Der Stellvertreterkrieg

Al Kaida hat durch den Einmarsch des Westens zwar sein afghanisches Hauptquartier verloren, doch derzeit sind nach US-Angaben rund 20 Terrorgruppen in Afghanistan aktiv. Amerikas längster Krieg wird massiv von außen befeuert. Vor allem Pakistan, Indien, Iran, China und Russland verfolgen eigene strategische, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Interessen. Pakistan will verhindern, dass in Kabul eine Regierung amtiert, die den Erzrivalen Indien unterstützt.

Deshalb haben die gestürzten Taliban von Anfang an massive Unterstützung aus Pakistan erhalten, obwohl die Atommacht sich nach dem 11. September 2001 offiziell der Anti-Terror-Koalition von George W. Bush anschloss. Im pakistanischen Grenzgebiet finden die Fundamentalisten aus dem Nachbarland bis heute sichere Rückzugsgebiete.

Indien will den pakistanischen Einfluss schrumpfen und seine regionale Macht ausbauen. Iran will verhindern, dass die USA dauerhaft Stützpunkte im Nachbarland unterhalten und die schiitische Minderheit Afghanistans unterstützen, gegen die sich inzwischen besonders viele Anschläge richten. Russland will verhindern, dass eine dschihadistische Welle über Zentralasien schwappt. China will einen Wirtschaftskorridor aufbauen, der durch Afghanistan nach Pakistan führt. Beide Großmächte stoßen sich an der amerikanischen Präsenz. Auch aus dem arabischen Raum fließt viel Geld an die Taliban und den selbsternannten "Islamischen Staat".

Es gibt ein aktives Ringen um Verbündete auf dem afghanischen Schlachtfeld. "Die Akteure destabilisieren sich gegenseitig", sagt Almut Wieland-Karimi und spricht von "tektonischen, machtpolitischen Verschiebungen der weltweiten Ordnung".

Afghanische Frauen in Kabul. Foto: Reuters
Entsetzen und Misstrauen: afghanische Zivilisten haben viele Feinde. Vor allem der öffentliche Raum für Frauen schwindet.

Zerbrechlicher Fortschritt

Ist Afghanistan ein gescheiterter Staat? Es sind in den vergangenen 16 Jahren viele hundert Milliarden Dollar nach Afghanistan geflossen, vor allem aus den USA. Es hat große Fortschritte im Bereich der Infrastruktur, der Bildung und des Gesundheitswesens gegeben. Das Land ist aus der Isolation ausgebrochen, es hat sich eine lebendige Medienlandschaft entwickelt. Internet und Mobilfunk gehören in den Städten zum Alltag. Es ist eine junge, engagierte Elite herangewachsen, die sich für den Wiederaufbau ihres Landes engagiert.

Doch dieser Prozess ist nicht unumkehrbar. Der afghanische Staat, der nach dem Sturz der Taliban mit westlicher Hilfe entstanden ist, kann ohne ausländische Truppen und ohne ausländisches Geld nicht überleben. Junge Afghanen stellen derzeit die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe in Europa. Dieses Dilemma könnte auch ein neuer General Nicholson nicht lösen.  

Sandra Petersmann 

© Deutsche Welle 2017

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