Urbane Aneignungspolitik in Jerusalem

Mamilla und der Tower of David

Am Jerusalemer Stadtviertel Mamilla, das sich zwischen West-Jerusalem und der Altstadt erstreckt, lässt sich beobachten, wie stadtplanerische Entscheidungen den öffentlichen Raum verändern und eine neue visuelle Realität mit großer politischer Strahlkraft schaffen. Felix Koltermann hat sich vor Ort umgesehen.

Es ist gibt wohl kaum eine Stadt auf der Welt, in der der öffentliche Raum derart stark von politischen Fragestellungen und Konflikten durchdrungen ist, wie Jerusalem. Nur ein kleiner Teil der damit verbundenen Phänomene ist jedoch auf den ersten Blick sichtbar. Vieles erschließt sich erst dann, wenn man mit aufmerksamem Blick durch die Stadt geht, Fragen stellt und einzelne Puzzleteile zusammensetzt.

Was in Jerusalem kollidiert, ist der jüdisch-zionistische Traum eines vereinigten Jerusalems mit dem Anspruch der Palästinenser, Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt zu ihrer Hauptstadt zu machen, mit zum Teil verheerenden Auswirkungen auf die Stadtgeographie.

Nach internationalem Recht besteht Jerusalem bis heute aus zwei Teilen: West- und Ost-Jerusalem. Zur Teilung der Stadt kam es im ersten arabisch-israelischen Krieg 1948/49, als Jordanien die Altstadt und die angrenzenden Viertel besetzte. Die Waffenstillstandslinie, auch "grüne Linie" genannt, verlief mitten durch die Stadt und bestand dort zu einem Großteil aus einer Mauer.

Vor allem rund um die Altstadtmauern gab es größere Gebiete, die als Niemandsland deklariert wurden, eine Art Pufferzone zwischen beiden Seiten. Im Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 eroberte Israel die Altstadt und besetzte sie, womit der Traum eines vereinten jüdischen Jerusalems erfüllt wurde. 1980 wurde dann Ost-Jerusalem von Israel völkerrechtswidrig annektiert.

Mamilla auf der "grünen Linie"

Im Westen der Altstadt erstreckt sich am oberen Ende des Hinnom-Tals entlang der "grünen Linien" das Stadtviertel Mamilla. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat es eine Brückenfunktion zur Altstadt inne. Zu dieser Zeit war es ein gemischtes jüdisch-arabisches Geschäftsviertel. Es entstand als Ausdehnung des engen und überfüllten Souks der Altstadt.

Nach dem Unabhängigkeitskrieg lag ein Teil im Niemandsland, der andere unter israelischer Kontrolle, aber in Reichweite jordanischer Scharfschützen. Dort wohnten vor allem arme jüdische Migranten aus der arabischen Welt. Nach 1967 wurden einige sehr heruntergekommene Gebäude abgerissen. Ende der 1960er Jahre rief der Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek eine Kommission ein, um stadtplanerische Entwürfe für das Viertel zu entwickeln, um die Teilung der Stadt zu überwinden.

Schilder an neu errichteten Bauten des Apartmentkomplexes "Legacy"  in "David's Village", einer "Gated Community" für wohlhabende Ausländer; Foto: Felix Koltermann
Abschottung vom Rest: Der Apartmentkomplex "Legacy" am Rande des "David's Village", einer sogenannten "Gated Community". Hier bleibt das neureiche Klientel unter sich. Das gesamte Areal ist videoüberwacht, an den Eingängen gibt es Wärterhäuschen.

Es dauerte bis Ende der 1980er Jahre, bevor erste Projekte in Form hochwertiger Apartmentkomplexe umgesetzt wurden. Die Apartmentkomplexe richten sich an eine wohlhabende Klientel aus dem Ausland und sind sogenannte "Gated Communities": abgeschlossene Wohneinheiten mit privatem Sicherheitsdienst und so wohlklingende Namen wie "David's Village" oder "Legacy". Die meiste Zeit des Jahres stehen sie leer, so dass die Viertel auch als "ghost town" verschrien sind.

Heute ist Mamilla noch von zwei anderen Phänomenen geprägt: vom Einkaufszentrum Alrov Mamilla und von luxuriösen Hotelbauten. Das Einkaufszentrum wurde 2007 eröffnet und ist eine Open-Air Flaniermeile mit Läden internationaler Modeketten und teuren Geschäften. Wie überall in Jerusalem sind alle Gebäude im Jerusalemstein, einem weißen Kalkstein aus der Region, errichtet. Einige der historischen Gebäude, wie das Stern-Haus, wurden abgetragen und Stein für Stein an anderer Stelle wieder errichtet. Zwei neu gebaute Fünf-Sterne Hotels, das David Citadel Hotel und das Mamilla Jerusalem Hotel, runden den Komplex ab.

Mythos David

Ein wichtiger Referenzpunkt, nicht nur für das Stadtviertel Mamilla, sondern auch die politisch-visuelle Neu-Konzeptionierung Jerusalems, ist der sogenannte „Tower of David“. Damit wird ein Minarett aus dem 16. Jahrhundert bezeichnet, welches vom Turm einer Festung am Rande der Altstadt aufragt, die auf den König Herodes (Erstes Jahrhundert vor Chr. zurückgeht. Fälschlicherweise wurde die Festung im 19. Jahrhundert König David zugeschrieben, einer mythischen Figur im Judentum. Die Bedeutung Davids als Symbol lässt sich zum einen an der Benennung neuer Projekte wie dem David’s Village oder dem David Citadel Hotel erkennen.

Damit verbunden ist die Nutzung des Turms als visuelles Symbol in der Selbstdarstellung der Projekte. Zum anderen ist auch die Architektur daran orientiert, was sich an der Ausrichtung der Flucht der zentralen Gasse von Mamilla auf den Turm hin zeigt. In diesem Zusammenhang sprechen einige Autoren auch von einer "Davidisierung" der Stadt.

Ein wesentlicher Effekt der rund um Mamilla zu beobachtenden Maßnahmen ist, dass jegliche Zeichen, die auf eine Trennung zwischen Ost- und West-Jerusalem hinweisen, aus dem Stadtbild getilgt wurden. Dazu gehören auch der Einschluss des Niemandslands und dessen Kapitalisierung, beispielsweise in Form des Einkaufszentrums und der dazu gehörigen Parkgarage.

Blick vom Teddy Kollek Park auf die Mauern der Altstadt; Foto: Felix Koltermann
Jerusalems "schöne neue Welt": Blick vom Teddy Kollek Park auf die Mauern der Altstadt mit den Türmen des Jaffa Gate und den darunter liegenden Terrassen des Einkaufszentrums Alrov Mamilla.

Da das Niemandsland jedoch nach internationalem Recht bis heute existiert, findet es sich immer noch auf Karten, unter anderem auf Google Maps. Dieser Umstand veranlasste den israelischen Künstlers Guy Briller im Jahr 2011, das Niemandsland neu zu vermessen und zum Objekt seiner Auseinandersetzung zu machen. Mit befreundeten Künstlern bespielte er das Niemandsland, um über Kunstaktionen im öffentlichen Raum auf dessen Existenz und die aktuelle politische Brisanz des Ortes hinzuweisen.

Luxusimmobilien und "Holy Land"-Tourismus

Die Art und Weise, wie die Altstadt vom Westteil der Stadt unter anderem über die stadtplanerische Konzeptionierung des Stadtviertels Mamilla oder die Parks, welche die Stadtmauer einfassen und sich zwischen der Mauer und den "Gated Communities" im Hinnom-Tal erstrecken, visuell eingehegt wird, greift auf westliche Vorstellungen eines "authentischen" Jerusalems zurück.

Damit werden, so die israelische Architekturprofessorin Alona Nitzan Shiftan, die Vorstellungen einer "schönen Stadt", wie sie in der westlichen Moderne existieren, reproduziert. Letztlich bedeutet dies die Umsetzung des jüdischen-zionistischen Traums eines wiedervereinigten, jüdischen Jerusalems. Neben der Stärkung eines ethno-nationalen Politikdiskurses in Israel kommt dies vor allem der auf Luxusobjekten ausgerichteten Immobilienwirtschaft sowie dem "Holy Land"-Tourismus zugute, der auf der Suche nach den jüdisch-christlichen Wurzeln des Okzidents in die Region kommt.

Die hier beschriebenen Phänomene in Jerusalem sind darüber hinaus in einem größeren sozio-politischen Kontext zu betrachten, in dessen Zentrum der israelisch-palästinensische Konflikt und die ökonomische Transformation Israels stehen.

In Bezug auf den Konflikt mit den Palästinensern gehen laut einer Studie von Dana Hercberg und Chaim Noy die in Jerusalem zu beobachtenden stadtplanerischen Maßnahmen mit einer Abkehr von einer Verhandlungslösung hin zu einer unilateralen Segregationspolitik von Seiten Israels einher.

Was die ökonomische Seite angeht, so zeigen sich hier die Folgen neoliberaler Praktiken wie der Öffnung des Immobilienmarktes für ausländisches Kapital und der Privatisierung öffentlicher Räume. Welche Folgen dies auf lange Sicht für die soziale Textur der Stadt haben wird, ist noch nicht abzusehen.

Felix Koltermann

© Qantara.de 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Mamilla und der Tower of David

Schön, mal etwas über Jerusalem zu lesen, wo es nicht um Mord- und Totschlag geht. Dass Israel ein kapitalistisches Land ist und Stadtentwicklung dementsprechend stattfindet ist bedauerlich aber bekannt.
Aber: Nach welchem internationalen Recht besteht Jerusalem bis heute aus zwei Teilen: West- und Ost-Jerusalem?
Vom ungeteilten Jerusalem wurde 1949 die (hauptsächlich von Juden bewohnte!) Altstadt und die östliche Hälfte von Jordanien besetzt. Eindeutig völkerrechtswidrig weil Jordanien ganz augenscheinlich ein nicht zu Jordanien gehöriges Gebiet mit Gewalt okkupierte. "Anerkannt" von Großbritannien und Pakistan(!).
1967 wurden Jordanien die besetzten Gebiete wieder abgenommen und Jerusalem wieder vereint. Was ist daran "völkerrechtswidrig"? Dass das wieder vereinte Jerusalem zu Israel "annektiert" wurde? Bei der zugegeben komplizierten Gemengelage greift das Völkerrecht nicht. Und wenn, dann zugunsten Israels.
Bitte um Quellen. Bitte nicht von Tom Segev oder Norman Paech.
Gruß B.

Karl A. Böttger11.02.2016 | 01:18 Uhr

Eine ausführliche Darlegung der unterschiedlichen Rechtsauffassungen ist unter anderem in einem "Legal Fact Sheet" des Auslandsbüros palästinensische Gebiete der Konrad-Adenauer-Stiftung zu finden. Dieses Dokument ist über die Homepage der Stiftung abrufbar.

Dort heißt es, dass sowohl die EU als auch die UN "von einem besetzten Ost-Jerusalem" sprechen und "eine Zweitstaatenlösung im Visier (haben), die Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels beinhaltet". Dieser Auffassung schließe ich mich an und auf diese habe ich im Text rekurriert.

Felix Koltermann11.02.2016 | 12:45 Uhr

Der Unterton von Herrn Böttger liest sich also nun so erkenntnisreich, als seien nun die Jordanier die ursprünglichen Annektoren Ost-Jerusalems gewesen (gut, dass Israel da mal wenig später für reinen Tisch gesorgt hat...). Hier wird einmal wieder der Bock zum Gärtner gemacht. Die geschichtlichen Fakten sehen freilich ganz anders aus, wie wir wissen.

Marjane Vatanparast11.02.2016 | 15:45 Uhr