Wahid Hashemian

"Im Fußball ist alles möglich!"

Wahid Hashemian war einer der führenden Spieler der iranischen Nationalelf während der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Im Gespräch mit Farid Ashrafian äußert er sich über den Generationswechsel im iranischen Team und die Perspektiven für die WM in Brasilien.

Herr Hashemian, es sind mittlerweile acht Jahre vergangen, seitdem die iranische Nationalmannschaft das letzte Mal an einer Fußballweltmeisterschaft teilgenommen hat. Damals waren Sie dabei. Welche Erinnerungen haben Sie noch an das Spiel Ihrer Mannschaft?

Wahid Hashemian: Ich habe sehr gute Erinnerungen an die WM in Deutschland. Wir hatten damals Glück, dass wir in einem Land spielen durften, in deren Liga wir ja bereits aktiv waren. Deutschland hatte diese WM wirklich exzellent organisiert. Außerdem haben wir meiner Meinung nach einen guten Job gemacht, vor allem die Spiele gegen Mexiko und Portugal, die zu den besten Teams gehörten und beide in das Achtelfinale kamen. Die Konflikte zwischen dem iranischen Verband und der FIFA haben natürlich die guten Erinnerungen etwas überschattet. Aber im Großen und Ganzen ist es für jeden Spieler, der an einer Weltmeisterschaft teilnimmt, stets eine große Ehre, dabei zu sein. Für mich gilt das selbstverständlich auch.

Sie haben angedeutet, dass der Iran in der Gruppenphase vor allem gegen Mexiko und Portugal sehr gute Spiele gemacht hat. Hätte zu dieser Zeit die Möglichkeit bestanden, dass der Iran den zweiten Platz in der Gruppe belegt und dadurch ins Achtelfinale kommt?

Hashemian: Sehen Sie, wir haben gegen ein Team wie Portugal gespielt, das selbst für die Mexikaner, die an sich eine sehr gute Mannschaft haben, eine große Herausforderung darstellte. Man darf sich nie zu gering einschätzen oder von vornherein als Verlierer einstufen. Dennoch waren diese Teams realistisch betrachtet gewiss besser als wir. Wenn wir aber damals etwas mehr professionelle und internationale Erfahrung gehabt hätten und es weniger Konflikte im Team gegeben hätte, wäre z.B. ein Unentschieden gegen Mexiko oder Portugal möglich gewesen. Denn bis zur 70. Minute stand es bei beiden Spielen unentschieden und dann hätten wir vielleicht auch noch Angola geschlagen. Aber gut, diese Spekulationen bringen nichts. Nicht, wenn die besten Mannschaften der Welt versammelt sind.

Iranische Fans hängen Nationalfahne aus einem Wohnhaus in Rio de Janeiro am 13. Juni 2014; Foto: Joe Raedle/Getty Images
Der Iran war bislang bei drei Fußball-Weltmeisterschaften mit von der Partie: 1978 in Argentina, 1998 in Frankreich und 2006 in Deutschland. Als großer Sieg wurde vor allem der 2:1-Erfolg gegen die USA 1998 gefeiert. Heute lehnen sich die iranischen Fans für größere Erfolge aus dem Fenster ...

Werfen wir einen Blick auf die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien und die Teilnahme der iranischen Nationalmannschaft an diesem Wettbewerb. Welche Spieler werden bei dieser WM mitspielen, die bereits im Jahre 2006 das Trikot der iranischen Nationalmannschaft getragen haben (wie z.B. Javad Nekounam und Masoud Shojaei)? Inwieweit unterscheidet sich die jetzige Generation der iranischen Nationalmannschaft von Ihrer Generation? Und welche Chancen hat die iranische Mannschaft bei dieser WM in Brasilien?

Hashemian: Andranik Teymourian, der damals als ein sogenanntes Phänomen der iranischen Nationalmannschaft galt und gute Arbeit geleistet hat, wird in Brasilien dabei sein. Genauso wie Javad Nekounam und Masoud Shojaei, der damals aber wenig gespielt hat. Ich glaube, Amirhossein Sadeghi, Verteidiger aus dem Esteqlal-Team, war 2006 dabei und wird auch jetzt für den Iran spielen. Ansonsten hat es einige neue Entwicklungen im iranischen Team gegeben: Wir haben einige neue Spieler sowie einen neuen Trainer und somit existieren auch einige Unterschiede im Gegensatz zur Nationalmannschaft von 2006.

Glauben Sie, dass es dieses Team auch ins Achtelfinale schafft?

Hashemian: Das wünsche ich mir sehr. Und natürlich stehe ich hinter der Nationalmannschaft meines Landes. Dennoch glaube ich, dass man auch realistisch sein muss. Statistisch gesehen hat der Iran kaum Chancen, aber im Fußball ist alles möglich! Das griechische Team z.B. hat, wenn Sie sich erinnern, die Europameisterschaft 2004 unerwartet gewonnen. Der Iran hat auch manchmal ungewöhnlich gute Arbeit geleistet. Ich hoffe daher, dass genau dieser Fall wieder eintritt. Die Erwartungen an die Nationalmannschaft müssen sich jedoch in Grenzen halten.

Der iranische Nationaltrainer Carlos Queiroz konzentriert sich erst einmal nur auf das erste Spiel Irans gegen Nigeria, denn wenn der Iran dieses Spiel erfolgreich meistert, ist der halbe Weg ins Achtelfinale zumindest geschafft. Wie ist da Ihre Einschätzung?

Hashemian: Meiner Meinung nach werden alle drei Spiele nicht leicht und somit heißt es für mich nicht, dass bei einem Sieg im ersten Spiel der Iran auch direkt weiterkommt. Es kann genauso gut sein, dass das iranische Team die darauffolgenden beiden Spiele verliert. Ich denke, dass alle das bosnische Team etwas unterschätzen. Bosnien hat sehr gute Spieler, die in Europa, in der englischen oder deutschen Liga spielen. Vielleicht ist Bosnien sogar eine der stärksten Mannschaften in unserer Gruppe. Deswegen dürfen wir dieses Team nicht unterschätzen.

Welchen Unterschied sehen Sie in der Spielart der iranischen Nationalmannschaft im Vergleich zum Pendant des Jahres 2006 in Deutschland?

Iran's players attend a training session at the CT Joaquim Grava training ground in Sao Paulo at the 2014 FIFA World Cup football tournament on 13 June 2014 (photo: BEHROUZ MEHRI/AFP/Getty Images)
"Unser Star ist der Teamgeist": Irans Trainer Carlos Queiroz war Anfang der 1990er Jahre sportlicher Geburtshelfer des legendären Jahrgangs um Luis Figo und Rui Costa, inzwischen verbreitet er sein Fußball-Wissen rund um den Globus.

Hashemian: 2006 hatten wir ein Spitzenteam mit erfahrenen Fußball-Legionären. Ich habe das Gefühl, dass das aktuelle iranische Team aufgrund mangelnder Erfahrung etwas Probleme haben wird. Denn unsere Spieler spielen kaum in Europa und das kann in Verbindung mit der mangelnden "Big-Game"-Erfahrung in der Tat ein wenig problematisch werden.

Welche Mannschaften sehen Sie als eventuelle Sieger dieser Weltmeisterschaft?

Hashemian: Meiner Meinung nach steht Brasilien an erster Stelle. Auch Deutschland, Spanien und Argentinien halte ich für konkurrierende Kandidaten. Das sind Mannschaften, die eine echte Chance haben – aber warten wir es ab!

Was für Erwartungen haben Sie an die Fußballweltmeisterschaft 2014, vor allem was spielerische Neuerungen angeht? Vor vier Jahren war es der spanische Spielstil "Tiki-Taka"…Welcher Stil könnte uns bei der diesjährigen WM erwarten?

Hashemian: Die Mannschaften sind in Bezug auf Konterspiel und sogenannten Übergang von der Verteidigung zum Angriff sowie vom Angriff zur Verteidigung verhältnismäßig stark geworden. Ich denke, dass zunehmend auf Kontertaktik gesetzt wird. Aufgrund der geschlossenen Verteidigung werden auch Freistöße eine sehr große Rolle spielen.

Interview: Farid Ashrafian

© Qantara.de 2014

Aus dem Persischen von Shohreh Karimian

Der frühere iranische Fußball-Nationalspieler und Ex-Bundesliga-Profi Wahid Hashemian (38) spielte in der Bundesliga für den HSV, VfL-Bochum, Bayern München und Hannover 96. In der Bundesliga bestritt Hashemian 208 Spiele und traf 38-mal. Für den Iran war der Torjäger 50-mal im Einsatz und erzielte dabei 15 Länderspieltreffer.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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