Unterhaltungsoffensive in Saudi-Arabien

Ernst machen mit dem Spaß

Saudi-Arabien will sich für moderne Kultur und Unterhaltung öffnen. Pop-Konzerte, Shows und Festivals bedeuten für das konservative Königreich eine Zäsur. Das führt auch zu vorsichtigen Lockerungen bei der Geschlechtertrennung. Informationen von Joseph Croitoru.

Dass sich Saudi-Arabien kulturell öffnen soll, darauf deutete vor eineinhalb Jahren schon die Ernennung des damals 35-jährigen Journalisten Adel al Toraifi zum Kultur- und Informationsminister. Unter seiner Regie ist einiges möglich geworden, was im wahhabitischen Königreich bis vor kurzem noch unvorstellbar gewesen wäre.

So wurde im Mai vergangenen Jahres eine Unterhaltungsbehörde ins Leben gerufen, die Teil des staatlichen Großprojekts „Nationaler Wandel 2030“ ist und neue Wege beschreitet. Erkennbar ist dies auch daran, dass die 1966 geborene Chemikerin und Geschäftsfrau Lama al Suleiman zu dem neunköpfigen Leitungsgremium gehört. Sie war vorher – als erste Frau in der Geschichte des Landes – stellvertretende Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer  von Jeddah.

Unter den leitenden Mitgliedern der neuen Behörde ist auch ein Ausländer: Jonathan Tétrault, zuständig für das operative Geschäft beim kanadischen Unternehmen Cirque du Soleil, dessen geplante Auftritte im saudischen Königreich der Kanadier koordinieren wird. Solche Shows würden für saudische Verhältnisse eine Revolution bedeuten, sollten bei der für den 11. Oktober angekündigten ersten Vorstellung im als besonders konservativ geltenden Riad tatsächlich Männer und Frauen gemeinsam auftreten.

Konzerte vor gemischtem Publikum

Beim Thema Geschlechtermischung wagen sich die Unterhaltungsfunktionäre schon jetzt vorsichtig vor. So wurde im Februar im etwas liberaleren Jeddah eine saudische Version der „Comic Con“-Messe mit einigen westlichen Filmstars veranstaltet. Es fand dort auch ein Konzert mit Pop- und Hip Hop-Musik vor einem gemischten Publikum statt, in dem sogar junge Frauen ohne Kopftuch zu sehen waren. In erzkonservativen Kreisen rief die Veranstaltung Empörung hervor.

Saudi Arabiens Kulturminister Adel Al Toraifi im Interview in Ankara in Sept. 2016
Die Beförderung des damals 35-jährigen Journalisten Adel al Toraifi zum Kultur- und Informationsminister wird als Zeichen dafür gedeutet, dass eine Umstrukturierung und Kulturelle Öffnung der saudischen Medienlandschaft bevorsteht.

Seitdem kursieren im arabischsprachigen Internet zahlreiche Videos, in denen das Konzert wie überhaupt die Aktivitäten der saudischen Unterhaltungsbehörde als Ketzerei verunglimpft werden. Die Kritik der Eiferer an der „Comic Con“ von Jeddah blieb bei den Verantwortlichen zwar nicht ungehört. Aber zu mehr als einer nur vage formulierten öffentlichen Entschuldigung sahen sie sich nicht verpflichtet.

Dennoch scheint man dort vorerst Provokationen vermeiden zu wollen. Wohl auch deshalb wurde Mitte Februar Frauen der Besuch des seit 28 Jahren ersten Konzerts in Riad, bei dem zwei bekannte saudische Sänger auftraten, verwehrt. Die Eintrittskarten für die rund zweitausend Besucher waren trotz der hohen Preise von umgerechnet bis zu 630 Euro binnen weniger Stunden ausverkauft.

Die Sittenpolizei hält sich zurück

Die Unterhaltungsoffensive wird allen Widerständen zum Trotz mit Elan vorangetrieben. Der Chef der Behörde, Ahmad al Khatib, – er war früher Gesundheitsminister und zuletzt Berater des Verteidigungsministeriums und des Königs – hat nun für das laufende Jahr nicht weniger als 3000 Events in 22 saudischen Städten angekündigt. Über die Festivals, Konzerte, Theatervorstellungen, Comedy-Abende, Ausstellungen und Massenspektakel wie „Monster Jam“ unterrichtet ein „Unterhaltungskalender“, der von der Behörde über mehrere Webseiten und über Twitter verbreitet wird. Eines der Highlights der kommenden Monate ist der erste Auftritt des amerikanischen Schauspielers Al Pacino in Saudi-Arabien. Am 11. Mai wird er in Riad über sein Leben, seine schauspielerische Karriere sprechen und Fragen der Besucher beantworten.

Die Veranstaltung ist in der Kategorie „für Familien“ aufgeführt und somit prinzipiell für beide Geschlechter offen. Die Überprüfung, ob es sich bei den „Familienmitgliedern“ auch wirklich immer um Verwandte handelt, wäre Aufgabe der Sittenpolizei, die allerdings seit einiger Zeit zumindest bei der Überwachung der allseits vorgeschriebenen Geschlechtertrennung auffallend zurückhaltend ist.

Behördenchef al Khatib jedenfalls sieht sich durch den bisherigen regen Besucherstrom bestätigt. So seien bereits die ersten 77 Veranstaltungen, die im letzten Quartal von 2016 angeboten wurden, von mehr als 150 000 Menschen besucht worden, erklärte er unlängst gegenüber der saudischen Presse. Die „saudische Unterhaltungsindustrie“ sieht al Khatib schon auf eigenen Beinen stehen, auch wenn hier noch viel getan werden müsse. Mit der Zeit sollen an diesem Sektor auch immer mehr einheimische kommerzielle Anbieter beteiligt werden.

Die saudische Kulturreform umfasst seit Neuestem auch die ernste Kultur. Am 7. März wurde die neue, mit diesem Segment befasste Allgemeine Kulturbehörde gegründet, welche die bisherigen Zuständigkeiten des Kulturministeriums in diesem Bereich teilweise übernimmt.

Sie erlaubt eine breite Mitwirkung der saudischen Kulturschaffenden, was eine größere Unabhängigkeit vom Staat garantieren soll. Man will ausdrücklich auch „nicht-traditionelle“ Kultur fördern. Auch hier ist wohl mit einem kräftigen Modernisierungsschub zu rechnen.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2017

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