Darüber hinaus könnten die schiitischen Milizen in der Region sogar die Gewalt des "Islamischen Staats" in den Schatten stellen. Wahrscheinlich würde sich die libanesische Hisbollah direkt an einem Krieg gegen Israel beteiligen, was bedeuten könnte, dass der Libanon als Land vernichtet würde.

Und auch die Hamas in Gaza könnte die Gelegenheit nutzen, eine weitere Front zu eröffnen – und damit dem bereits jetzt verwüsteten Gazastreifen völlig den Rest geben. Und auch Syrien und sogar der Irak würden unweigerlich zu Schlachtfeldern, was noch mehr Elend zur Folge hätte.

Zudem würde die Wirtschaft der Golfstaaten extremen Schaden erleiden. Ein Krieg hätte drastische Auswirkungen auf die Ölvorräte, was wiederum die Preise für das „schwarze Gold“ in schwindelnde Höhen katapultieren könnte. Wie die Türkei in Nordsyrien auf ein derartiges Chaos reagieren und sich an einem Krieg beteiligen würde, bleibt eine offene Frage. Und würde dieser Krieg – was wahrscheinlich ist – längere Zeit andauern, könnte man sich das Ausmaß der Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen kaum vorstellen.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu präsentiert angebliche Pläne Teherans zum Bau von Atombomben; Foto: Reuters
Netanjahus zweifelhafte Enthüllungen gegen den Iran: Israels Ministerpräsident hatte am Montag gesagt, sein Land habe Erkenntnisse, wonach der Iran ein "geheimes Atomprogramm" verfolge, das er jederzeit wieder aktivieren könne. Die Informationen stammen nach seinen Angaben aus einem "geheimen Atomarchiv" des Iran, aus dem Israels Geheimdienste vor wenigen Wochen zehntausende Dokumente erhalten hätten. Die IAEA hat wiederholt bestätigt, dass sich der Iran voll an das Wiener Abkommen hält. Am Dienstag erklärte die Behörde, es gebe "keine glaubwürdigen Hinweise" auf ein iranisches Atomwaffenprogramm nach 2009.

Das Scheitern der Diplomatie

Eine weitere beängstigende Variable eines solchen Krieges ist die Position Russlands. Die russischen Beziehungen zum Westen werden immer schlechter, und das Land wird immer mehr zum Gegner der westlichen Politik. Da Russland sich bemüht, seinen Einfluss im Nahen Osten zu festigen, würde es wahrscheinlich den Iran unterstützen.

In der rechtskonservativen israelischen Presse werden die iranischen Mullahs als Fanatiker dargestellt, die den jüdischen Staat existenziell bedrohen. Eine solche Wahrnehmung ist jedoch sinnentleert und unbegründet. Jenseits der aggressiven Rhetorik ist die offizielle iranische Einstellung gegenüber dem israelisch-palästinensischen Konflikt viel gemäßigter.

Der Iran würde letztlich das akzeptieren, was auch die Palästinenser akzeptieren würden. Käme es zu einer gerechten Lösung im Konflikt mit den Palästinensern, würde auch die angebliche Bedrohung durch den Iran schnell wegfallen. Die momentane amerikanische Regierung aber macht das Gegenteil, indem sie Palästina ignoriert und Israel blind unterstützt. Damit spielt sie den iranischen Kriegstreibern in die Hände und trägt dazu bei, dass sich die dortige Öffentlichkeit radikalisiert und immer mehr für iranische Werte öffnet.

Aus dem Krieg im Jemen sollten die Saudis eigentlich ihre Lektion gelernt haben: Man kann zwar entscheiden, wann man einen Krieg beginnt, hat dann aber keinen Einfluss mehr darauf, wann er wieder beendet wird. Ein Krieg gegen den Iran hätte unvorstellbare Folgen. In einem solchen Konflikt gäbe es nur Verlierer.

Fließt nur ein Bruchteil der Bemühungen und Ressourcen, die für einen solchen Krieg vergeudet würden, in die Diplomatie, kann eine umfassende friedliche Einigung mit dem Iran erreicht werden, was sich wiederum auf die gesamte Region auswirken würde. Die USA signalisieren im Augenblick ihre Bereitschaft, mit Nordkorea zu sprechen – und zu versuchen, Asien vor den Gefahren und der Zerstörung eines Atomkriegs zu schützen. Warum sollte dies nicht auch im Nahen Osten möglich sein?

Khaled Hroub

© Open Democracy 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub ist Berater des "Oxford Research Group's (ORG) Middle East Programme" und zählt gegenwärtig zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum. Er war Direktor des "Cambridge Arab Media Project" an der Universität Cambridge.

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