen, dass Teilnehmer aus dem Süden immer mehr Schwierigkeiten haben, gleichberechtigt teilzunehmen – aus Kostengründen und wegen Visaproblemen. Sie selbst haben 2013 bei einem Workshop die "Dekolonialisierung des Weltsozialforums" gefordert. Was meinen Sie damit?

Schröder: Richtig ist, dass die meisten internationalen Teilnehmer aus Ländern des globalen Nordens (Europa und den USA) kommen. Sie sind in der Regel gut gebildet und gehören gewiss auch nicht zu den ärmsten Menschen in ihren Ländern. Es gibt aber auch Solidaritätsfonds für Reisekosten von Menschen aus ärmeren Ländern. Das Weltsozialforum kann natürlich nicht die globalen Einkommensunterschiede kompensieren. Aber das Schöne beim Weltsozialforum ist, dass Begriffe wie Dekolonalisierung keine leeren Worthülsen sind. Denn das Weltsozialforum ist vor allem ein Raum der Begegnung. Dort wird durchaus kontrovers diskutiert, aber man lernt auch viel voneinander.

Eröffnungsfeier des 12. Weltsozialforums in Tunis; Foto: picture-alliance/abaca/F. Nicolas
Knapp zwei Wochen nach einem blutigen Terroranschlag in Tunesien hat das 12. Weltsozialforum (WSF) ein Zeichen für Menschenrechte gesetzt. Unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" kamen Zehntausende Globalisierungsgegner in der tunesischen Hauptstadt Tunis zusammen.

Das Weltsozialforum steht ja eigentlich für Demokratie, Menschenrechte und Bürgerengagement auf Augenhöhe. Die sogenannte "Charta des Forums" verbietet aber gemeinsame politische Statements, auch Politiker dürfen nicht auftreten. Einige Kritiker sprechen von einem unpolitischen Festival. Ist es das? Und wie sehen Sie die Zukunft des Weltsozialforums?

Schröder: Das Weltsozialforum ist zunächst ein Ort der Zivilgesellschaft. Dadurch, dass man im Namen des Weltsozialforums keine politische Position vertreten darf, d.h. also eigene Forderungen im Namen aller formulieren darf, erhält sich eine breite Vielfalt an Teilnehmern. Niemand wird ausgeschlossen. Alle eint, dass man sich für eine andere Welt einsetzen. Diese andere Welt kann nicht im Alleingang, sondern nur gemeinsam erreicht werden. Das Selbstverständnis von Sozialforen habe ich in meinem Buch als "Inseln der Utopie" gedeutet. Die Idee einer anderen Welt soll auf einem Forum selbst praktisch erprobt werden. Trotz aller Unterschiede der Kultur, der Sprache, des Bildungshintergrunds entsteht mit jedem Sozialforum etwas Neues.

Ein anders gewichtetes Weltsozialforum, das vor allem auf der lokalen Ebene versucht politisch Interessierten und Aktivisten/-innen einen Raum des Austausches und ihres Engagement zu bieten, verspricht das nächste Weltsozialforum in Kanada zu sein, das nun aller Voraussicht nach im August 2016 stattfinden wird. Das Organisationskomitee in Montreal arbeitet bereits seit etwa zwei Jahren an der Idee, ein Weltsozialforum in Kanada zu veranstalten. Es versteht sich als offenes Kollektiv von Individuen, indem sich jeder unabhängig von seiner Einbindung in eine Protestbewegung oder seiner Position als Vertreter/-in einer Gewerkschaft oder Nichtregierungsorganisation als gleichwertiges Mitglied einbringen.

Interview: Martina Sabra

© Qantara.de 2015

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