Was kommt nach Pegida?

Die Bewegung scheint am Ende, aber ihre Gedanken leben

Das Wintermärchen der Pegida-Aktivisten geht dem Ende zu. Wir verdanken das nicht nur den inneren Streitigkeiten und der verworrenen Agenda Pegidas, sondern ebenso den zahlreichen Gegendemonstrationen. Es hat sich gezeigt, dass die Zivilgesellschaft gegen einen Aufmarsch des rechten Lagers zusammensteht. Ende gut, alles gut? Antworten von Stefan Weidner

Die Ablehnung Pegidas durch eine breite Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit, so wichtig und beeindruckend sie gewesen ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wesentliche Elemente des Gedankenguts, auf das sich Pegida beruft, bis weit in die gesellschaftliche Mitte reichen und von zahlreichen Denkern, Wissenschaftlern, Publizisten, Politikern und Medien seit vielen Jahren mit verblüffendem Erfolg propagiert werden.

Die allgemeine Distanzierung von Pegida deshalb Augenwischerei zu nennen, wäre übertrieben. Aber ohne Auseinandersetzung mit den dahinterstehenden Ideologien, Meinungsbildern und Ressentiments bleibt sie oberflächlich und billig. Und es könnte so scheinen, als würde die Ablehnung mehr die äußere Gestalt des Protests als die dahinterstehenden Inhalte betreffen, die in anderer Verpackung durchaus wieder einen Platz in der Politik und in den Medien einnehmen können – so wie sie ihn immer schon eingenommen haben.

Gemeinsamer Nenner

Aus dem Knäuel an Meinungen und Ideologemen, die für Pegida charakteristisch sind, ragt ein Element als gemeinsamer Nenner heraus. Es ist der Teil des Namens von Pegida, der bleibt, wenn sich die Vorsilbe ändert: "Gegen die Islamisierung des Abendlandes".

Die Rede (der Mythos, die Mär) von der angeblich bevorstehenden oder sich bereits vollziehenden Islamisierung des Abendlandes ist die Kernaussage einer Lehre, die unter dem beschönigendem Titel Islamkritik ein selbstverständlicher Bestandteil des deutschen und europäischen Meinungsspektrums geworden ist – ein so selbstverständlicher Bestandteil, dass viele an der Verbreitung dieser Lehre mitwirken, die sich über die Implikationen offenbar nicht im Klaren sind.

Es lohnt sich an dieser Stelle, kurz aufzuzeigen, wie tief diese Lehre – oder Ideologie – bis in die Mitte der Zivilgesellschaft durchgedrungen ist und wie selbst solche Akteure, die über den Vorwurf des Rassismus erhaben sind, ihr unbewusst aufsitzen. Niemand würde zum Beispiel auf die Idee kommen, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels und den vom ihm alljährlich gestifteten Friedenspreis mit Pegida, Rassismus und anti-islamischen Hetzschriften in Verbindung zu bringen. Und doch ist, ohne dass der Börsenverein dafür direkt verantwortlich gemacht werden könnte, selbst das mittlerweile möglich geworden.

Algerischer Schriftsteller Boualem Sansal; Foto: picture-alliance/dpa
Unreflektierte Verbreitung anti-islamischer Ressentiments: "Schon der Untertitel des Buches von Boualem Sansal tut mehr und anderes: Er zementiert ohne sachliche Grundlage das islamkritische Ressentiment, aus dem er erwachsen ist", kritisiert Weidner.

2011, im Jahr der arabischen Revolutionen, erhält der auf Französisch schreibende algerische Autor Boualem Sansal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Man kann über die Gründe spekulieren, warum ausgerechnet dieser nur mäßig bedeutende Autor in jenem historischen Jahr den angesehensten in Deutschland vergebenen Preis erhält, aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist vielmehr, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels durch diesen Preis unbewusst einem Autor Glaubwürdigkeit verliehen hat, der die Schlagworte des anti-islamischen Ressentiments unreflektiert verbreitet.

Zementierung islamkritischer Ressentiments

Der Titel seines letzten, 2013 erschienenen Buchs lautet: "Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert" (Merlin Verlag, Gifkendorf 2013). Sansal, der als frankophoner Berber von den arabischen Dschihadisten im algerischen Bürgerkrieg unmittelbar bedroht war, hat handfeste persönliche Gründe, sich über die Entwicklungen im Islam und die Gewalt im Namen dieser Religion zu beklagen und davor zu warnen, und es ist sein gutes Recht. Aber schon der Untertitel seines Buchs tut mehr und anderes: Er zementiert ohne sachliche Grundlage das islamkritische Ressentiment, aus dem er erwachsen ist. Wer die befremdliche Frage stellt, wie der Islamismus die Welt erobert, suggeriert, dass diese Eroberung der Welt durch den Islamismus stattfindet.

Die Eroberung der ganzen Welt? Bei Pegida ist es immerhin nur das Abendland, könnte man spotten. Auffälligerweise ist der französische Titel: "Gouverner au nom d'Allah. Islamisation et soif de pouvoir dans le monde arabe", trotz des hier wie bei Pegida auftauchenden Begriffs der Islamisierung ("Islamisation") differenzierter und – auch schon im Obertitel – sachlicher als der deutsche, weil er die Islamisierung eben allein für die arabische Welt konstatiert.

Die bei Sansal im Original allenfalls angedeutete Stoßrichtung wird vom deutschen Verlag auf unverantwortliche Weise verallgemeinert und als "Islamisierung der Welt" mit den Dogmen der Islamkritik kompatibel gemacht.

Weder Verlag noch Autor, die sich gegen jede Nähe zu Pegida sicherlich entschieden verwahren würden, haben offenbar ein Gespür für den Missbrauch, der mit dem Islamthema getrieben wird.

Wie so viele, die sich dazu äußern, dürfen wir davon ausgehen, dass sie nicht die Absicht haben, anti-islamisches Ressentiment zu schüren, fremdenfeindliche Ideologeme zu verbreiten und mit dem Prüfsiegel des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels den Pegida-Aktivisten die Argumente in die Hände zu spielen. Doch das mangelnde Gespür vermählt sich in diesem Fall wie in vielen anderen auf unschöne Weise mit der Spekulation auf die bessere Verkäuflichkeit des reißerischen islamkritischen Titels.

Islamkritik als Geschäft

Buchcover "Anti-Pegida. Eine Streitschrift"
Das Buch "Anti-Pegida. Eine Streitschrift" des Publizisten und Islamwissenschaftlers Stefan Weidner erscheint Ende Februar 2015 als E-book bei Amazon Kindle Singles.

Denn nicht zuletzt ist Islamkritik ein Geschäft. Wollte ich als Autor mit dem Islamthema Geld verdienen, müsste ich sofort die Seiten wechseln. Und hält man die Verkaufszahlen seriöser Bücher über den Islam einerseits, islamkritischer Schriften andererseits gegeneinander, wird einem aufgeklärten Menschen schwarz vor Augen.

Und so passiert es, dass aus der sachlich immerhin vertretbaren Aussage einer "Islamisierung in der arabischen Welt", wie es bei Sansal im französischen Untertitel heißt, eine "Eroberung der Welt" an und für sich wird.

Sansal und sein deutscher Verlag sind nur ein vergleichsweise harmloses Beispiel für die in ihrer Problematik kaum noch wahrgenommene Präsenz Pegida-naher islamkritischer Phrasen selbst in einer sich als politisch korrekt begreifenden und kulturaffinen Öffentlichkeit.

Ruft man bei Amazon den Titel von Sansal auf, erfährt man, wofür sich die Käufer dieses Buchs sonst interessieren, und sogleich bekommt man (wen wundert's?) eine ganze Palette übelsten islamkritischen Schrifttums auf dem Bildschirm ausgebreitet.

Schaut man sich an, um wen es sich bei den dort auftauchenden Autoren handelt, in welchen Verlagen sie veröffentlichen, welche Medien ihnen ein Forum bieten, wer sie einlädt, verteidigt, hofiert und mit Ehrungen, Preisen, Professuren auszeichnet; schaut man sich an, welche Ideen genau diese Menschen verbreiten und vergleicht man diese Ideen dann mit denen, die für Pegida zentral sind, so weiß man, dass Pegida kein Randphänomen ist und dass, wenn Pegida demnächst von den Straßen verschwunden ist, die Gedanken, die Pegida hervorgebracht haben und die wir seit langem kennen, bleiben werden.

Wenn der Widerstand gegen Pegida ernst genommen und ihm zur Nachhaltigkeit verholfen werden soll, muss den islamkritischen Propagandisten die Maske vermeintlicher Ehrbarkeit abgerissen werden. Die Islamkritik gut zu finden, den Straßenprotest von Pegida aber zu verurteilen, ist in etwa so heuchlerisch, als würde man die Homosexualität an und für sich zwar gutheißen, ja sogar eifrig praktizieren, sich von der öffentlichen Zurschaustellung in Form eines Christopher Street Days aber distanzieren, ja seine Abscheu dagegen bekunden und sagen, dass man es soweit nun doch nicht treiben wolle.

Was, wenn nicht Pegida, hat Thilo Sarrazin, haben seine vielen hunderttausend begeisterten Leser, haben die unzähligen Leser all der anderen Islamkritiker gewollt? Wer aber nun, wie wohl alle Pegida-Mitmarschierer, der Rhetorik der Islamkritiker auf den Leim gegangen ist und geglaubt hat, mit der schweigenden Mehrheit im Rücken auf der Straße zu stehen, könnte sich verraten fühlen.Jahrzehntelang hat man den Leuten die Welteroberungssucht des Islams vorgebetet, mit Duldung des gesamten politischen Establishments sogar einen Bundespräsidenten aus dem Amt gejagt, der in dieses Gebet nicht mit einstimmen, ja, welch eine Chuzpe!, nicht einmal dazu schweigen wollte, und wundert sich dann, dass die Leute aus Wut auf die Straße gehen, wenn sie sehen, dass die anti-islamische Stimmung zwar weit verbreitet ist, sich aber nicht in eine spürbare Politik umsetzt.

Pegida-Demo in Dresden, Foto: picture-alliance/dpa/A. Burgi
Diffuses Sammelbecken aus Wutbürgern, Islamophoben, Rechten, Neoliberalen und radikalen Laizisten: "All diese Widersprüche, die sich in den Pegida-Demonstrationen jeden Montag gespiegelt haben, machen aus der Islamkritik eine zugleich perfekt getarnte, sich nie in ihrer Gesamtheit zu erkennen gebende, beinah guerillahaft agierende, aber letztlich apolitische Bewegung", konstatiert Weidner.

Da standen sie dann im Winter auf der Straße, und es wurde ihnen von denjenigen, die ihnen die Ideen gegeben und sie aufgestachelt haben, gesagt: Ihr seid Rassisten! Wenn das keine Niedertracht ist, was wäre Niedertracht dann? Fast könnte man Mitleid mit Pegida bekommen.

Das Dilemma der Islamkritik

Das Dilemma von Pegida ist aber nichts anderes als das Dilemma der Islamkritik selbst. Man hat inzwischen guten Grund zu der Annahme, dass es hinter der islamkritischen Bewegung überhaupt keine konkrete politische Agenda gibt. Sie ist, ganz wie Pegida, viel zu heterogen dafür, besteht aus Rechten und Linken, hat Anhänger in allen unseren Parteien, vereint Marxisten und Neonazis, Alt-68er wie Bazon Brock und junge Neoliberale wie Bernd Lucke, Antisemiten und Pro-Israel-Aktivisten, Feministinnen und Zigarrenraucher, Homosexuelle und Schwulenhasser, Putinisten und Transatlantiker, radikale Laizisten und radikale Christen und nicht zuletzt unzählige Muslime mit großer, nicht selten nachvollziehbarer, aber leider oft sehr undifferenzierter Wut auf die Kultur ihrer Herkunft.

All diese Widersprüche, die sich in den Pegida-Demonstrationen jeden Montag gespiegelt haben, machen aus der Islamkritik eine zugleich unmögliche und perfekt getarnte, sich nie in ihrer Gesamtheit zu erkennen gebende, beinah guerillahaft agierende, aber letztlich apolitische Bewegung.

Die eigenartige Spaltung in Deutschland, die sich an der Ablehnung Pegidas einerseits, der Allgegenwart islamkritischer Vorurteile andererseits zeigt, dürfte auch damit zu erklären sein, dass die meisten Menschen trotz eines leisen Unbehagens mit der Situation und Politik in Deutschland letztlich einigermaßen zufrieden sind und an einer großen Wende der Politik, sei es nach rechts, sei es nach links, kein Interesse haben.

Statt also das Unbehagen politisch umzumünzen, pflegt man, um sein Mütchen zu kühlen, das anti-islamische Ressentiment, ohne doch deswegen gleich im Winter und bei Regen auf die Straße gehen zu wollen. Noch scheint die Regierung alles im Griff zu haben, und mit den Neonazis, die eben auch bei Pegida mitmarschieren, will nun wirklich niemand etwas zu tun haben.

Zwischen Bewusstseinsspaltung und weltanschaulicher Schizophrenie

Wollen wir von dieser Bewusstseinsspaltung und weltanschaulichen Schizophrenie – gegen Pegida, aber nicht gegen Islamkritik – abkommen, müssen wir uns und unsere Weltbilder gründlicher in Frage stellen als bisher. Dann genügt es nicht, durch die simple Ablehnung von Pegida unsere anti-rassistische Gesinnung kundzutun und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Denn es geht dabei nicht um unser Seelenheil, vielmehr hat die Haltung der Mehrheitsgesellschaft zu den im Land lebenden Minderheiten unmittelbare praktische Konsequenzen.

Es ist unmöglich, Phänomene wie das Massaker von Anders Breivik am 22.7.2011 in Norwegen, wie den Dresdener Gerichtssaalmord am 1.7.2009, den Brand von Asylbewerberunterkünften und erst recht die langjährige Mordserie der NSU zu verstehen und in Zukunft derartiges zu verhindern, ohne zu begreifen, dass die Täter nicht nur von der Islamkritik indoktriniert waren, sondern davon ausgegangen sind und sich mit guten, statistisch belegbaren Gründen einbilden durften, im Namen vieler, wenn nicht einer schweigenden Mehrheit der Bevölkerung zu handeln.

Wenn der Islam, wie alle, sogar Friedenspreisträger, sagen, "mit dem Schwert", so die beliebte Phrase, die Welt erobert, warum darf man sich dann nicht ebenfalls mit Waffen dagegen wehren, lautet die gar nicht so unlogische Logik der Mörder völlig unschuldiger und – aber darauf hinzuweisen, kommt fast schon einem Kotau vor der Islamkritik gleich, denn es ist völlig egal – bestens integrierter Menschen.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Die Bewegung scheint am Ende, aber ihre Gedanken leben

Der Vergleich von PEGIDA und Homosexuellen ist nicht besonders feinfühlig. Da wird eine eindeutig negative Bewegung (PEGIDA) mit der sexuellen Neigung Homsexueller auf eine Stufe gestellt, was die Vermutung aufdrängt, der Autor habe etwas gegen Homosexuelle.

Bei der ganzen Debatte um eine Islamisierung Deutschlands, Europas oder der Welt wird eigentlichlich nie klar definiert, was überhaupt eine Islamisierung ist. Ist es schon Islamisierung, wenn Muslime hier leben oder ist es erst Islamisierung, wenn die Muslime ein Kalifat oder was auch immer errichtet haben, in dem islamisches Recht angewandt wird (zumindes wie es die dann Herrschenden auslegen und verstehen)? Oder ist es irgendetwas dazwischen, also z.B. wenn Muslime sich Rechte erkämpfen, die ihnen das Grundgesetz eigentlich längst gewährt, die ihnen aber dennoch verwehrt werden?

Erlaubt sein muß es jedenfalls weiterhin, sich mit dem Islamismus, der nach einem neueren Video des IS offenbar tatsächlich die Welt erobern möchte, kritisch auseinanderzusetzen. Dabei ist aber Feingefühl gegenüber den Muslimen gefordert, die nicht die Auslegung der Islamisten teilen.

Bern Schneider17.02.2015 | 11:07 Uhr

Herrlich, dieser Satz: "Es hat sich gezeigt, dass die Zivilgesellschaft gegen einen Aufmarsch des rechten Lagers zusammensteht."

Herr Weidner nennt die gedungenen Antifa-Randalierer, die extra mit Bussen der Gewerkschaften und Parteien rangekarrt wurden und mit Konzerten aus Steuergeldern bespaßt wurden, "Zivilgesellschaft". Köstlich, dieser Humor. Es wurden ganze Schulklassen gezwungen, an Gegendemos teilzunehmen. Was passiert, wenn Parteien und Gewerkschaften nichts mehr springen lassen, sah man gestern in Dresden: Ein erbärmliches Häufchen von linken Gegendemonstranten (400).
Diese "bunte" und "weltoffene" "Zivilgesellschaft" ist nur eine Chimäre. Die patriotischen Demonstranten bei den *GIDAS und sonstwo sind echt!

Aus dem Volk17.02.2015 | 13:52 Uhr

Sie sagen es selbst Herr Weidner, dass die Pegida-Bewegung sehr heterogen ist und viele Anhänger aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Herkunft hat. Das macht meiner Meinung nach eher deutlich, dass diese Anhänger eher Schwierigkeiten mit sich selber haben und diese Dynamik der kollektiven Unzufriedenheit mit sich selbst, kann nun mal solche Ausmaße nehmen wie die Pegida. Letzendlich haben die Anhänger ihre eigene Unzufriedenheit mit sich selber auf das Thema Islam ganz stark projeziert. Ich würde sogar behaupten, dass eine Sublimierung stattgefunden hat. Ich verstehe nur nicht, wie man so unreflektiert überhaupt solche Gruppendynamiken und Gruppenprozesse vor allem als Anhänger aushalten kann. Da merkt man eher, wie emotional krank diese auch sind. Viele persönliche Gefühle kommen meiner Meinung so in einer geballten Form öffentlich zum Ausdruck. Hass - Wut - Ärger - Angst - Enttäuschung etc. Ich finde diese Emotionen sind den einzelnen Anhängern aus dieser Bewegung zuzuordnen, welches mit ihrer Biografie zu tun haben. Die Pegida-Bewegung sollte eine Ventilator sein dies öffentlich auszudrücken. Für viele Menschen ist die Auseinandersetzung mit ihren persönlichen Gedankeninhalten schwer aushaltbar, denn es gibt nun mal sehr viele destruktive und rassistische Gedanken, die normalerweise eine kognitive Umstrukturierung bedürfen, welches ein langwieriger Prozess ist. Hierfür muss man, wenn man sich weiter entwickeln will, natürlich die Bereitschaft zeigen. Dennoch möchte ich zum Ausdruck bringen, dass viele Menschen nicht bereit sind ihre eigenen Schattenseiten zu sehen und zwar einfach aus Angst. Man macht täglich eigentlich die Erfahrungen mit rassistischen und diskriminierenden Inhalten - sei es in der Schule, auf der Arbeit oder beim Einkaufen - nur, die Menschen merken es nicht, weil es eine verdeckte und schleichende Form von Diskriminierung ist. Die verdeckte Form und somit die heimtückische Form des Rassismus muss man ernster nehmen – vor allem ist sie schwieriger wahrzunehmen, weil es mit Gefühlen zu tun hat. Solche Diskriminierungen finden leider auch oft in strukturellen Ebenen statt.

Die Disposition der Gedankeninhalte verlangt daher eine Offenheit. Eine Offenheit, die leider nicht viele mitbringen und auch haben. Es wird immer behauptet, dass Muslime bzw. Türken oder Araber sich nicht integrieren würden. Diesen kann man so nicht zustimmen, denn Deutschland verfügt über genug ausreichende Migranten mit muslimischen Herkunft, die sehr erfolgreich sind. Die Frage, die ich mir auch immer wieder stelle ist, wie weit muss man sich denn integrieren. Integrieren soll nicht heißen Assimilation. Denn gerade Assimilation kann zu schwerwiegenden Identitätsproblemen führen.

Ich glaube, dass viele sich auch radikalisieren, weil vorher sie schon sehr viele Erfahrungen mit Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung gemacht haben. Ihr Versuch akzeptiert zu werden ist gescheitert. Deswegen gehen sie für sich selbst einen klaren Weg. Natürlich sollte man über die Islamisierung sprechen, es analysieren aber auch hinterfragen, warum auch sehr viele Menschen in den Islam konvertieren. Was hat diese Menschen bewegt in den Islam zu konvertieren? Gab es persönliche Krisen? Wie erleben sie den Islam? Wie fühlen sie sich dabei? Was macht den Islam so einzigartig in seiner Ideologie? Deutschland benötigt mehr Studien über den Islam. So lernt man auch den Islam auf wissenschaftlicher Ebene kennen, was ich befürworte, da Menschen, die den angeblichen Islam ausleben auch nicht immer verstehen. Islam ist an sich sehr komplex und vielschichtig. Es dringt in alle Lebensbereiche ein. Man sollte versuchen den Islam interdisziplinär zu betrachten. Das tun viele nicht. Es ist nicht nur die Theologie. Verschiedene Disziplinen treffen sich hier und genau das sollte man versuchen in Studien festzuhalten, es auswerten und analysieren.

Aisha20.02.2015 | 23:09 Uhr