Ungarn und der Islam

An der Frontlinie des christlichen Abendlandes

Obwohl Ungarn für viele Flüchtlinge lediglich Transitland auf ihrem Weg in den Westen Europas ist, fährt die Regierung unter dem rechts-nationalen ungarischen Ministerpräsident Viktor Orban seit Monaten fremdenfeindliche Kampagnen. Ein Hintergrund von Stefan Buchen

"Bei stürmischer See schiffte ich mich in Alexandrien ein; tiefe Melancholie bemächtigte sich meiner, als ich langsam und langsam die Minarets verschwinden sah. Die Fahrt bedeutete meinen Abschied von dem schönsten Theile meines Lebens."

So beschreibt Ignaz Goldziher seine Abreise über das Mittelmeer nach Europa im Jahr 1874 in seinem Tagebuch. Mehrere Monate hatte der junge Mann aus Budapest in Ägypten, Palästina und Damaskus verbracht. Goldziher hatte sich in fließendem Arabisch mit "islamischen Gelehrten" und "Freidenkern" ausgetauscht und in den Kaffeehäusern die Wasserpfeife genossen. Hatte "andächtig" seine "Stirn" inmitten der Gläubigen am Boden der Azhar-Moschee "gerieben", sich trotz seiner "Religionsverschiedenheit" nie als "Fremdling" gefühlt.

Ignaz Goldziher (1850-1921) war ungarischer Jude und schrieb überwiegend in deutscher Sprache. Seine Orient-Reise erlebte er als Fahrt in die Toleranz, weil er aus dem christlichen Europa die "Demütigungen der judenauschließenden Gesellschaft" gewöhnt war.

Goldziher war der erste, der den Europäern den Islam im Gewand einer wissenschaftlichen Analyse näher brachte. Seine "Vorlesungen über den Islam", seine "muhammedanischen Studien" und seine "Richtungen der islamischen Koranauslegung" sind Gründungswerke der europäischen "Orientalistik". Im Verdacht kolonialistischer Bevormundung kann er dabei nicht stehen, sprach er sich doch gegen die "Europäisierung" und "Missionierung" des Orients aus.

Der Islamgelehrte Ignaz Goldziher; Quelle: wikipedia
Ignaz Goldziher (1850-1921) erlebte seine Orient-Reise als Fahrt in die Toleranz, weil er aus dem christlichen Europa die "Demütigungen der judenauschließenden Gesellschaft" gewöhnt war. Er war der erste, der den Europäern den Islam im Gewand einer wissenschaftlichen Analyse näher brachte.

Hinweggefegter Dialog

So viel Sympathie für den Islam von einem Professor der Universität Budapest und Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften - um beide Stellungen musste der Forscher lange kämpfen - klingt heute unwirklich und ein wenig absurd. Goldzihers Ideal vom Dialog zwischen Europäern und Muslimen ist von einem Jahrhundert des Hegemoniestrebens und der Unterwerfungsversuche, der Kriege und des Hasses hinweggefegt worden.

Die gegenwärtige Massenflucht aus den Ländern des politisch verwüsteten Orients ist ein Ergebnis dieser unglücklichen Geschichte. In Ungarn wecken die Flüchtlinge sogar noch weiter zurückliegende Traumata. Die nationalistische Regierung wähnt sich an der vordersten Verteidigungslinie im Abwehrkampf gegen eine Invasion.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán sieht in den Flüchtlingen keine Schutzbedürftigen, sondern "muslimische Eindringlinge", ja "Krieger". Er baut abschreckende Zäune, verhängt drakonische Strafen gegen diejenigen, die dennoch die Grenze überschreiten und schaltet Annoncen auf Arabisch in libanesischen Zeitungen, in denen er die “Orientalen” vor dem Betreten seines Territoriums warnt. Der Schritt von der "judenausschließenden Gesellschaft", die Goldziher in Ungarn beklagte, zur "muslimausschließenden Gesellschaft" von heute scheint nicht groß.

Er verteidige "die europäischen Werte", erklärt Orbán. Der ungarische Regierungschef meint damit das "christliche Abendland", das er dem Ideal einer pluralistischen, aus seiner Sicht defätistischen Gesellschaft entgegenstellt. Dramatische historische Bögen werden hier gespannt. Orbán versetzt sein Land zurück ins 16. Jahrhundert. Im Jahr 1526 schlugen die Osmanen das ungarische Heer und unterwarfen das Land an der Donau. Ungarn wurde 160 Jahre lang "islamisch" beherrscht.

Marschiert Europa Richtung Schießbefehl?

Orbán spielt mit diesem Trauma. Mohács, der Ort der Niederlage von 1526, liegt im Dreiländereck von Ungarn, Serbien und Kroatien, da wo heute die Route der Flüchtlinge verläuft. Orbán wagt einen atemberaubenden rhetorischen Rückgriff auf die Zeit der "Türkenkriege".

Nicht ohne Erfolg, denn für seine Politik erntet er offenen Beifall aus Bayern und von den "Freiheitlichen" in Österreich sowie klammheimliche Zustimmung aus vielen anderen europäischen Hauptstädten. Marschiert Europa Richtung Schießbefehl? Die ungeheuerliche Frage muss angesichts der von Ungarn ausgehenden nationalistischen Aufladung inzwischen gestellt werden.  

Man darf vermuten, dass weder Horst Seehofer noch Viktor Orbán je von Ignaz Goldziher gehört haben. Seine Schriften und seine Lebensgeschichte liefern viel Stoff zum Nachdenken. Er lebte keineswegs in einer idealen Epoche, die sich durch Toleranz und Frieden ausgezeichnet hätte. Im Gegenteil. Der Gelehrte war eingezwängt zwischen dem Hammer des Antisemitismus und dem Amboss der bedrückenden sozialen Verhältnisse innerhalb der jüdischen Gemeinde von Budapest.

 Zivilisten sterben durch Fassbombenabwurf in Aleppo; Foto: Getty Images
Pforte zur Hölle: Wer heute auf den Spuren Goldzihers die Donau hinunter dem Flüchtlingsstrom entgegenreist, wird im Orient nicht mehr das tolerantere Gegenbild einer hasserfüllten europäischen Gesellschaft finden. Niemand wird beim Betreten von Damaskus auf die Idee kommen, "an die Pforte des Paradieses" zu klopfen.

Der tiefgläubige Jude Goldziher spürte die Gefahr der "Entmenschung" durch Nationalismus und religiösen Fanatismus. Er sah die psychologischen Risiken, denen der Mensch beim Übertritt in die Moderne ausgesetzt war. Seine Zuflucht war die "Universalreligion der Propheten". Dem Segen der "Aufklärung" allein wollte er nicht trauen.

Das Forschungssujet "Islam" brachte ihn mit vielen anderen "Orientalisten" in Europa freundschaftlich zusammen. Diese Gelehrtenfreundschaften überschritten auch Grenzen in Staaten, die mit seiner zur habsburgischen "Doppelmonarchie" gehörenden Heimat Ungarn verfeindet waren, etwa nach Frankreich und England. Mitten in der nationalistischen Aufheizung, die zum Ersten Weltkrieg führte, stand der Islamforscher Goldziher für ein anderes Europa.

Wer heute auf den Spuren Goldzihers die Donau hinunter dem Flüchtlingsstrom entgegenreist, wird im Orient nicht mehr das tolerantere Gegenbild einer hasserfüllten europäischen Gesellschaft finden. Niemand wird beim Betreten von Damaskus auf die Idee kommen, "an die Pforte des Paradieses" zu klopfen. "Die alte Kalifenstadt", von der er in seinem Tagebuch schreibt, ist nun wohl eher die Pforte zur Hölle. Der Islam und "das Leben der muhammedanischen Völker und ihr Verhältnis zur Lehre", welche Goldziher so bahnbrechend studiert und mit viel Empathie erforscht hat, sind nicht mehr wieder zu erkennen.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2015

Stefan Buchen arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin Panorama.

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Leserkommentare zum Artikel: An der Frontlinie des christlichen Abendlandes

Danke, Herr Buchen, dass Sie an den in Deutschland heute weitgehend vergessenen Ignaz Goldziher erinnern. Man sollte noch weiter in die Geschichte zurückgehen, und Herrn Orban daran erinnern, dass ausgerechnet eine Prinzessin aus dem heutigen Grenzgebiet zwischen Syrien und Anatolien, dem historischen Kappadokien, im 10. Jahrhundert mit dazu beigetragen hat, dass das aus der asiatischen Steppe östlich des Urals stammende heidnische Reitervolk der Magyaren zu einem Teil des damals katholisch-christlichen Abendlandes wurde. Just in dem Jahr, als sich der Magyarenhäuptling Geza mit seinem Sohn Stefan, dem später sogar heiliggesprochenen legendären ersten König der Ungarn in Prag hat taufen lassen, im Jahr des Herrn 985, trat im fernen Magdeburg die Prinzessin Theophanu die Regentschaft für das dreijährige Kleinkind Otto III. an, die sie bis 997 ausüben sollte. Die Anatolierin/Syrerin Theophanu verheiratete den wilden Reiterhäuptlingssohn auch noch mit einer Verwandten, der bayerischen (!) Königstocher Gisela, die ihm dann erst einmal mitteleuropäische Manieren beibrachte. Erst um 1000 war dann der wilde Magyarenhäuptling soweit "zivilisiert", dass sich der Papst dazu durchrang, ihm die ungarische Königswürde zu verleihen. Theophanu war als "Integrationsbeauftragte" des Heiligen Römischen Reiches so erfolgreich, dass Ungarn nicht nur seitdem als christliches Land Mitteleuropas anerkannt ist, sondern sogar nur knapp 50 Jahre nach dessen Tod Stefan sogar heiliggesprochen wurde.

Die Ungarn sollten den Nachkommen der orientalischen Verwandtschaft von Theophanu, die heute als Flüchtlinge nach Europa strömen, dankbar sein, und ihnen weder Beinchen stellen noch sie mit Fusstritten begrüssen. Da kommen die Manieren der asiatischen Reiterhorden wieder durch, die wir seit dem Mittelalter (durch Theophanu und Gisela!) für bezwungen glaubten .....

Friedrich Schrader09.10.2015 | 16:45 Uhr