"Visions of Iran" - Iranisches Filmfestival Köln

30 Jahre Halabdscha - der lange Schatten der Vergangenheit

Der Erste Golfkrieg, der Giftgasangriff auf das irakische Dorf Halabdscha sowie die Mitverantwortung westlicher Firmen beim Aufbau von Chemiewaffen in der Region waren Schwerpunkte des Filmfestivals "Visions of Iran" in Köln. Von Bernd G. Schmitz

Der Giftgasangriff auf das kurdische Dorf Halabdscha gilt als größte Tragödie des Irak-Iran-Kriegs. Weniger bekannt ist, dass es vor- und nachher ähnliche Verbrechen gab – allesamt Strafaktionen gegen die kurdische Bevölkerung Iraks, die von Saddam Husseins Baath-Regime der kollektiven Zusammenarbeit mit dem Erzfeind Iran bezichtigt wurde.

In dem Film "Zemnako" des Iraners Mehdi Ghorbanpour aus dem Jahr 2015 erfährt der Protagonist erst als junger Mann, dass er als Baby den Giftgasanschlag auf Halabdscha überlebte, in den Wirren des Angriffs von seiner Familie getrennt und von einer Iranerin adoptiert wurde.

Die Dokumentation zeigt Zemnako bei der Suche nach seinen familiären Wurzeln. Mit Hartnäckigkeit und Glück gelingt es ihm, Kontakte zu offiziellen Stellen im irakischen Teil Kurdistans herzustellen. Die anschließende Reise dorthin und die Gentests bei möglichen Verwandten werden zu einem Medienereignis, das auch die Vertreter der kurdischen Regionalregierung für sich zu nutzen wissen.

Am Schluss des Films schließt Zemnako, von Gefühlen überwältigt und umringt von TV-Kameras, seine Mutter in die Arme. Unter die Freude mischt sich Trauer, als er erfährt, dass Vater und Geschwister seinerzeit im Giftgas starben.

Eine andere Facette des Irak-Iran-Krieges zeigte der ebenfalls 2015 entstandene Film "Memories for all Seasons". Der in Österreich lebende Regisseur Mostafa Razzagh-Karimi dokumentiert darin rückblickend, wie eine Gruppe Iraner 1984 zur medizinischen Behandlung nach Wien gebracht wurde.

Plakat des Films "Zemnako" des iranischen Regisseurs Mehdi Ghorbanpour
Suche nach der Vergangenheit: In dem Film "Zemnako" des Iraners Mehdi Ghorbanpour aus dem Jahr 2015 erfährt der Protagonist erst als junger Mann, dass er als Baby den Giftgasanschlag auf Halabdscha überlebte, in den Wirren des Angriffs von seiner Familie getrennt und von einer Iranerin adoptiert wurde.

Die schwarz-weißen Filmaufnahmen vom Eintreffen der verwundeten und unter den Folgen eines Gasangriffs leidenden Soldaten gehen unter die Haut. Einige überleben nicht mal die ersten Tage, die anderen erwartet eine lange Behandlung in Wiener Hospitälern und die anschließende Rekonvaleszenz in einem Sanatorium vor den Toren der Stadt. Doch auch nachdem die Männer in den Iran zurückgekehrt sind, leiden sie weiter an den Folgen ihrer Verletzungen.

Zeitzeugen-Berichte und Recherchen vor Ort

Der iranische Regisseur Razzagh-Karimi belässt es nicht bei diesen historischen Bildern, sondern fügt diesen Interviews mit Zeitzeugen hinzu, die 1984 an der Behandlung der iranischen Kriegsverletzten beteiligt waren. Einer von Ihnen ist Prof. Gerhard Freilinger. Der engagierte Mediziner behandelte damals nicht nur einige der iranischen Soldaten in seiner Wiener Klinik, sondern reiste auch mit einer UN-Delegation nach Chorramschahr im iranisch-irakischen Grenzgebiet, um dort Beweise dafür zu sichern, dass es sich bei seinen iranischen Patienten tatsächlich um Giftgasopfer handelte.

Bei der an den Film anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie unterschiedlich manche Zuschauer das beurteilen, was ein solcher, 66 Minuten langer Dokumentarfilm an Informationen zu transportieren vermag. Hauptkritikpunkt war, dass im Film nicht auf die Herkunft der Chemiewaffen und deren Hersteller eingegangen wurde. Das war vielen der Diskutanten wichtig, weil sie selbst Ende der 1980er Jahre auf die Straße gegangen waren, um für die Ächtung chemischer Kampfstoffe zu protestieren.

Dr. Karin Mlodoch vom Verein "Haukari" war als Gast auf dem Podium vertreten. Der Frankfurter Verein kümmert sich im Nordosten Iraks um die Giftgas-Geschädigten und Opfer von politischer und sozialer Gewalt, vor allem Frauen. "Die Menschen leiden dort nicht nur an den gesundheitlichen Spätfolgen, sondern auch unter dem Gefühl, dass die Welt zu den Giftgaseinsätzen gegen die kurdische Bevölkerung weitgehend geschwiegen hat", erklärt Mlodoch einen Beweggrund für ihre Arbeit. Der Angriff auf Halabdscha im März 1988 sei von den Tätern als Vergeltungsschlag für grenzüberschreitende Bewegungen von iranischen Truppen und kurdischen Widerstandskämpfern legitimiert worden. Dieser Racheakt traf vor allem Zivilisten.

Verheerende Zerstörungen im Rahmen der "Anfal"-Operation

Neben der Tragödie von Halabdscha, bei der bis zu 5.000 Menschen starben, habe es aber auch noch die sogenannte "Anfal"-Operation gegeben, eine groß angelegte Militäraktion in den kurdischen Widerstandsgebieten entlang der Grenze. Tausende Dörfer seien dabei zerstört worden, immer wieder kam es dort zum Einsatz von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung. Bei der Operation, die im Herbst 1987 begann und 1989 endete, wurden insgesamt über 100.000 Menschen verschleppt und getötet.

Der Irak-Iran-Krieg und die Verstrickung ausländischer Firmen war auch Teil des Vortrags, den die Filmemacherin Negar Tahsili beim Filmfestival hielt. Die ehemalige Stipendiatin der Akademie der Künste der Welt in Köln erlebte den Krieg als Kind in Teheran. Für Ihr Projekt "Museum of Peace: An audiovisual tour" lässt sie Mitarbeiter des Tehran Peace Museum vor der Kamera zu Wort kommen.

Irakische Familien trauern um ihre Angehörige 30 Jahre nach dem Giftgasangriff von Halabdscha; Foto: Reuters
Gedenken an die Opfer des Massakers: Zum 30. Jahrestag hatte eine Opfer-Vereinigung vor einem Gericht in Halabdscha eine Klage gegen drei deutsche Firmen eingereicht, die an dem irakischen Chemiewaffenprogramm beteiligt gewesen sein sollen. Die US-Anwaltskanzlei MM Law, welche die Opfer vertritt, fordert von den Konzernen wegen Beihilfe zum Völkermord eine Entschädigung in Milliardenhöhe.

Die von ihren Kriegsverletzungen gezeichneten Veteranen schildern dabei nicht nur, wie sie die Giftgasangriffe an der Front erlebten, sondern werfen auch Fragen nach Schuld und Verantwortung auf: Wer hat dem Irak zu Chemiewaffen verholfen und warum wurden so wenige Unternehmen dafür zur Rechenschaft gezogen?

Lukrative Geschäfte mit dem Tod

Heute weiß man: Singapur, die Niederlande, Ägypten, Indien, Deutschland, Luxemburg und Brasilien lieferten mögliche Grundsubstanzen. Die zur Herstellung notwendige Ausrüstung kam aus Spanien, Österreich und Frankreich, der weitaus größte Teil (52 Prozent) aber aus Deutschland. In diesem Zusammenhang fällt regelmäßig der Name des Laborgeräteherstellers Karl Kolb aus Dreieich bei Frankfurt. Der "Spiegel" berichtete mehrfach darüber, welche Rolle die Firma mit ihrer inzwischen liquidierten Tochter Pilot Plant seinerzeit bei der Herstellung des irakischen Giftgases spielte. Für eine Verurteilung, wie im Falle des niederländischen Unternehmers Frans van Anraat, reichten deutschen Gerichten die Beweise allerdings nie aus.

Negar Tahsili hat für ihren Vortrag auch auf der Homepage der Firma Kolb recherchiert. Es erstaunte sie wenig, dass dort im Kapitel über die Firmengeschichte zwar die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Karl Kolb im Jahr 1983 erwähnt wird, nicht aber dessen wirtschaftliche Verflechtungen im Irak Saddam Husseins.

Regelrecht fassungslos sei sie aber gewesen, als sie auf der Webseite las, dass das Unternehmen seit 2010 wieder ein Büro im irakischen Basra unterhalte und 2017 sogar Firmenvertreter zu einer wissenschaftlichen Konferenz nach Teheran entsandte: "Das wirkt ganz so, als habe es den Krieg, das Giftgas und die damit verbundenen Geschäfte nie gegeben."

Bernd G. Schmitz

© Qantara.de 2018

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