Internationale Missionen isoliert

Der bisher schwerste Anschlag in Kabul seit dem Sturz der Taliban ereignete sich am 31. Mai 2017 in unmittelbarer Nähe der deutschen Botschaft. Mehr als 150 Menschen verloren ihr Leben, als sich ein Selbstmordattentäter mit einem Wasser-Tanker in die Luft sprengte, der mit Sprengstoff präpariert war. Die Botschaft musste anschließend geräumt werden - wie zuvor schon das deutsche Generalkonsulat in Mazar-i-Sharif, das bei einem Anschlag im November 2016 ebenfalls zerstört worden war. Die internationalen Missionen verschanzen sich hinter immer höheren Sprengschutzmauern. Diplomatisches Leben findet isoliert und weit entfernt von der Bevölkerung statt.

Die afghanischen Sicherheitskräfte erleiden hohe Verluste und kontrollieren heute weniger als 60 Prozent des Landes. Die USA und ihre Partner, das mächtigste Militärbündnis der Welt, haben keine Exit-Strategie. "Dieser Krieg kann nicht mit Bomben gewonnen werden", betont Menschenrechtskommissarin Sima Samar in Kabul. "Er kann nur durch die Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden, in dem wir Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit fördern. Die Korruption treibt einen immer größeren Keil zwischen die staatlichen Institutionen und die Bevölkerung -genauso wie die Freundschaft der internationalen Staatengemeinschaft mit korrupten Kriegsfürsten."      

Es deutet zum jetzigen Zeitpunkt viel darauf hin, dass USA und NATO wieder mehr Truppen nach Afghanistan schicken wollen, um das Blatt zu wenden. Derzeit sind rund 4000 Soldaten im Gespräch.

Doch Soldaten können nicht wiedergutmachen, was Politiker versäumen, betont die deutsche Afghanistan-Expertin Almut Wieland-Karimi: "Eine Befriedung kann nur erreicht werden, wenn die internationalen, regionalen und nationalen Akteure eine abgestimmte Strategie und Zielsetzung entwickeln. Sie müssen sich an einen Tisch setzen und ihre jeweiligen Interessen transparent machen. Dazu bedarf es des politischen Willens aller Beteiligten. Und einer politischen Institution, die diesen koordinieren kann", ergänzt Wieland-Karimi. "Dabei fallen mir nur die Vereinten Nationen ein. Dies ist ein aufwändiger und langwieriger Verhandlungsprozess, aber ohne diesen wird es keine Friedenslösung geben."

Zivilisten haben viele Feinde

Eine friedliche Lösung scheint Lichtjahre entfernt. Es werden aus fast allen Provinzen Kämpfe und Terroranschläge gemeldet, die immer mehr Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land machen. Allein seit Januar 2017 haben nach UN-Angaben mehr als 170.000 Menschen ihr zu Hause verloren. 

Afghanistan erlebt seit fast vier Jahrzehnten ununterbrochen Krieg. In diese Zeit fällt auch die sowjetische Besatzung. In den 1980er Jahren war die Sowjetunion in der Spitze ebenfalls mit über 100.000 Soldaten im Land. Der dauernde Kriegszustand hat die multiethnische Gesellschaft sozial und politisch fragmentiert.

Die nationale Einheitsregierung von Präsident Ashraf Ghani und Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah lähmt sich durch interne Machtkämpfe. Um die Lage zu stabilisieren, arbeitet die internationale Militärmission weiter eng mit lokalen Machthabern und Regionalfürsten zusammen, von denen nicht wenige in Drogenhandel, Menschenraub, sexuellen Missbrauch und andere kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Einige wie Vizepräsident Dostum verfügen über eigene Milizen. Dostum und seine Leute werden aktuell beschuldigt, einen politischen Rivalen verschleppt und vergewaltigt zu haben. Der Vizepräsident hat sich vorrübergehend in die Türkei zurückgezogen, um einem Verfahren zu entgehen. 

Diese Kultur der Straflosigkeit "sorgt für eine große Legitimationslücke, die die Taliban und andere militante Gruppen ausnutzen können", betont der afghanische Politikwissenschaftler Niamatullah Ibrahimi. Ibrahimi hält das Machtvakuum für einen gefährlichen Nährboden für Dschihadisten. Er empfiehlt der internationalen Staatengemeinschaft dringend, "eng mit Präsident Ghani und den politischen Oppositionsgruppen zusammenzuarbeiten, um einen gemeinsamen politischen Konsens zu entwickeln."

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